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Italienische Verschwörungstheorien: "Das ist ein Weltskandal"

Die Trauer verdrängt in Italien die Realität: Während Trapattoni das Vorrunden-Aus sportlich nahm, spinnen italienische Spieler und Medien weiter fröhlich skandinavische Verschwörungstheorien.

Mit Tränen und heftigen Betrugsvorwürfen haben sich die von der Wikinger Co-Produktion besiegten Italiener als schlechte Verlierer von der EM verabschiedet. "Das ist ein Weltskandal", bezichtigte Torwart Gianluigi Buffon Dänemark und Schweden in der "La Gazzetta dello Sport" offen des Betrugs.

"Ich glaube sie wollten Unentschieden spielen, auch wenn sich eine Abmachung nur schwer beweisen lässt", behauptete auch Italiens Fußball-Verbandspräsident Franco Carraro. In einem dramatischen Gruppenfinale hatten die Skandinavier mit ihrem 2:2 den 2:1-Sieg des Vize-Europameister gegen Bulgarien in Guimaraes in letzter Sekunde wertlos gemacht, gemeinsam die Viertelfinal-Tickets gelöst, Italien aus dem Turnier geworfen und Trainer Giovanni Trapattoni in Rente geschickt.

Der nach dem Vize-Europameistertitel 2000 für Dino Zoff angetretene "Maestro" bewies bei seinem traurigen Abschied wenigstens "Grandezza": "Wir hegen keinen Verdacht gegen die Skandinavier und gehen erhobenen Hauptes", sagte «Trap», der nach der WM-Blamage vor zwei Jahren und der Pleite in Portugal noch in dieser Woche von Marcello Lippi abgelöst werden soll.

"Eure gerechte Strafe"

Anders als die tief enttäuschten «Azzurri» im strömenden Regen von Guimaraes traten die Zeitungen in der Heimat genauso wenig nach wie "Trap": "Das 2:2 war Zufall, sie haben fair gekämpft", sah der "Corriere dello Sport" wie die meisten Beobachter beim Skandinavier-Derby in Porto keinen Betrug. Die zum zweiten Mal nach 1996 schon in der EM-Vorrunde gescheiterte "Nazionale" wurde dagegen "als die schlechteste Mannschaft seit Jahrzehnten" mit vernichtender Kritik empfangen. "Das ist Eure gerechte Strafe", titelte "Tuttosport".

UEFA prüft Konsequenzen

In Portugal lösten die Betrugsvorwürfe des dreifachen Weltmeisters Verwunderung aus. "Es gibt keine Ermittlungen, weil beim 2:2 alles fair abgelaufen ist", erklärte UEFA-Sprecher Robert Faulkner. "Ich kann das ganze nicht mehr hören", sagte Dänen-Couch Morten Olsen. Offiziellen Protest haben die Italiener nicht eingelegt. Die UEFA prüft aber die Betrugsvorwürfe von Carraro, die für Italiens Verbandschef noch Konsequenzen haben könnten.

Italienisches Selbstmitleid

Titelanwärter Italien muss nach dem 0:0 gegen Dänemark und dem 1:1 gegen Schweden ungeschlagen mit fünf Punkten die Heimreise antreten. "Das ist schon bitter, wenn andere sogar mit vier Punkten weiterkommen", klagte Alessandro Nesta. Am traurigsten war Italiens tragischer Held Antonio Cassano. In der Nachspielzeit hatte der 21- jährige Römer das 2:1-Siegtor geschossen. Erst als er jubelnd zur Bank stürmte, erfuhr der Stürmer, dass Schweden praktisch gleichzeitig in Porto zum 2:2 ausgeglichen hatte und das Viertelfinale unerreichbar geworden war.

Weinend brach die EM-Entdeckung der Italiener auf dem Platz zusammen. Mit seinem goldenen Tor gegen Schweden und dem letztlich wertlosen Siegtreffer gegen Bulgarien war er der erfolgreichste EM- Torschüze der "Azzurri". "Cassano gehört die Zukunft", lobte Trapattoni den aufmüpfigen Newcomer. "Er hat uns wenigstens die Ehre gerettet hat", titelte die «La Gazzetta dello Sport», die wie alle anderen Blätter den nach der Spuck-Affäre gesperrten Francesco Totti, den torlosen Stürmerstar Christian Vieri und Trapattoni als größte «EM-Versager» brandmarkte.

Würdevoller Abschied der Bulgaren

Die bereits ausgeschiedenen Bulgaren verabschiedeten sich nach zwei desolaten Spielen gegen Italien überraschend kämpferisch. "Wir hätten ein 1:1 verdient gehabt", meinte Trainer Plamen Markow. In der 45. Minute waren sie durch einen umstrittenen Foulelfmeter des überragenden Wolfsburgers Martin Petrow in Führung gegangen. Simone Perotta glich drei Minuten nach Wiederanpfiff für die Italiener per Abstauber nach einem Lattenknaller des grandiosen Cassano aus. Nach dem elften missglückten Turnier seit dem WM-Sieg 1982 hoffen die «Azzurri» nun auf die WM 2006. «In Deutschland will ich mit Italien endlich mal ganz vorne sein», kündigte Buffon Italiens Comeback an.

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