Länderspielabsagen Bundesliga wehrt sich gegen Kahn-Kritik


Kahns "Brandrede" wegen der vielen Ausfällen beim heutigen Länderspiel gegen Italien hat heftige Reaktionen hervorgerufen. Vereine und kritisierte Spieler setzen sich energisch gegen die Vorwürfe zur Wehr.

Die Bundesliga setzt sich gegen die Kritik von DFB-Kapitän Oliver Kahn und Routinier Fredi Bobic zur Wehr. Nie zuvor hätten die Vereine mit der Nationalelf unaufgeregter zusammen gearbeitet als derzeit, betonten Spitzenvertreter der Liga und wollten von einer neuen Krise in der Beziehung mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) offiziell nichts wissen. "Es gibt überhaupt keine Rückentwicklung", meinte Hertha-Manager Dieter Hoeneß. "Die Kommunikation funktioniert", stellte Karl-Heinz Rummenigge in der "Welt" fest. "Für unsere Spieler kann ich sagen, dass alle gern zur Nationalmannschaft reisen und das ihnen eine Berufung etwas bedeutet", versicherte Leverkusens Geschäftsführer Reiner Calmund.

Kahn will Priorität für Nationalmannschaft

Die Diskussionen um die Abstellung zu Länderspielen hatten im Vorfeld der Freundschaftspartie gegen Italien eine neue Qualität erhalten, da die Spieler den verstärkten Druck ihrer Arbeitgeber anprangerten und von ihren Clubs eine neue Philosophie verlangten. Kahn vermisst mit dem Blick auf die WM 2006 im eigenen Land eine klare Priorität im deutschen Profifußball zu Gunsten der Nationalmannschaft. Seine "Brandrede" zum Start der EM-Saison darf auch als Appell an Teamchef Rudi Völler verstanden werden, nicht zu kompromissbereit gegenüber den Vereinen aufzutreten. Völlers Verzicht auf Sebastian Deisler und Arne Friedrich, die beide gegen Italien hätten spielen können, war mit ein Auslöser für Kahns Klage.

Ballack wehrt sich gegen Kahn

Durch die Darstellung in einigen Medien, die Kahns Worte auch als Kritik gegen vermeintlich wehleidige Kollegen interpretiert hatten, fühlten sich die aktuell beteiligten Spieler angegriffen. "Solche Vorwürfe sind zu pauschal. Oliver soll doch die Spieler nennen, die er meint. Er kann doch gar nicht wissen, was den betreffenden Spielern wirklich fehlt", entgegnete Michael Ballack in der "TZ" und ergänzte: "Bei mir weiß er ja wohl, dass ich verletzt bin."

Auch der Berliner Friedrich wehrte sich gegen den Vorwurf, ein Weichei zu sein: "So war das zwischen Völler und Dieter Hoeneß abgesprochen. Es ist besser, wenn ich die Vorbereitung nachhole."

"Im Fall Friedrich ist das lächerlich"

Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld war über den Vorstoß seiner Führungskraft Kahn befremdet. "Da kann man geteilter Meinung sein. Es gibt Verletzte, die können nun mal nicht zur Nationalmannschaft. Sie können auch nicht spielen. Alles andere sind Vermutungen", sagte der Chefcoach am Mittwoch. Noch deutlicher wurde Dieter Hoeneß: "Vielleicht sollte sich Kahn erst mal mit den Verletzungen beschäftigen, ehe er so etwas äußert. Im Fall Friedrich ist das lächerlich."

Beim Berliner Abwehrspieler sah sich Völler offensichtlich in einer Bringeschuld. Denn Friedrich hatte die letzten EM- Qualifikationsspiel in Schottland und Färöer trotz einer Leistenverletzung bestritten und danach in der gesamten Saison- Vorbereitung größere gesundheitliche Probleme bekommen.

Es gab schon Spiele mit noch mehr Absagen

Die Italien-Quote von acht Ausfällen ist bei allen Diskussionen weder ein Novum, noch ein Spitzenwert. Beim letzten Testspiel Ende April gegen Serbien-Montenegro blieben gleich elf Spieler zu Hause. In der Ära Erich Ribbeck musste der DFB beim Konföderationen-Pokal 1999 in Mexiko auf Druck der Vereine sogar eine Quote festgelegen. Ribbeck durfte höchstens drei Spieler pro Verein nominieren, was unter anderem Heiko Gerber und Ronald Maul zu Nationalspielern machte. Es folgte die "Arbeitsverweigerung" beim EM-Test 2000 gegen die Schweiz, als sich die Spieler reihenweise wegen angeblicher Blessuren auswechseln ließen. "Nach 45 Minuten war das Auswechselkontingent erschöpft, weil jeder Manager seinem Spieler gesagt hat, lass doch den Muskel zuschnappen", erinnerte sich DFB- Chef Mayer-Vorfelder mit Grausen.

Jens Mende und Oliver Hartmann DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker