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»Wir müssen experimentieren«

Am Mittwoch tritt die deutsche Nationalelf in Sofia zum einzigen Testspiel vor der EM-Qualifikation an. Teamchef Völler hofft, dass sein Verlegenheitsaufgebot nicht baden geht.

Mit einer verstärkten Junioren-Auswahl und Jens Jeremies als Interimskapitän startet die deutsche Fußball- Nationalmannschaft in Bulgarien in die neue Etappe. Beim Abflug der Condor-Chartermaschine von Berlin nach Sofia zum einzigen Test vor der EM-Qualifikation hatte Teamchef Rudi Völler am Dienstag nach zehn Absagen gerade noch elf der 23 WM-Fahrer an Bord.

Doch auch sein letztes Verlegenheits-Aufgebot, in dem acht Spieler unter 24 Jahren sind, forderte Völler auf, mit einem beherzten Auftritt im Spiel eins nach der WM einen schnellen Imageschaden zu verhindern: »Wir müssen uns etwas einfallen lassen, damit wir nicht schon im ersten Länderspiel nach der WM baden gehen.«

Für viele Postionen kein echter Ersatz

Offen ließ Völler, wer am Mittwoch (19.45 Uhr MESZ/ZDF live) im nicht ausverkauften Stadion »Georgi Asparuhow« von Beginn an am »Jugend forscht-Wettbewerb« teilnehmen darf. Denn mit Verteidiger Christoph Metzelder (Bänderriss am Daumen) und Mittelfeldspieler Gerald Asamoah (Pferdekuss im Oberschenkel) stand hinter zwei WM- Fahrern noch ein Fragezeichen. »Wir werden sicherlich ein bisschen experimentieren müssen«, sagte Völler angesichts des Umstandes, dass er für etliche Positionen gar kein adäquates Personal zur Verfügung hat: »Vielleicht wird der eine oder andere nicht auf der klassischen Position spielen, die er im Verein innehat.«

So herrscht vor allem auf beiden Flügeln sowie in der Abwehr Notstand. Deshalb zog Völler auch in Betracht, den erst zwei Mal in der Bundesliga erprobten Hertha-Verteidiger Arne Friedrich gleich von Beginn an ins kalte Wasser zu werfen. Auf der linken Seite könnte der Neu-Leverkusener Daniel Bierofka nach zwei Teileinsätzen erstmals in die Anfangself rücken, da er der einzige »Linksfuß« im 18-köpfigen Aufgebot ist.

Jancker neben Klose

Im Angriff möchte Völler Carsten Jancker neben Miroslav Klose aufbieten, obwohl der 27-Jährige nach seinem Wechsel vom FC Bayern zu Udinese Calcio noch in der Saisonvorbereitung steckt. Sturm-Alternative Alexander Zickler kam angesichts der Konkurrenz beim FC Bayern bislang nur zu Kurzeinsätzen. Im Tor wird der Dortmunder Jens Lehmann in seinem bereits 15. Länderspiel-Einsatz den etatmäßigen Spielführer Oliver Kahn vertreten.

Bei der Benennung des Aushilfskapitäns - Kahns Stellvertreter Christian Ziege ist ebenfalls verletzt - unterstrich Völler einmal mehr seine konservative Grundhaltung. Nicht »Fußballer des Jahres« Michael Ballack, der große Hoffnungsträger im Mittelfeld, sondern dessen »Bodyguard« Jeremies als mit 40 Einsätzen dienstältester Nationalspieler darf die Binde überstreifen.

»Es ist auch ein kleines Dankeschön für sein Verhalten bei der WM. Da hat er eine überragende Rolle gespielt und war eine ganz wichtige Figur für die Mannschaft«, lobte Völler die Uneigennützigkeit von Jeremies in Japan und Südkorea. Dort kam der Mittelfeld-Motor mit dem großen Kämpferherz nur sporadisch als Lückenbüßer zum Zug, beklagte sich aber nie, sondern stellte sich stets in den Dienst des Teams. »Jens ist ein total positiver Typ, ein Anführer, der die Jungs mitziehen kann«, meinte Völler.

Auszeichnung für Jeremies

Jeremies, der in der vergangenen Saison wegen einer schwerwiegenden Verletzung noch kurz vor dem Karriereende gestanden hatte, bezeichnete seine Berufung als »große Ehre«. Doch allein mit der Beförderung sieht er seine Autorität nicht gestiegen. »Ich sehe mich sowohl beim FC Bayern als auch in der Nationalmannschaft ohnehin als Führungsspieler, da ist das Stückchen Binde auch nicht mehr so wichtig«, verkündete der 28-Jährige, der nach der WM statt Urlaub Extra-Schichten absolviert hatte, um gleich zu Saisonbeginn in bester Verfassung zu sein: »Ich fühle mich körperlich auf einem sehr guten Weg.«

Das können die wenigsten seiner WM-Kollegen sagen. Wer nicht angeschlagen ist, sucht nach der kurzen Sommerpause und der zu kurzen Vorbereitungszeit noch Form und Rhythmus. Das war schon immer so, und deshalb wurden in der Vergangenheit die Saison-Eröffnungsspiele der Nationalmannschaft meist zu einer ernüchternden Angelegenheit - bis Völler das Ruder übernahm.

Bei dessen Einstand vor zwei Jahren fegte das DFB-Team in Hannover Spanien mit 4:1 vom Platz, ein Jahr später folgte mit einer ebenfalls als »Notelf« angereisten Mannschaft ein 5:2-Kantersieg in Ungarn. Und auch wenn es in Sofia nicht mit einem Schützenfest klappen sollte, so fordert Völler wenigstens: »Die Leute müssen das Gefühl haben, dass die Jungs auf dem Rasen alles geben.«

Oliver Hartmann und Jens Mende, dpa

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