Klinsmann-Interview, Teil 2 "Finanzkrise trifft den Fußball"


Die Konkurrenz spürt wieder den "heißen Atem" der Bayern im Nacken. Jürgen Klinsmann und sein Team wollen zu gewohnter Dominanz zurückfinden. Vor dem Spitzenspiel gegen Hoffenheim spricht der Bayern-Coach im Interview über Rückzugsorte, die Auswirkungen der Finanzkrise und die Zukunft von Uli Hoeneß.

Nach zwei Jahren als Bundestrainer waren Sie ausgepowert und brauchten eine Auszeit. Wie wollen Sie den anstrengenden Job beim FC Bayern womöglich länger als zwei Spielzeiten durchhalten?

Klinsmann: "Die Erfahrung als Nationaltrainer hat mir sehr viel geholfen. Ich weiß, wann ich mir eine Pause gönnen, wann ich Dinge delegieren muss. Ich möchte niemanden an meiner Seite, der mir die Hütchen trägt. Das kann ich nicht brauchen. Mein Co-Trainer Martin Vasquez zum Beispiel muss das Ziel haben, irgendwann Cheftrainer zu werden. Ich will nicht Leute um mich, die das Ziel haben, ihre Position beizubehalten, sondern ich möchte, dass sie weiterkommen. Das hilft mir, Luft zu schnappen."

Gibt es auch jetzt eine Art Rückzugsort, wie es die USA zu Ihrer Zeit als Bundestrainer waren?

"Mein Rückzugsort ist die Familie. Das ist der Energiegeber. Bei der Nationalmannschaft war es ein zwei Jahre langer Hype, der sich in Deutschland bis zur WM entwickelte. Sich dem zu entziehen, war das Beste, was ich machen konnte. So konnte ich mich auf die Nationalmannschaft konzentrieren. Jetzt ist es eine andere Konstellation. Ich habe mich bestens vorbereitet auf den FC Bayern und hatte das Glück, ein halbes Jahr Vorlaufzeit zu haben."

Ist die globale Finanzkrise eher eine Chance oder Gefahr für die Fußball-Bundesliga?

"Die Finanzkrise wird den Fußball die nächsten Monate richtig treffen. Die ersten Anzeichen gibt es in England, wo es große Fragezeichen um Eigentümer und Investoren gibt. Wenn in Italien bei Fiat tausende Arbeitsstellen bedroht sind, wird es irgendwann auch Juventus Turin treffen. Bei Chelsea wurde radikal gestrichen und eingespart. Es wird immer Ausnahmen geben, wie gerade Manchester City, wo das Geld aus ganz anderen Ölquellen kommt. Es wird eine Neudefinierung des Marktes geben, auch was Transfers und Gehälter betrifft."

Erwarten Sie einen Einbruch der Spieler-Gehälter?

"Ich würde nicht sagen, Einbruch. Aber der Verein wird sich sehr wohl Gedanken machen, wie er Gehälter einstuft. Es wird immer Ausnahmen geben, wie bei einem Zlatan Ibrahimovic von Inter Mailand oder einem Kaka beim AC Mailand. Aber es wird bei den Clubs mehr und mehr die Denke kommen - so weit und nicht weiter. Das wird ein spannender Prozess."

Könnte der FC Bayern als solider Verein ein Gewinner sein?

"Der FC Bayern ist gesund und hat ein solides Fundament. Es gibt keinen Gewinner, aber es wird eine neue Konstellation geben. Spieler, deren Verpflichtung jetzt im Januar undenkbar wäre, weil sie 20 oder 30 Millionen Euro kosten würden, sind vielleicht auf einmal im Juni zu viel niedrigeren Summen zu haben."

Im Zuge der Banken-Krise wird auch viel über Manager-Gehälter debattiert. Auch im Fußball werden Millionen-Gagen gezahlt? Wie betrachten Sie diese Diskussion, ist das für Sie Populismus?

"Ich denke, dass es nach dem, was in der Bankenwelt passiert ist, erforderlich war, Regeln einzuführen, die ein Ausufern verhindern. Aber es gibt einen globalen Markt, und das Preis- Leistungs-System ist ein globales Thema. Wenn wir sagen, wir wollen das drosseln, aber Real Madrid bietet das Drei- oder Vierfache für einen Spieler, dann verlieren wir den internationalen Wettbewerb. Was einige in der freien Wirtschaft getan haben, war unverantwortlich, angefangen bei den Amerikanern. Aber wir müssen auch aufpassen, dass unsere Spitzenkräfte nicht ins Ausland gehen, weil sie dort bessere Möglichkeiten bekommen. So ist das auch im Fußball. Wir wollen ja im Wettkampf stehen mit Manchester, Barcelona und Real Madrid."

Könnte ein in Not geratener Fußball-Club eine Bürgschaft beim Staat beantragen?

"Das ist ausgeschlossen und wäre nicht zu rechtfertigen. Dann muss der Verein runter in die Kreisliga und von vorne anfangen."

Sie haben Deutschland das "Sommermärchen 2006" beschert. War der dritte Platz bei der WM für Sie wirklich ein Erfolg?

"Für das, wie wir die Dinge zwei Jahre vorangetrieben haben und bei dem Kader, den wir hatten, war es das Maximum. Wenn man das Quäntchen Glück gehabt hätte, hätte es auch im Halbfinale 1:0 gegen Italien ausgehen können - und plötzlich wird man Weltmeister. Nein, es war das Nonplusultra, was wir erreichen konnten."

Könnte Nationaltrainer und damit eine weitere WM-Chance nach dem FC Bayern noch einmal ein Thema für Sie werden?

"Ich denke nicht so in die Ferne. Ich arbeite mit viel Freude und Stolz beim FC Bayern und möchte hier wirklich lange bleiben. Es war für uns nach zehn Jahren USA eine große Entscheidung, nach Deutschland zurückzukommen. Diese war nicht kurzfristig angelegt. Ich habe als Bundestrainer gespürt, dass es der Trainer-Beruf ist, den ich ausüben möchte. Das erfüllt mich - auch wenn der des Spielers noch einen Tick schöner ist. Ich lebe auf in dieser Arbeit. Wenn ich mich zu etwas entschließe, bin ich hartnäckig."

Der FC Bayern steht im Führungszirkel vor Umwälzungen? Uli Hoeneß will Ende 2009 als Manager aufhören und Franz Beckenbauer als Präsident ablösen. Wie betrachten Sie diese Pläne?

"Uli weiß, dass es unser großer Wunsch ist, dass er ein paar Jährchen in der bisherigen Funktion weitermacht. Aber er allein trifft die Entscheidung. Er ist Gold wert mit all’ seiner Erfahrung. Er hat den Verein zu dem gemacht, was er ist, einer der größten der Welt. Das ist der Uli Hoeneß. Es ist eine Freude für mich, neben Uli auf der Bank zu sitzen - obwohl wir nicht immer einer Meinung sind."

Interview: Jens Mende und Klaus Bergmann/DPA DPA

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