HOME

HSV-Bayern: Der Wechsel-Wüterich

Der HSV ist für die Bayern einfach nicht zu schlagen. Im Spitzenspiel profitierten die Hamburger vor allem davon, dass Bayern-Trainer Louis van Gaal ein paar eigenwillige Entscheidungen getroffen hatte.

Von Stefan Osterhaus

Am Ende eines Fußballspiels, das die Bezeichnung Spitzenspiel von der ersten bis zur letzten Minute verdient hatte, kam Louis van Gaal, der Trainer des FC Bayern, zu einer nicht ganz unbedeutenden Erkenntnis: "Ich denke, dass der Klub, der das Tor macht, gewinnt." Ganz sicher war er sich also nicht, der Mann aus den Niederlanden, weswegen er dieses relativierende "ich denke" eingeschoben hatte. Doch im Grunde stellte er sich an die Seite des deutschen Fußballphilosophen Sepp Herberger, bei dem ein solcher Satz gelautet hätte: "Wer die meisten Tore schießt, der gewinnt." Was aus van Gaals Perspektive allerdings bedauerlich war: Es waren nicht die Bayern, die dieses Tor erzielt hatten, sondern der HSV durch Mladen Petric.

Der Kroate hatte in der 73. Minute eine Flanke von Zé Roberto ohne Mühe verwertet, die Konfusion in der bayrischen Verteidigung spielte ihm dabei genauso in den Fuß. An der war freilich nicht allein die Verfassung der bayrischen Abwehr-Recken schuld, sondern auch und vor allem die etwas eigenwillige Vorauswahl des Fußball-Sachverständigen aus Holland. Denn wer einen Blick auf das Personal und dessen Konstellation in diesem Klassespiel warf, der konnte sich nur wundern, dass die Bayern nur mit 0:1 verloren hatten. Der HSV bekräftigte ganz nebenbei eine junge Regel: Seit bald drei Jahren sind die Norddeutschen für den Rekordmeister ein unüberwindliches Hindernis, sechs Spiele hintereinander konnten die Bayern nun nicht mehr gegen die Hamburger gewinnen.

Über die Art und Weise der Niederlage konnte eifrig diskutiert werden. Die Bayern wirkten nämlich anfangs ziemlich fit und auch engagiert. Doch es war die bayrische Formation auf dem Spielfeld, die den HSV stark machte, und daran war der Bayern-Trainer alles andere als unschuldig. Mit der Abwehr fingen die Probleme an. Eine Dreierkette hatte van Gaal in der ersten Hälfte aufgeboten. Rechts stand Breno, der Brasilianer, der es in anderthalb Jahren München auf eine Handvoll Bundesligaspiele bringt. Die Verpflichtung des jungen Mannes - die kolportierte Ablösesumme liegt bei zwölf Millionen Euro - ist eine der bemerkenswertesten Leistungen von Manager Uli Hoeneß: "Ich höre immer, er ist ein Weltklassemann. Aber man sieht ihn nicht", hatte schon Bayern-Ikone Franz Beckenbauer gespottet, der sich nach dem zu Inter Mailand abgewanderten Lucio zurücksehnt, was angesichts der Performance, die Breno an diesen Nachmittag zeigte, durchaus verständlich ist. Denn der Ball schien ihm ein unbekanntes Wesen, und als der Kollege Daniel van Buyten versuchte, ihn in die Spieleröffnung mit einzubeziehen, da hatte Breno Mühe, Pässe über zehn Meter an den Mann zu bringen.

Es verwunderte nicht wirklich, dass der Siegtreffer des HSV über Brenos Seite fiel. Philipp Lahm, der im Mittelfeld ran musste, reagierte auf Nachfragen nach der Experimentierwut des Trainers ein wenig verschnupft. Da müsse man eben den Trainer fragen.

Um dessen Laune war es allerdings nicht gut bestellt. Als van Gaal - wie von Lahm geheißen - nach seinen Umstellungs-Maßnahmen gefragt wurde, sagte er: "In der ersten Halbzeit hat Hamburg mit einer Raute gespielt und zwei Stürmern und da habe ich mit drei hinten gespielt und in der zweiten Halbzeit haben sie mit zwei Stürmern und Elia außen gespielt und das habe ich umgestellt auf vier hinten. Wenn sie das nicht sehen, ist das ihr Problem." Sein tatsächliches Problem war freilich ein ganz anderes. Der Wechsel-Wüterich hatte sich schlicht vertan. Im bayrischen Angriff klappte wenig, was vor allem daran lag, dass Jerome Boateng sowohl Franck Ribéry als auch Arjen Robben zur Bedeutungslosigkeit verurteilt hatte. In dieser Form dürfte Boateng recht bald in der Nationalmannschaft debütieren; Bundestrainer Joachim Löw war im Stadion, und Boateng sagte mit einer bemerkenswerten Lässigkeit, dass ihn dies nicht gestört hätte.

Hamburg kontrollierte in der zweiten Hälfte auch dank einer exzellenten Defensivleistung das Spiel, und Trainer Bruno Labbadia sagte: "Ich kann meinem Kollegen nur beipflichten, das viel über Taktik gegangen ist." Das klang ein wenig schelmisch. Denn Labbadia hatte den vermeintlichen Super-Taktiker aus München lässig übertrumpft. Fußball kann eben manchmal ein ganz einfaches Spiel sein. Hinterher, als alles gesagt war, da schob van Gaal noch eine weitere Erkenntnis hinterher: "Wir haben kein Tor geschossen. Das war unsere Fehler, denke ich."

Wissenscommunity