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Länderspiel: Glänzende Perspektiven für Löw

Die glanzvolle Saison 2006 war für das DFB-Team mit einem dürftigen Unentschieden gegen Zypern zu Ende gegangen, Kommentare warnten vor großen Problemen. Aber der Start ins neue Länderspiel-Jahr eröffnet hervorragende Perspektiven.

Von Nico Stankewitz

Erstmals hatte Joachim Löw ein wenig Gegenwind verspürt, als die Medien - zu Recht - kritisch über die dürftige Leistung des Nationalteams beim letzten Länderspiel 2006 berichteten. Die damals häufig geäußerte Ansicht, die Spieler seinen müde und würden nach der Winterpause gestärkt zurückkommen, bestätigte sich in Düsseldorf in vollem Umfang. Dabei eröffneten sich neue Perspektiven, aber auch die Rückkehr der WM-Helden in der Innenverteidigung brachte neue Stabilität.

Die deutsche Abwehr scheint eindeutig in der Formation von Düsseldorf- der WM-Abwehr - im Moment am besten aufgestellt zu sein. Die Rückkehr des Duos Metzelder/Mertesacker brachte Stabilität, Lehmann wirkte sicherer als zuletzt Hildebrand. Lahm hatte nicht seinen besten Tag, scheint ähnlich wie Schweinsteiger von der Bayern-Krise in Mitleidenschaft gezogen. Von der Viererformation Friedrich-Metzelder-Mertesacker-Lahm scheint aber nur Arne Friedrich ernsthaft in Gefahr zu sein, seinen Stammplatz zu verlieren, da mit dem agileren Bremer Clemens Fritz eine starke Alternative zur Verfügung steht. Robert Enke könnte als möglicher Lehmann-Nachfolger im Tor bald eine Chance erhalten, Marcell Jansen ist Lahm-Ersatz aber auch eine Alternative zu Schweinsteiger.

Emanzipation im Mittelfeld

Seit dem Abschied von Michael Ballack ist der Kapitän nicht mehr so auffällig wie vor Jahresfrist. Die Leistungen des 30-Jährigen vom FC Chelsea sind ordentlich, aber die Mannschaft hat sich emanzipiert, die psychologische Fixierung der Nationalelf auf Ballack scheint nur noch in der Presse zu existieren, wie in der zweiten Hälfte zu besichtigen war. Im WM-Mittelfeld hat die Macht sich verteilt, Frings gibt - wie schon bei der WM - den Leitwolf wie einst Lothar Matthäus, der einst stille Bernd Schneider (fehlte diesmal mit Knöchelverletzung) hat inzwischen ein gewichtiges Wort mitzureden und selbst Schweinsteiger hat in der Mannschaft an Profil gewonnen.

Zu spüren ist diese neue Kräfteverteilung auch auf dem Feld, wo die Verantwortung sehr ausgeglichen verteilt ist, das war in der Völler-Ära und im ersten Klinsmann-Jahr komplett anders. Alle fordern und erhalten jetzt Bälle, zuvor wurde gerne die Verantwortung an den Kapitän übertragen. Der steht zwar nicht mehr so stark im Mittelpunkt wie in vergangenen Jahren, scheint sich aber in dieser Rolle recht wohl zu fühlen. Darüber hinaus gibt es auch andere Möglichkeiten, der flexible Borowski dürfte die erste Alternative bleiben, da er alle vier Positionen ausfüllen kann. Fritz ist eher ein Mann für die Abwehr, eine interessante Alternative zu Odonkor wäre auf dieser Position der Frankfurter Albert Streit, in der Bundesliga sicherlich der stärkste Spieler auf der offensiven rechten Seite. In den Kreis der ernsthaften Kandidaten gehören sicherlich auch Sebastian Kehl und der stark verbesserte Schalker Fabian Ernst, beide eher zentrale, defensive Mittelfeldspieler.

Der neue Sturm

Nachdem das Duo Klose-Podolski eine Hauptrolle im Sommermärchen gespielt hatte, schien diese Sturmbesetzung für die kommenden Jahre festzustehen, aber der "neue" Sturm mit Kevin Kuranyi und dem Debütanten Mario Gomez überzeugte völlig, was interessante Planspiele ermöglicht. Schon beim kommenden, wichtigen Qualifikationsspiel gegen Tschechien (am 24. März in Prag) wird durch das Fehlen von Miroslav Klose der Ernstfall eintreten, dann gibt es die erste Nagelprobe für Bundestrainer Löw: Entscheidet er sich für Podolski? Wenn ja, mit wem? Gomez und Kuranyi überzeugten beide gegen die Schweiz, spielen sie auch zusammen gegen die Tschechen? Die ehemaligen Alternativen Neuville (viele Verletzungsprobleme) und Hanke (starke Leistungsschwankungen) scheinen jedenfalls auf die Sturmplätze fünf und sechs zurückgefallen zu sein, werden bedrängt vom zukünftigen Bayern-Spieler Jan Schlaudraff.

Insgesamt scheint der im Herbst noch fast sakrosankte WM-Kader sich weiter zu öffnen, nach Fritz und Schlaudraff haben sich mit Mario Gomez und Kevin Kuranyi zwei weitere Spieler reingespielt. Andere Nicht-WM-Teilnehmer wie Enke, Stuttgarts blutjunges Abwehr-Talent Serdar Tasci, Streit oder Ernst werden folgen. Nach dem Länderspielauftakt kann man schlussfolgern: Es gibt interessante Alternativen für Jogi Löw und glänzende Perspektiven für das Jahr nach der Weltmeisterschaft, gute Aussichten für die deutsche Nationalmannschaft.

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