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Kommentar

Die abenteuerliche Scheinwelt des Jens Lehmann

Jens Lehmann behauptet, er habe dem DFB seinerzeit Joachim Löw als Bundestrainer empfohlen. Später habe Löw ihn zu seinem Co-Trainer machen wollen. Das Problem: Lehmanns Ansichten haben allzu oft wenig mit der Realität zu tun. Über einen Kritiker, der keine Kritik verträgt.

Jens Lehmann

Jens Lehmann hält sehr viel von sich, aber sehr wenig von allen anderen

Lieber Leser, sind Sie womöglich noch auf der Suche nach einer spannenden Lektüre für die gemütlichen Herbstabende im Ohrensessel? Dann sei Ihnen hiermit eindringlich die Biografie von Jens Lehmann ans Herz gelegt. Sie wurde bereits im Jahr 2010 veröffentlicht und heißt "Der Wahnsinn liegt auf dem Platz", was ein schöner Titel ist - besonders für ein Buch von und über Jens Lehmann.

Warum sollte ich eine Biografie über Jens Lehmann lesen, fragen Sie zu Recht. Jens Lehmann, ist das nicht dieser ehemalige Nationaltorwart, der sich in seiner Funktion als RTL-Experte in letzter Zeit verstärkt und mit aberwitziger Selbstherrlichkeit in die Schlagzeilen quatscht? Der gerade in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung behauptet, dem DFB einst höchstpersönlich Joachim Löw als Bundestrainer empfohlen zu haben; der weiter aus dem Nähkästchen plaudert, dass Löw ihn vor der WM zu seinem Co-Trainer habe machen wollen.

Aufgeblasen und aus dem Zusammenhang gerissen

Es sind typische Lehmann-Sätze: aufgeblasen, aus dem Zusammenhang gerissen, ihn in ein sehr schmeichelhaftes Licht rückend. Vielleicht hat der DFB ihn damals wirklich nach seiner Meinung über den bisherigen Co-Trainer Löw gefragt, neben geschätzt 30 anderen Spielern und Verantwortlichen - aber Lehmann lässt es klingen, als habe der DFB allein auf "Ok" gewartet.

Außerdem sagt Lehmann über sein Verhältnis zu Löw: "Wir haben uns vor der WM über einen Job als Co-Trainer unterhalten, was er sich damals gut vorstellen konnte." Später aber offenbar nicht mehr, schließlich ist Lehmann immer noch RTL-Experte. Und als solcher lässt er uns teilhaben an seiner abenteuerlichen Scheinwelt, in der er ausschließlich um sich selbst kreist.

Es gab in der Geschichte des deutschen Fußballs wohl selten eine Persönlichkeit, die so uneingeschränkt und ausnahmslos von sich überzeugt war wie Jens Lehmann. Das muss nicht mal eine schlechte Eigenschaft sein, aber der 46-Jährige treibt sie in absurde Dimensionen.

Deshalb ist seine Biografie auch so eine wertvolle Lektüre. Hier können selbst Menschen mit eher geringem Selbstbewusstsein lernen, wie man sich als völlig untadeliger Spitzentyp verkauft. Wie Lehmann sich als junger Torwart auf Schalke gegen alle Widrigkeiten durchsetzt; wie er sich für seine Zeit bei Arsenal London rühmt, als hätte er auf der Insel an der Entwicklung einer neuen Raketenwissenschaft mitgearbeitet; wie er sein legendäres Duell um die Nummer 1 im deutschen Tor gegen Oliver Kahn gewann - das alles schildert Lehmann als ausufernde Ode an sich selbst. Selbst bei den offensichtlichsten Tiefpunkten findet Lehmann dabei noch einen anderen Schuldigen als sich selbst - sogar im Rückblick auf das Champions-League-Finale 2006, das Arsenal London vor allem deshalb verlor, weil Lehmann nach 20 Minuten vom Platz flog, trugen für den Torwart seine Mitspieler die Schuld am Platzverweis.

Jens Lehmann, das psychologische Phänomen

Das ist psychologisch besonders spannend an dem Buch: Lehmann ist unfähig, es beim Eigenlob zu belassen - er definiert sich auch immer über die Fehler und die Defizite der anderen: der Mitspieler, der Trainer, aller Weggefährten. Umgekehrt stellt er jeden, der ihn im Verlauf seiner Karriere angreift, in den Senkel. Er ist der härteste Kritiker, der selbst kein bisschen Kritik verträgt. Eine hochexplosive Mischung, die sich in "Der Wahnsinn liegt auf dem Platz" Seite für Seite nachlesen lässt. Und weil Lehmann in letzter Zeit so verstärkt Dinge in die Welt hinausmeint, ist die verjährte Lektüre auch heute noch hochinteressant.

Weil sie uns daran erinnert, diesen TV-Experten besser nicht ernst zu nehmen. Oder wenigstens jede seiner Äußerungen über sich oder andere in Zukunft auf die Lehmannsche Selbstherrlichkeit zu überprüfen.

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