HOME

Krise in Hamburg: HSV droht der Zerfall

Nach dem Eklat auf der Mitgliederversammlung hat der HSV kein Konzept für ein Ende der Talfahrt. Schwer angeschlagen taumelt der Traditionsklub in die Winterpause. HSV-Legende Uwe Seeler ist entsetzt. Steht nach dem sportlichen Niedergang auch der Zerfall des Vereins bevor?

Von Nico Stankewitz

Obwohl die Mannschaft des Hamburger SV wie ihr Trainer Thomas Doll nicht an der Mitgliederversammlung teilnahm, wirkte die Versammlung wie eine Fortsetzung des tristen Erscheinungsbildes der stark abstiegsgefährdeten Bundesligamannschaft. Ex-Präsidenten wenden sich entsetzt ab, HSV-Idol Uwe Seeler sieht nach dem Eklat einen Imageschaden für die Hanseaten: "Mit Pöbeln und Schreien hat man noch nie etwas bewirkt", sagt Seeler. Und fordert: "Dieser Imageverlust muss schnellstens wieder gutgemacht werden."

Dr. Klein: "Das ist nicht mehr mein Verein"

"Ahnungslose bestimmen jetzt, wie es in Zukunft läuft. Wir sind nicht mehr rechtsfähig. Nein, das ist nicht mehr mein Verein", kritisierte der ehemalige HSV-Präsident Dr. Wolfgang Klein gegenüber der Bild-Zeitung und forderte eine Ausgliederung der Profi-Abteilung, um solche Zustände in Zukunft zu verhindern. "Die Stimmung ist möglicherweise nicht repräsentativ für die Gesamtstimmung im Verein", deutete der HSV-Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann vorsichtig an, dass die mächtige Gruppierung der "Supporters" unter den rund 45 000 Mitgliedern die Politik des strauchelnden Bundesliga-Gründungsmitglieds übernehmen könnte.

Wohl auch deswegen wagte Hoffmann es nicht, sich vor die aufgebrachte Menge zu stellen und den Verbleib der Presse zu fordern. "Wir haben doch nichts zu verbergen. Wir lassen uns auch feiern und müssen mit Niederlagen umgehen können", betonte Seeler. Er selbst nehme seit Jahren nicht an Jahreshauptversammlungen teil. "Ich bleib lieber gesund als mir so etwas anzutun", sagte der Ehrenspielführer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Entwürdigende Veranstaltung

Die eigentlichen sportlichen Probleme verblassen durch diese für den HSV entwürdigende Veranstaltung vorübergehend. Sportchef Dietmar Beiersdorfer wurde gnadenlos ausgepfiffen und konnte keine überzeugenden Rechtfertigungen für die Verkäufe von Daniel van Buyten und Khalid Boulahrouz vorbringen. Vor allem der "Rauswurf" von Sergej Barbarez empört viele Mitglieder noch immer.

Nach dem Spiel am kommenden Wochenende in Aachen will Hoffmann "ohne Hast, aber schnell" die Situation analysieren und Konsequenzen ziehen. Nach dem fast beispiellosen Niedergang des vergangenen Jahres müsste dringend ein Signal für einen Neuanfang gesetzt werden. Wenn in Aachen nicht gewonnen wird, dürfte das Scherbengericht für Beiersdorfer besonders verheerend ausfallen, denn ihm muss man zu aller erst die vollkommen misslungene Transferpolitik ankreiden. Aber auch die Arbeit von Doll wirkt wenig überzeugend, es ist ihm nicht mal im Ansatz gelungen, eine neue Teamstruktur zu schaffen und auch die individuelle Weiterentwicklung vieler Spieler wirkt nicht überzeugend.

Starren auf den Abgrund

Festzuhalten bleibt, dass die beispiellose Krise des hanseatischen Traditionsclubs mit der Mitgliederversammlung den Tiefpunkt erreicht hat. Nach beschämenden sportlichen Leistungen, einer Flut von Roten Karten aufgrund haarsträubender Unsportlichkeiten und zuletzt der Publikumsbeleidigungen durch den Spieler Atouba, zeigen nach der Mannschaft jetzt auch Teile der Mitglieder, das sie nicht bundesligatauglich sind. Das Abrutschen in Richtung Liga Zwei scheint sich zu beschleunigen, gefragt ist jetzt kompetentes Krisenmanagement. Wie das in dieser Situation überzeugend gemacht werden soll, weiß wohl im Moment niemand, den Verantwortlichen bleibt nur das bange Starren zum immer näher rückenden Abgrund.

Wissenscommunity