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WM-Analyse: Löws konsequente Selbstkritik - warum die Schlüssel zum Erfolg nur bei ihm liegen

Wie erwartet präsentiert Bundestrainer Joachim Löw bei seiner WM-Analyse in München keine spektakulären Personalrochaden. Das ist nur konsequent. Löw weiß: Die Schlüssel zur Lösung der Probleme dieser Elf liegen bei ihm selbst.

Von Mathias Schneider, München

Joachim Löw Oliver Bierhoff auf PK

Der Gewinner des Tages, wenn es so etwas überhaupt gab, verschwand lautlos als einer der ersten aus dem großen Pressesaal der Allianz Arena. In der ersten Reihe hatte er davor mehr als eineinhalb Stunden neben Torwarttrainer Andreas Köpke verharrt, während sein Chef Joachim Löw auf dem Podium durch seine seit zwei Monaten mit Spannung erwartete WM-Analyse führte. Dann erhob sich Marcus Sorg und strebte dem Ausgang zu. Seit zwei Jahren ist er nun schon Assistenztrainer dieser deutschen Nationalmannschaft, bislang teilte er sich das Amt mit Thomas Schneider. Ab sofort wird Sorg allein Löw zuarbeiten, Schneider übernimmt als Chef die sogenannte Scouting-Abteilung. Dort bleibt auch Urs Siegenthaler angestellt, er wird die internationalen Entwicklungen im Auge behalten, sich ab sofort allerdings nicht mehr um die Sichtung des nächsten Gegners kümmern, sondern potenzielle Turniergegner in Augenschein nehmen.

Das sind dann auch schon die spektakulären Enthüllungen gewesen, die Mittwoch um zwölf Uhr in München zum Vorschein gekommen sind. Der aufgeblähte Stab rund um die Elf werde noch verkleinert, teilte Bierhoff mit. Elf Personen weniger sollten künftig zu Turnieren reisen, sieben weniger zu einem Länderspiel. Auf Tuchfühlung wollen sie wieder zu ihrer Elf gehen, statt vor lauter Leuten die Probleme nicht mehr zu erkennen. Entlassungen wurden freilich keine vermeldet. Das Engagement des Assistenten Miroslav Klose lief ohnehin aus, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hat sich in den Nationalmannschaftsruhestand verabschiedet, ebenso wie der langjährige Physiotherapeut Klaus Eder. Man fühlte sich fast an Altersteilzeitmodelle erinnert.

Zwei Monate Warten auf Joachim Löw

Wie eine Monstranz hatte sich der Termin in München über Wochen aufgebaut, so lange wartete die Nation nun bereits auf ein offenes Wort Löws. Antworten auf das von Löw selbst noch einmal als Debakel titulierte WM-Aus waren verlangt worden. Doch Löw lässt sich nicht treiben, nicht in seinem Vortrag und schon gar nicht bei Personalentscheidungen. Wie zu erwarten war, widerstand er der Versuchung, durch ein paar durchsichtige Personalwechsel von eigenen Verfehlungen abzulenken. Erst vor dem Turnier hatte auch er veranlasst, dass die Verträge mit Schneider, Siegenthaler oder Sorg verlängert worden waren. Dass die Abläufe im Tross zuletzt durch die Vielzahl an Spezialisten unübersichtlich geworden waren, hatten sie nicht zu verantworten. Ein jeder von ihnen verdiente es, weich zu fallen. Nicht die zweite Reihe hatte dieses Turnier an die Wand gefahren, da sind sie sich alle beim DFB einig.

Routiniert arbeitete sich Löw, blauer dünner Pullover zur Anzughose, durch seinen Vortrag. Neben ihm hatte Teammanager Oliver Bierhoff Platz genommen. Deutlich arbeitete Löw seine Versäumnisse heraus, nur jene, die sich wirklich für die Anatomie dieses Spiels interessieren, würden allerdings auf ihre Kosten kommen, so viel war schnell gewiss. "Mein allergrößter Fehler und meine größte Fehleinschätzung war, dass wir mit dem dominanten Ballbesitz zumindest durch die Vorrunde kommen", erklärte Löw. Als einer der wenigen Trainer eines Favoriten hatte er seine Elf in Russland nicht aus dem Konter agieren lassen. Gegen Mexiko, Schweden oder Südkorea würde man es sich leisten können, die Abwehr zu entblößen, so der Irrglaube. "Das war arrogant, das auf die Spitze zu treiben, ich wollte den Ballbesitzfußball noch perfektionieren", sagte Löw. Ausgewogener will er in Zukunft vorgehen, man hatte dies erwarten dürfen. 

Löw sieht keine Grüppchenbildung im Team

Dass die Elf zu keinem Zeitpunkt ein wirkliches Feuer zu entfachen verstand, habe nicht an irgendwelchen Grüppchen gelegen, wie zuletzt in Teilen der Medien kolportiert. Er selbst habe es vielmehr versäumt, "neue Schlüsselreize" zu setzen. "Kampf, Zweikampfstärke – es wäre meine Aufgabe gewesen, das innerhalb der Mannschaft einzufordern über Ansprache, Trainingseinheiten, Emotionalität. Wir sind an die Dinge strukturell rangegangen." Heißt: Viel zu verkopft.

Löw wird diese Elf in Zukunft emotionalisieren müssen. Eine Elf, die bis auf weiteres von Männern wie Toni Kroos, Mats Hummels, Jérôme Boateng, Thomas Müller oder Manuel Neuer getragen wird. "Es ist wahnsinnig wichtig, dass man eine Achse hat, an der sich die jungen Spieler orientieren können", sagte Löw. Am Ende fiel neben dem zurückgetretenen Mesut Özil von den Weltmeistern nur Sami Khedira seinem Rotstift zum Opfer.

Überall fehlt es an echten Alternativen

Tatsächlich mag mancher nach neuen Gesichtern schreien, noch sind allerdings gerade die alten Recken alternativlos. Lange nicht so verheißungsvoll, wie zuletzt bisweilen medial beschrieben, kommt die zweite Reihe daher. Sturm, Außenverteidigung, defensives Mittelfeld – überall fehlt es an echten Alternativen.

Die alte Nationalmannschaft wird deshalb bis auf weiteres der neuen täuschend ähnlich sehen. Mancher mag dies als enttäuschend empfinden. Tatsächlich ist es nur konsequent. Joachim Löw weiß, dass er selbst den Hauptteil der Aufarbeitung wird tragen müssen. In Sachen Motivation, Taktik und Teamgeist liegt der Ball bei ihm im Feld. Die Aufräumarbeiten dieser so heillos verfahrenen WM-Kampagne, sie müssen bei Löw selbst beginnen. Nächste Woche Donnerstag wird man erfahren, wie weit der Bundestrainer vorangekommen ist.

Dann gastiert Frankreich zum Länderspiel in München.

+++ Sehen Sie im Video, wie die Pressekonferenz von Joachim Löw auf Twitter angekommen ist. +++

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