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International Neues aus der Süper Lig - Von fliegenden Messern und Trainern


Echte Nahkampfwaffen wurden beim Spiel Trabzonspor gegen Fenerbahce auf Keeper Volkan geworfen. Besiktas zog derweil die Reißleine und feuerte Coach Carlos Carvalhal. Das alles und die tragische Geschichte von Samsunspor in unserer Süper Lig-Kolumne.

Match der Woche

Wenn der Vizemeister den Meister der Süper Lig empfängt oder auch der Tabellenzweite den Tabellendritten, dann ist die Sache fast klar. Wenn jetzt aber auch noch die beiden Teams Trabzonspor und Fenerbahce heißen, ist es amtlich, wir kommen zum Topspiel der Woche.

Überschattet wurde das Geschehen auf dem Rasen durch ein paar Unbelehrbare auf den Rängen, die es vor allem auf Fener-Keeper Volkan Demirel absahen und ihn mit diversen Gegenständen bewarfen. Die Angelegenheit zum Fall für die Staatsanwaltschaft machte spätestens Volkans Fund eines Messers unter den Wurfgeschossen. Referee Aydinus unterbrach die Partie für einige Minuten. Man darf gespannt sein, wie der ohnehin schon arg gebeutelte türkische Fußballverband mit den Geschehnissen im Hüseyin-Avni-Aker-Stadion umgeht und welche Strafen hier ausgesprochen werden.

Fußball wurde auch gespielt. Für den fußballerischen Höhepunkt sorgten die Gäste aus Istanbul kurz vor dem Pausenpfiff. Nach einem sehenswerten Doppelpass mit Caner Erkin düpierte Cristian Baroni den herauseilenden Trabzonspor-Schlussmann Tolga Zengin per Lupfer und brachte damit sein Team in Front. Mit seinem 32. Saisontreffer sorgte Burak Yilmaz nach dem Seitenwechsel für den Ausgleich und nutze dabei einen katastrophalen Fehlpass von Abwehrmann Bekir Irtegün per Flachschuss ins linke Eck mit maximalem Ertrag.

Die Partie hätte gegen Ende noch zu beiden Seiten kippen können. Aber sowohl Trabzons Burak Yilmaz als auch Feners Henri Bienvenu zeigten sich freistehend nur wenig zielsicher und vergaben allerbeste Möglichkeiten. So blieb es bei einem gerechten Unentschieden, welches für beide Teams aber zu wenig ist. Der Abstand zum Tabellenführer ist nach diesem Spieltag für Fenerbahce auf neun Punkte, für Trabzonspor sogar auf 19 Punkte angeschwollen.

Der 33. Spieltag im Überblick

Ein mäßig überzeugender Auftritt reichte Galatasaray, um Aufsteiger Orduspor ohne Punkte zurück an die Schwarzmeerküste zu schicken. Mit einem fulminanten Fernschuss brachte Necati Ates die Löwen früh in Führung. Aber erst nach dem Seitenwechsel machte Sabri Sarioglu alles klar, als er einen optimal getimten Pass von Engin Baytar über die Torlinie drückte. Für Orduspor war das Ergebnis nur noch zweitrangig, mit 41 Punkten hat das Team von Hector Cuper nichts mehr mit dem Abstieg zu tun.

Für die Überraschung des Spieltags sorgte das Team von Besiktas, das gegen Samsunspor mit 0:1 das Nachsehen hatte. Murat Yildirim sorgte mit seinem Treffer zum einen dafür, dass sich Samsunspor die Chance zum Klassenerhalt am letzten Spieltag bewahrte und außerdem dafür, dass Besiktas sich am Montag von Trainer Carlos Carvalhal getrennt hat. Die siebte Niederlage in den letzten zehn Pflichtspielen war den Verantwortlichen des Clubs letztlich eine zu viel. Alter und neuer Trainer wird Tayfur Havutcu. Der gebürtige Hanauer, der für Darmstadt 98 in der Saison 1992/93 in der 2. Bundesliga aktiv war, musste seinen Trainerposten zu Beginn der Serie an Carvalhal abtreten, weil er in Verdacht stand, in den Manipulationsskandal verwickelt gewesen zu sein. Aus Mangel an Beweisen wurde Havutcu im Dezember aus der Untersuchungshaft entlassen und hatte zuletzt den Posten des Sportdirektors bei Besiktas inne.

Gerücht der Woche

Die Personalie Havutcu ist nur eine Interimslösung. Angeblich hat Besiktas gleich zwei bekanntere Varianten für die neue Saison im Blick. Da wäre zum einen Slaven Bilic. Der aktuelle kroatische Nationaltrainer, der 2009 noch Schalke 04 einen Korb gab, erklärte unlängst, dass er nach der EM wieder einen Club betreuen möchte. Mit Hajduk Split trainierte der ehemalige Karlsruher allerdings bislang nur eine Vereinsmannschaft und ist daher für viele BJK-Anhänger nur zweite Wahl.

An Erfahrung mangelt es dagegen Louis van Gaal mit Sicherheit nicht. Der Niederländer, der zuletzt bei Bayern München die Zügel in der Hand hielt, wird ebenfalls in der türkischen Medienlandschaft als Nachfolger gehandelt.

Zwei Namen, die kaum unterschiedlicher hätten ausfallen können. Der smarte Bilic, der 2008 zum UNICEF-Botschafter ernannt wurde auf der einen Seite, der eitle Van Gaal, dem zuletzt ein Gericht den Posten des Sportdirektors bei Ajax Amsterdam versagte, auf der anderen Seite. Besiktas bleibt im Gespräch, so oder so.

Das Saisonfinale

Die Besetzung des Playoffs um die Meisterschaft wird sich am letzten Spieltag nicht mehr ändern. Die vier erfolgreichsten und populärsten Teams werden vor ausverkauften Rängen den nächsten Türkischen Meister ausspielen. Mit aktuell neun Punkten Abstand vor Fenerbahce und gar 19 und 20 Punkten vor Trabzonspor und Besiktas wird Galatasaray als klarer Meisterschafts-Favorit in die Endrunde gehen.

Die Europa League-Playoffs indes, an der der Fünfte bis Achte der regulären Saison teilnimmt, sind noch nicht fix. Gaziantepspor und Istanbul BB konnten mit ihren Siegen am Wochenende noch die Chance auf die Europa League wahren. Am letzten Spieltag kämpfen also sechs Teams um die Teilnahme an den Playoffs. Sicher dabei ist noch kein einziges Team.

Mit dem Sieg bei Besiktas hat Samsunspor für ein spannendes Saisonfinale um den letzten vakanten Abstiegsplatz gesorgt. In einem Fernduell mit Antalyaspor wird der Club, der in der Saison 1997/98 von Horst Hrubesch trainiert wurde, gegen Playoff-Aspirant Sivasspor gewinnen müssen, um den Mittelmeerclub noch abzufangen. Gleichzeitig darf Antalyaspor nicht punkten, was in dieser Saison den meisten Clubs der Süper Lig bei Fenerbahce misslang. Als bestes Heimteam gewannen die Kanarienvögel 13 von 16 Partien und teilten sich drei Mal die Punkte mit ihren Gegnern.

Samsunspor Kulübü 1965

Der Club wurde 1965 gegründet und hat als Vereinssymbol ein Porträt Kemal Atatürks im Wappen. Von 1992/93 bis 2005/06 spielte der Verein durchgehend in der Süper Lig  und stieg nach fünf Jahren Zweitklassigkeit in der Saison 2010/2011 wieder in die erste türkische Liga auf. Zweimal konnte sich Samsunspor für den UI-Cup qualifizieren, scheiterte aber am HSV und an Werder Bremen und nahm nie am UEFA Cup teil. Die berühmtesten Akteure waren Rekordtorschütze und Goldener Schuh-Preisträger Tanju Colak und WM-Held Ilhan Mansiz, die ihre Karieren bei Samsunspor begannen.

Traurige Berühmtheit erlangte der Club aber durch einen tragischen Busunfall am 19. Januar 1989. Auf dem Weg zum Auswärtsspiel bei Malatyaspor kollidierte der Mannschaftsbus mit einem Lastwagen. Neben dem Busfahrer verloren Trainer Nuri Asan und fünf Spieler ihr Leben. Drei Spieler mussten aufgrund ihrer schweren Verletzungen ihre Karriere beenden. Der Club konnte in der Saison 1988/89 nicht mehr am Spielbetrieb teilnehmen, blieb aber trotzdem erstklassig.

Erst in diesem Februar entging Samsunspor einer neuerlichen Katastrophe. Nach der 1:2-Auswärtspleite bei Karabükspor wurde der Mannschaftsbus von einem Zug gerammt. Der Busfahrer Recep Terzi verhinderte Schlimmeres, als er geistesgegenwärtig im letzten Moment aufs Gaspedal drückte. Auf einem Video ist erkennbar, dass der nur spärlich beleuchtete Zug mit keinem Verkehrszeichen angezeigt wurde. 

Zwei leichtverletzte Spieler und die schlimmen Erinnerungen an die Katastrophe von 1989 waren das traurige, aber auch glimpfliche Resultat.

Serkan Agci und Bülent Yaman

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