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Kahn ausgemustert: Aus eins mach zwei

Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat Jens Lehmann zur Nummer eins im Tor bei der WM ernannt. Er sei laut Klinsmann "einen Tick stärker" als Oliver Kahn. Lothar Matthäus kritisierte Klinsmann: Der Bundestrainer habe mit Kahn "ein ganz mieses Machtspiel" getrieben.

Der knappe Sieger im Duell um den deutschen WM-Torhüter Nummer eins heißt Jens Lehmann, der große Verlierer Oliver Kahn. Bundestrainer Jürgen Klinsmann teilte dem 36-jährigen Münchner Torwart am Freitag unter vier Augen mit, dass nicht er, Kahn, sondern sein gleichaltriger Herausforderer Lehmann bei der Weltmeisterschaft ab 9. Juni das Tor der DFB-Elf hüten werde. "Wir sehen Jens einen Tick stärker und sind überzeugt, dass er uns bei der WM enorm helfen wird", sagte ein erschöpft wirkender Klinsmann und betonte: "Dies war die schwierigste und härteste Entscheidung meiner Amtszeit."

"Beide Torhüter haben außergewöhnliche Fähigkeiten"

Der Wahl-Engländer, der durch einen Klinsmann-Anruf von seiner Beförderung erfuhr, reagierte mit großer Freude. "Ich werde mich noch mehr reinhängen als ohnehin schon, um den Anforderungen bei der Weltmeisterschaft gerecht zu werden und alles daran setzen, um das Vertrauen des Trainers zu rechtfertigen", sagte der Arsenal- Schlussmann. Gleichzeitig äußerte er Mitgefühl für Kahn: "Nachdem ich bei insgesamt vier Turnieren auf der Bank gesessen habe, weiß ich, wie es in dem aussieht, der nicht spielt."

Kahn "sehr überrascht und maßlos enttäuscht"

Klinsmann lobte, dass Kahn die Entscheidung "professionell und respektvoll" aufgenommen habe. "Natürlich ist Oliver enttäuscht, aber er hat sich als wahrer Sportsmann präsentiert", sagte Klinsmann zum schweren Gespräch mit dem 84-maligen Nationalspieler Kahn. "Ich bin über diese Entscheidung sehr überrascht und maßlos enttäuscht", teilte der Münchner Torhüter lediglich kurz in einer Presseerklärung mit. Über seine Zukunft in der Nationalmannschaft werde er sich "zu gegebener Zeit" äußern: "Ich werde mich nun in den kommenden Wochen voll auf meine Aufgaben beim FC Bayern konzentrieren." Klinsmann will Kahn die Zeit geben, die Negativ-Nachricht "sacken zu lassen" und auf die Nummer-2-Rolle zu reagieren: "Das ist ihm überlassen."

Seit dem August vergangenen Jahres habe sich das Blatt zu Gunsten von Lehmann gewendet, verdeutlichte Klinsmann. Laut Torwart-Coach Andreas Köpke hätten "nur minimale Unterschiede" den Ausschlag gegeben. "Beide Torhüter haben außergewöhnliche Fähigkeiten. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass Jens Lehmann besser zu unserer Spielphilosophie passt", begründete die sportliche Leitung das Plus für Lehmann 63 Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft.

Kahns Arbeitgeber FC Bayern, der nach dem Patzer seines Torhüters im Bundesliga-Spiel gegen den 1. FC Köln (2:2) auf eine schnelle Entscheidung gedrängt hatte, sprach von einer falschen Entscheidung. "Trainer und Vorstand werden sie dennoch akzeptieren", übermittelte der Verein. Das vorgezogene Votum für Lehmann, das am Freitag nach einer Bestandsaufnahme mit seinen Co-Trainern Joachim Löw und Andreas Köpke fiel, sei auch durch den Druck der Bayern entstanden, machte Klinsmann deutlich: "Nach dem Spiel gegen die USA haben wir die Entwicklung in den vergangenen 22 Monaten intensiv analysiert."

DFB unterstützt Klinsmanns Entscheidung

Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff mahnte auch bei allen anderen Beteiligten nun sofortige Ruhe an. "Die Torhüterfrage wurde in der Öffentlichkeit in den letzten Wochen stark diskutiert. Die Trainer haben sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Ich appelliere an alle, diese Entscheidung zu respektieren und dem Team und Jens Lehmann das nötige Vertrauen entgegenzubringen." DFB- Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder rief die Öffentlichkeit zur Unterstützung für Lehmann auf: "Der DFB steht voll und ganz hinter der Entscheidung der sportlichen Leitung der Nationalmannschaft. Dabei wird nicht verkannt, dass Oliver Kahn sich außergewöhnliche Verdienste um den deutschen Fußball erworben hat."

Die Entscheidung pro Lehmann ist eng mit der Spiel-Ausrichtung von Klinsmann verbunden. Der Wahl-Engländer kann für sich den Vorteil beanspruchen, in den vergangenen Monaten auch beim FC Arsenal eine blutjunge Viererkette erfolgreich bis ins Champions-League-Halbfinale geführt zu haben. Im "sensibelsten Gebilde im Fußball" (Franz Beckenbauer) soll nun der 29-malige Nationalspieler auch mit der unerfahrenen deutschen Abwehr diese Rolle bei der WM übernehmen.

Laut Klinsmann habe die sportliche Leitung alle Erkenntnisse aus den vergangenen 20 Monaten seiner Amtszeit herangezogen, der jüngste Fehler von Kahn sei nicht entscheidend gewesen. Den Ausschlag gab offensichtlich mehr die aktuelle körperliche Verfassung der beiden Kontrahenten. Kahn konnte zwar vor allem bei der WM 2002 beweisen, dass er als Motivator und Einheizer seinen Vorderleuten Sicherheit bringen kann. Nach drei großen Turnieren als Nummer eins hatte er zuletzt aber verstärkt mit Verletzungen zu kämpfen und zeigte sich nervlich anfällig.

Dennoch war Kahn bis zuletzt davon überzeugt, auch bei der Heim-WM wieder die Nummer eins zu sein. Statistisch gesehen stand es nach 20 Monaten unter Klinsmann fast remis. Kahn erreichte in 1065 Minuten und 12 Spielen sieben Siege, drei Unentschieden und zwei Niederlagen. Lehmanns Bilanz nach 945 Minuten und 11 Spielen seit Sommer 2004 lautet: Sechs Siege, zwei Remis und drei Niederlagen. Der Münchner Kahn kassierte 18 Gegentore (alle 59 Minuten eins), Lehmann 14 (alle 67 Minuten).

Jens Mende und Christian Kunz/DPA / DPA

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