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HSV im Uefa-Cup-Halbfinale: Die süßeste Niederlage des Martin Jol

1:2 verloren und doch alles gewonnen: Der Hamburger SV zieht nach tollem Kampf gegen Manchester City erstmals seit 26 Jahren wieder in ein europäisches Halbfinale ein. Nicht nur für HSV-Trainer und England-Experte Martin Jol war es ein unvergesslicher Abend.

Von Iris Hellmuth, Manchester

Es war sein Abend, keine Frage. Es war sein Moment, seine Genugtuung, all das wollte Martin Jol ausnutzen, wer konnte es ihm verdenken? Ob das die süßeste Niederlage seiner Karriere gewesen sei? "Ja", sagte der HSV-Trainer, wiegte sanft seinen massigen Kopf zu jeder Seite und sagte: "Ja, ich glaube schon."

Sein Team hatte gerade verloren, 1:2 gegen Manchester City, das Rückspiel im Europapokal-Viertelfinale, doch das war nicht weiter wichtig. Das Hinspiel hatte der HSV schließlich gewonnen, 4:3 stand es für die Hamburger am Ende, und fast alle Spieler sanken zu Boden beim Schlusspfiff, der Kampf gegen Man City hatte ihnen alles abverlangt. Wie verrückt hatten die Engländer gestürmt, gewollt und gekämpft, kaum wiederzuerkennen war die Mannschaft vom Hinspiel im Volkspark. "Na ja, das ist hier eben so in England, wenn man gegen einen Robinho spielt und gegen einen Elano", sagte Jol, gab den wissenden Europäer, und dann brach es doch aus ihm heraus: "Ich hatte gehofft, dass das heute mein Tag ist, für mich, für die Mannschaft, für den Verein", sagte er. Es war ein schöner Moment, der Dolmetscher hatte längst aufgegeben, Martin Jol übersetzte alles allein.

Geld schießt keine Tore

Ein paar Monate war Jol Trainer beim Londoner Stadtteilklub Tottenham Hotspurs gewesen, es war sein erster Job auf der Insel, er tat ihn recht gut, dennoch schmiss man ihn raus. Er hat sich nie ganz verabschiedet vom englischen Fußball. "Man darf ja nicht vergessen, Manchester City hat zwei unserer Spieler gekauft, Nigel de Jong und Vincent Kompany, der Verein hat eine Menge Geld, und schließlich sind doch wir es, die weitergekommen sind", sagte Jol. Seine Stimme klang bescheiden heiser, wie immer, und doch war es eine Botschaft, die aufhorchen ließ, weil man sie selten hört im professionellen Fußball dieser Tage: Dass Geld vielleicht doch keine Tore schießt, zumindest manchmal nicht. "So wie jetzt, wenn man ehrgeizige Spieler hat, die etwas erreichen wollen", sagte Jol, "money isn't everything", schob er auf Englisch hinterher.

Die ehrgeizigen Spieler, das waren im Spiel gegen Manchester City vor allem die Jungen, "youngsters", wie Martin Jol sie gern nennt, Jerome Boateng, Dennis Aogo oder Jonathan Pitroipa. Die nicht immer fehlerfrei spielen, aber doch inzwischen sicher, auf europäischer Bühne. Und das ist ja auch etwas wert, "diese Spieler werden diesen Abend noch lange erinnern", sagte Jol, "an so etwas kann man als Spieler wachsen."

Hektisch hatten beide Teams die erste Hälfte begonnen, verbissen und kleinteilig, doch tatsächlich war es der Youngster Pitroipa, der in der 12. Minute das erste Tor der Partie einleitete, er wuselte den Ball von rechts in den Strafraum, Olic leitete weiter, Guerrero traf straff ins linke Eck. Ausgerechnet der Ex-Hamburger Vincent Kompany hatte nicht auf ihn aufgepasst. Nur fünf Minuten später fiel der Ausgleich für Manchester, ein Handelfmeter. Trochowski hatte sich mit den Armen am Oberkörper vom Ball weggedreht.

Grandiose Stimmung im Stadion

Die Fans von Manchester tobten, sangen und schrien, schnell begann das City of Manchester Stadium zu schweben, wie eine Woche zuvor schon der Volkspark, könnte doch nur jedes Spiel so sein wie dieses, dachte man, das ist großartig. Sie ergänzten sich gut, die beiden Fanlager, "You only sing when you're winning", sangen die Hamburger, "same old Germans, always cheating", riefen die Citizens. Und doch machten alle Seiten zusammen den Lärm. Die Gesänge ließen das Treiben auf dem Rasen greifbar werden, auch wenn es anfangs nicht danach schien, weil beide Teams sich wenig Raum ließen, sich behakten und trotzdem ein spannendes Spiel zuließen. "Aber ihr müsst wissen, die Stimmung im Stadion ist nicht immer wie heute, das ist auch in England vielleicht ein Mal in sechs Monaten so", sann Jol nach dem Abpfiff, da war er wieder, der große England-Erklärer. "Heute Abend war das unglaublich, die City-Fans spürten wirklich, dass da vielleicht etwas möglich war. "

Doch es war nicht nur ein "Vielleicht", es war ein konkretes Tor, das durch den nimmermüden Ecuadorianer Felipe Caicedo in der 50. Minute nach Vorarbeit des exzellenten Stephen Ireland fiel. Und plötzlich war alles wieder offen. City erarbeitete sich Chancen, der HSV suchte sie vergebens. Bis zum Ende. Einzig Frank Rost hielt die Hamburger durch seine Paraden im Spiel.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Jol sich nun diebisch auf Werder freut

"Diesen Druck in der zweiten Halbzeit, den haben wir uns selbst gemacht", sagte HSV-Kapitän David Jarolim nach dem Abpfiff, er sah dabei eher wie ein Davongekommener aus als ein Sieger. "Diese Fans von City, die waren wirklich fanatisch, die waren so laut, und dann war es auf einmal schwierig für uns." In England fragt man sich ohnehin seit Urzeiten, wie der Fan von Manchester City an sich so ist. Bei allen anderen Vereinen im Norden ist das einfach: Wer den FC Liverpool mag, singt gern, wer ein Blues ist, pocht auf historische Fakten: Everton war der erste Klub in der Stadt. Fans von Manchester United mögen rotnasige Schotten, aber was ist mit Manchester City?

Nun, offenbar haben die Anhänger eine Schwäche für gelbe, aufblasbare Plastikbananen. Zumindest brachten sie Hunderte davon mit ins Stadion, eine sympathisch-skurrile Tradition aus den 80ern, die wohl nur Clubs zustande bringen, die auf ewig ein Underdog sein werden.

"Eine große Nacht"

"Es war eine große Nacht für uns, sehr emotional, wir werden sie nicht vergessen", sagte City-Trainer Mark Hughes nach dem Spiel, der Manager des wohl heute reichsten Klubs der Welt. Er sah ein bisschen traurig aus in seinem grauen Anzug, und trotzdem sehr vornehm. Er versuchte in die Zukunft zu blicken, sprach von 'Zeit lassen' und 'Langzeitprojekt', man hätte ihn gern mit Jürgen Klinsmann zusammen gebracht in diesem Moment.

Martin Jol ließ stattdessen die Vergangenheit an sich vorbeiziehen. Seit 26 Jahren ist der HSV nicht mehr in das Halbfinale eines europäischen Wettbewerbs eingezogen. "Ich weiß noch genau, wie wir in die Slowakei fuhren, zum ersten Gruppenspiel, da dachten wir: Ok, das müssen wir unbedingt gewinnen", sagte Jol, und jeder kann es ahnen: Er strahlte dabei. "Und dann kamen Istanbul, die Hölle, und heute Manchester." Jol schüttelte den Kopf, weil das jetzt wirklich lustig ist: Am Ende von all dem wartet niemand anderes als Werder Bremen.

Vier Mal wird der HSV in den kommenden 19 Tagen auf Werder Bremen treffen, in der Liga, im DFB-Pokal und im Uefa-Pokal-Halbfinale. David Jarolim weigerte sich, das doof zu finden. "Ich mag jetzt nicht sagen, dass das scheiße ist, hätte mir vor der Saison jemand gesagt, wir kommen ins Halbfinale des Uefa-Cups, ich hätte ihn zum Psychiater geschickt."

Martin Jol fragte man, ob er mit seinen Spielern noch ein Bier trinken geht in Manchester. "Nein, wissen Sie, hier gibt es ja nur dieses Lager-Bier, und das kennen meine Spieler nicht, das mögen die nicht." Sagte Jol, der England-Erklärer. Er kicherte kurz und verschwand in den Katakomben des Stadions.

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