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Magath-Aus in Wolfsburg: Die große Flucht aus der Provinz

Die Indizien für Felix Magaths Ortswechsel von Wolfsburg nach Gelsenkirchen sind erdrückend. Mit dem Weggang des Erfolgscoaches droht dem VfL Wolfsburg nun der Absturz ins sportliche Niemandsland - auch weil die Schlüsselspieler vor dem Absprung stehen.

Von Frank Hellmann, Wolfsburg

Hinter vorgehaltener Hand heißt es noch immer: Felix Magath hat sich bislang fast zwei Jahre lang erfolgreich geweigert, wirklich ein Teil der kreisfreien Stadt Wolfsburg zu werden. Lange, lange Zeit wohnte der 55-Jährige im Hotel, und auch am vergangenen Wochenende zog es der Alleinherrscher des VfL Wolfsburg nach der Blamage bei Energie Cottbus mal wieder vor, ein Wochenende in München zu verbringen. Im wirklichen Zuhause. Bei der Familie, bei Frau und Kindern. Dabei ist es nicht so, dass das wirtschaftliche Oberzentrum im östlichen Niedersachsen nichts zu bieten hat.

Im Gegenteil: Zwischen Bahnhof und Volkswagenarena ziehen die Movimentos - die Festwochen der Autostadt - Zehntausende auswärtiger Besucher an. Mit Tanz, Konzerten, Vorträgen und Lesungen - und eine zentrale Vortragsreihe widmete sich im siebten Jahr der Movimentos-Festwochen dem Thema Verantwortung. "Nach Verantwortung wird immer dann gerufen, wenn etwas zu scheitern droht. Wenn alles gut geht, so scheint es, wird sie nicht gebraucht. Doch entgegen landläufiger Handhabung wird Verantwortung vor der eigentlichen Tat übernommen, nicht hinterher." So steht es in der Festschrift, die die PR-Abteilung des Autokonzerns verfasst hat.

"Das war kein Zufall, das war geplant"

Wie treffend für die Lage in der von VW alimentierten VfL Wolfsburg Fußball GmbH. Welche Verantwortung etwa trägt der vom obersten VW-Chef Martin Winterkorn mit millionenschwerer Allmacht und einem eigentlich bis 2010 laufenden Vertrag ausgestattete Felix Magath, wenn es den sechsfachen Vater im Sommer gen Gelsenkirchen zieht? In ähnlicher präsenter Funktion; in einem ungleich unruhigeren Umfeld. Magath spürt genau, welch Druck durch die Indiskretionen aus dem Schalker Umfeld jetzt auf ihn lastet.

Deshalb tat Magath bei der Pressekonferenz am Donnerstag das aus seiner Sicht einzig Mögliche - keine Bestätigung, aber auch kein Dementi. "Ich habe auch in der Vergangenheit keine Gerüchte bestätigt oder dementiert. Ich kommentiere das Thema nicht. Bei dieser Haltung werde ich bis zum Saisonende bleiben." Er sei doch in Gesprächen mit der VfL-Führung über eine Vertragsverlängerung, aber da gebe es keinen neuen Stand. Damit lässt sich der Mann alle Türen offen. Und er vermutet sogar die Indiskretionen bewusst aus Stuttgart geschürt, "das war kein Zufall, das war geplant und absichtlich". Das wiederum ist ein Ablenkungsmanöver Magaths.

Spieler nur wegen Magath in Wolfsburg

Die Indizien für den Ortswechsel sind schließlich erdrückend - und dem Vernehmen nach hat Magath sogar seinen Intimus Winterkorn davon längst informiert. Selbst aus Kreisen des VW-dominierten Aufsichtsrates, indem auch Winterkorns rechte Hand und Aufsichtsratsvize Stephan Grühsem sitzt, rechnet man fest mit dem Weggang des gebürtigen Aschaffenburgers, der sich ganz offensichtlich mit den für ihn zuständigen VW-Oberen zerstritten hat. Gegenüber Grühsem und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch wollte Magath dem Vernehmen nicht nur eine Aufstockung seines Gehalts durchsetzen, sondern vor allem weitere teure Investitionen in den Spielerkader abgesegnet haben. Stars aber kosten Geld, Ablöse und Gehalt - zu viel Geld selbst für den Autobauer in so wirtschaftlich heiklen Zeiten. "Teure Spielerverpflichtungen sind mit einem hohen Risiko verbunden", stellte Pötsch erst kürzlich klar. Magath war auch sauer aufgestoßen, dass ihm seine Macht beschnitten werden sollte; zumindest einen seinen drei Jobs (den des Geschäftsführers) sollte ein anderer besetzen.

Nun braucht der Bundesliga-Tabellenführer wohl eine komplett neue Führung - Trainer und Manager stehen zur Ausschreibung. Aktuell die viel spannendere Frage ist, was sportlich aus dem Spitzenreiter wird. "Mit so einem Thema habe ich nicht gerechnet. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin total überrascht", gestand Spielmacher Zvjezdan Misimovic. Spieler wie Linksverteidiger Marcel Schäfer oder der bei Joachim Löw in den Fokus gerückte Christian Gentner sind nur wegen Magath gekommen und haben ihre Verträge verlängert. Der Schachliebhaber und Strippenzieher aber selbst lässt nun dem Vernehmen nach von allen personellen Planspielen die Finger - so soll Magath mit potenziellen Neuzugängen wie Robert Huth, Gökhan Zan, Michael Fink oder Adrian Mutu nicht mehr gesprochen haben. Im schlimmsten Fall droht ein Ausverkauf.

Keiner ist unverkäuflich

Den Beratern der treffsicheren Stürmer Edin Dzeko und Grafite teilte Magath angeblich schon mit, dass er die Verhandlungen nicht mehr führe. Beiden Top-Angreifern liegen andere Angebote vor. Und wie betonte Grühsem zuletzt: "Nur weil VW dahinter steht, wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Auch wir müssen mit Augenmaß arbeiten - bei jeder Millionen-Investition tragen wir auch eine Verantwortung für die Menschen, die bei VW arbeiten. Und auch wir schauen auf das wirtschaftliche Ergebnis." Will heißen: Bietet Arsenal London 14 Millionen für Dzeko, Olympique Marseille eine ähnliche Summe für Grafite oder buhlen die Bayern um ihren verlorenen Sohn Misimovic (der in München noch ein Haus besitzt!), dann ist keiner der VfL-Stars unverkäuflich.

Bei dieser Unruhe ist unwahrscheinlich, dass sich der VfL Wolfsburg ganz oben hält. Daher betont Magath: "Ich bin in den Mittelpunkt der Spekulationen geraten. Die Spieler können das einordnen. Ich hoffe, dass sich weder meine Spieler noch die Fans von diesen Zündeleien anstecken lassen. Für die Spieler soll nur diese Saison und das nächste Spiel zählen." Gegner von Magaths Mannen ist am Samstag der Herbstmeister 1899 Hoffenheim. Die wissen, wie es sich anfühlt, von ganz oben abzustürzen.

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