HOME

Klinsmann-Entlassung: Kurzer Prozess

Jürgen Klinsmann ist ein einfallsreicher, genialer Verkäufer. Doch das reichte nicht, eine ganze Saison als Chefcoach des FC Bayern durchzustehen. Am Ende zählten die Ergebnisse - und die Einschätzung der Münchener, dass ihrem Trainerneuling schlicht die Kompetenz fehlt.

Von Rüdiger Barth und Mathias Schneider

Nun ist es vorbei. Nur zehn Monate war Jürgen Klinsmann Trainer des FC Bayern, und am Ende war es höchste Zeit, dass die Bosse des Rekordmeisters das Experiment für das erklärten, was es seit langem war: ein Missverständnis.

Klinsmanns letzte Worte als Bayern-Coach waren, dass er "den Grundstein für die Zukunft gelegt" habe. Und damit adé. Natürlich, Revolutionen können auch glücken, und der Fußballtrainer Jürgen Klinsmann, 44, wollte in München aus der Energie seiner Ideen große Titel gewinnen. Spätestens seit dem 0:4 im Hinspiel gegen Barcelona aber war gewiss: Der Schwabe würde seine Versuchsanordnung nicht mehr allzu lange erproben dürfen.

Die Vereinsoberen hatten viel gewagt, als sie im Sommer 2008 einem Anfänger Prokura verliehen. Die Sehnsucht hieß Europa.

In Europa sind sie vorgeführt worden, es zerstob die Einschätzung, international bereits wieder auf Augenhöhe mit den Besten zu sein. In der Liga nutzten sie keine ihrer Chancen, die Tabellenführung zu erobern. Nun ist der FC Bayern endgültig aus der Zukunft zurückgekehrt - und in seiner Vergangenheit gelandet. Altmeister Jupp Heynckes soll die Mannschaft in den letzten fünf Spielen zu fünf Siegen führen.

"Ich wollte treten gegen Barcelona, aber es ging nicht"

Die Wahrheit ist aufm Platz, der Spruch galt schon, bevor Klinsmann die Schablonensprache des Fußballs erneuerte, und wer sich fragte, warum der Coach so schnell in die Kritik geriet und jetzt gefeuert wurde, musste sich nur ein Spiel seines Teams ansehen. Unter Stress, gegen einen starken Gegner, zerfiel es immer wieder in zwei Teile, wie eine Melone, die von einem Beil durchtrennt wird. Bei Ballverlust blieben die Offensivkräfte gern mal stehen; die Mannschaft ließ sich zudem mit einem präzisen Pass aushebeln.

Der FC Barcelona machte es beim ersten Duell vor wenigen Wochen vor. Man sah, die Bayern wollten "pressen", also den Gegner in dessen eigener Hälfte hetzen. Weil aber die Münchener Abwehrreihe aus Furcht vor dem eigenen Strafraum verharrte, überdehnte sich der zu kontrollierende Raum. "Ich wollte treten gegen Barcelona, aber es ging nicht", sagte Kapitän Mark van Bommel hinterher, "wir kamen einfach nicht ran." Zudem lief das Team im Camp Nou erstmals im 4-3-3-System auf. Ein Profi sagte: "Keiner wusste auf dem Feld, wer was zu tun hat."

Klinsmann, der frühere Bundestrainer, mag begabter Architekt kühner Luftschlösser sein - aber ein Statiker ist er nicht, und er duldete in München, trotz acht Assistenten, auch keinen an seiner Seite. Die Spezialität seines Vorgängers Ottmar Hitzfeld war, der Elf durch geduldige Taktikschulungen einen klaren Plan mitzugeben, das bespielte Feld klein zu halten, den Abstand zwischen den eigenen Leuten gering. So ließ sich die Wucht der anderen fast immer ersticken. Mit zehn Punkten Vorsprung wurde Hitzfeld 2008 deutscher Meister. Nach seinem Abschied blieb der Kader fast beisammen, man investierte vor allem in Klinsmanns Garde.

Mannschaft durchläuft "Prozess"

Der Neue kündigte Hurra-Fußball an, sprach von Tempo, Fantasie, fixen Passfolgen. Doch an die Stelle von Hitzfelds Plan trat, dies zeigte sich rasch: Planlosigkeit.

Im Oktober schon rätselte der "Kicker": Warum so viele Gegentore? "Um das zu erklären, müssten wir ins Unterbewusstsein der Spieler reinkommen", antwortete Klinsmann. Wenn man die Spieler selbst fragte, verwiesen sie nicht auf ihr Unterbewusstsein, sie sagten: Weil wir als Mannschaft nicht wissen, wie wir uns zu verhalten haben. Weil die Analysen fehlen und die klaren Vorgaben und weil wir die Abläufe zu wenig üben. Daran hatte sich, so erzählen es die Profis, in der ganzen Zeit seit Sommer nichts geändert.

Genauso lange schon sprach Klinsmann von einem "Prozess", den die Mannschaft durchlaufe. Ein Fortschritt aber war bis zuletzt nicht zu erkennen, der einzig sichtbare Prozess war der einer erodierenden Sicherheit. Es waren oftmals psychologische Erklärungsmuster, die Klinsmann anführte, der "innere Hunger" habe zu oft gefehlt, sagte er. Womöglich aber ist Fußball ein viel einfacheres Spiel, als es der Schwabe wahrhaben will. Vielleicht erhob er es in die Höhen der angewandten Philosophie, weil ihm gerade das Einfache so schwer fiel.

Klinsmanns größter Verbündeter: der Spielplan

Am Tag nach der 1:5-Pleite in Wolfsburg richtete Klinsmann einen flammenden Appell an die Mannschaft. Sein Kopf könne rollen, nun sei es genug: Jeder müsse jetzt unbedingt darauf achten, seine Vitamine zu nehmen. Die Spieler schauten sich ratlos an. Wie ein berauschter Gegner aufzuhalten sei, darüber verlor ihr Coach kein Wort. Die Fitness, das war sein großes Thema. Es blieb bei der Beschwörung. Auf dem Platz wirkte Klinsmanns Team zuletzt immer öfter reichlich matt.

Jürgen Klinsmann, das muss man anerkennen, stellte sich auch nach Niederlagen tapfer vor die Kameras, schien mit Leib und Seele bei seiner Aufgabe zu sein.

Aus dem Verein war schon im Herbst gedrungen, die Oberen hätten den Eindruck, einen millionenschweren Lehrling geholt zu haben. Ebenso, dass es Klinsmann nebenbei zwar wohl auch um das Wohl des FC Bayern gehe, zuvorderst aber um sein eigenes. Gesteuert von seinem Ludwigsburger Medienberater Roland Eitel, startete der Trainer immer wieder Interview-Offensiven - doch der am Reißbrett entworfene Effekt, sich Luft zu verschaffen, blieb aus. Das ist der Nachteil am Fußball: Das Spielfeld ist grell ausgeleuchtet. Hohle Worte werden schnell entlarvt.

FC Bayern ist stolzer Club

Und der Fehler waren es zu viele. Klinsmann sprach etwa davon, das Potenzial der deutschen Hochbegabten auszureizen. Ein paar Wochen später war Marcell Jansen verkauft, in der Winterpause verließ Toni Kroos auf Leihbasis den Klub, Lukas Podolski folgt im Sommer.

Klinsmanns Sturheit, den mäßig versierten US-Amerikaner Landon Donovan verpflichten zu wollen, forderte gar ein Veto des Vorstands heraus. Dem Verteidiger van Buyten versprach der Trainer für Lissabon den Einsatz - und ließ ihn draußen. Zuletzt opferte er Torwart Rensing, weil der nicht kahnhaft gehalten hatte. Es war das vierte Talent, das Klinsmann vergraulte.

"Der FC Bayern ist ein stolzer Klub", hat Vorstands-Boss Karl-Heinz Rummenigge nach der Niederlage in Barcelona auf dem Festbankett gesagt. "Und heute", fuhr er fort, "ist der Stolz mit Füßen getreten worden." Dieser Stolz speist sich aus der Geschichte, aus 14 Pokalsiegen, 21 Meistertiteln und 6 Europacupsiegen, und er soll auch künftig auf allerlei Gipfel tragen. Doch der FC Bayern sucht den Weg dorthin, und das schon seit längerer Zeit.

Nerlinger als Nachfolger von Hoeneß

Mit der Verpflichtung von Klinsmann waren sie bereit, auf Konzeptfußball zu setzen, auf die Idee, dass ihr Klub auf dem Platz eine klare, angriffslustige Identität verströmen solle. Sie suchten einen kommunikativen Trainer mit dem Willen zum großen Wurf. Einen Mann, der nicht so sehr den Verein neu erfinden sollte, dafür aber den Stil der Mannschaft.

30. Juni 2008, Auftritt Jürgen Klinsmann.

Ein Dreivierteljahr später versucht sich der FC Bayern mit letzter Kraft in die Sommerpause zu retten und den eigenen Maßstäben dennoch gerecht zu werden. Von der Meisterschaft spricht kaum noch jemand, doch den Uefa-Cup, den will man um jeden Preis vermeiden.

Ende 2009 will Manager Uli Hoeneß, 57, in den Aufsichtsrat wechseln, es geht nun darum, sein Lebenswerk zu bewahren. Seine beiden Nachfolger will er selbst aussuchen, womöglich werden es Teammanager Christian Nerlinger und VW-Kommunikationschef Stephan Grühsem. Doch erst mal geht es nur um den Trainerposten für die kommende Saison. Gelingt es, Arsène Wenger nach 13 Jahren vom FC Arsenal loszueisen? Der Elsässer aber gilt als nicht interessiert - und hatte zuletzt, trotz hoher Investitionen, auch keine allzu beeindruckenden Erfolge.

Dass sich Klinsmanns allumfassender Entwurf als Blendwerk entpuppen würde, das hatten die Bosse früh gespürt. Sie haben nun reagiert - sehr spät. Jürgen Klinsmann, das muss er den Bayern lassen, hatte eine faire Chance.

Wissenscommunity