Nationalmannschaft "Ab sofort beißen"


Beckenbauer macht den Versagern von Florenz Mut, Kahn fordert ab sofort "totale Konzentration". Nach dem Debakel gegen Italien lecken die Entscheidungsträger des deutschen Fußballs die aufgerissenen Wunden.

Der sonst stets kritische "Kaiser" Beckenbauer ging dabei voran. "Zu Hause mit der Euphorie der eigenen Fans ist die Truppe zu Größerem fähig", meinte der WM-Chef am Freitag in seiner Bild-Kolumne und übermittelte so den dringend benötigten Hoffnungsschimmer an Jürgen Klinsmann und dessen am Mittwoch in Florenz komplett enttäuschendes Personal. Zwar scheine die junge Klinsmann-Elf in fremden Stadien noch "zu grün" zu sein, meinte Beckenbauer. Doch nun gebe es beim Unternehmen WM-Titel zum Glück nur noch Heimspiele.

"Schon der nächste Test gegen die USA am 22. März in Dortmund mit 80.000 Zuschauern im Rücken ist die Chance, die Stimmung in die richtige Richtung zu kippen", betonte der Präsident des WM-Organisationskomitees. Das allerdings wird für die verunsicherten deutschen WM-Kandidaten nach der Offenbarung im letzten Auswärtsspiel der Saison alles andere als ein Selbstläufer.

Euphorie soll helfen

Deshalb appellierte schon jetzt Kahn, der in der Rotation mit Jens Lehmann gegen die Amerikaner wieder im Tor stehen wird, an seine Kollegen: "Die Spieler müssen ab sofort beißen, im Training, in der Bundesliga, international. Jetzt ist Vollgas gefordert." Nach Italien weiß auch Klinsmann, dass der Partie gegen die USA urplötzlich eine Bedeutung zukommt, mit der niemand rechnen konnte: Das Spiel ist zu einem ultimativen Stimmungstest für die Gastgeber-Nation geworden. Da kommt der Dortmund-Effekt gerade recht: Dort verlor noch niemals eine deutsche Nationalelf - zuletzt wurden "Endspiele" wie gegen die Ukraine in der WM-Relegation für 2002 und gegen Schottland in der Qualifikation für die EM 2004 jeweils klar gewonnen.

Kapitän Michael Ballack warnte davor, den Heimvorteil bei der WM zu überschätzen, insbesondere gegen die großen Nationen. "Wenn man solche Fehler macht wie gegen Italien, hat das mit heim und auswärts wenig zu tun." Zwar kann die Euphorie gegen Mannschaften wie Costa Rica, Polen und Ecuador in der Vorrunde helfen, den nötigen Sturmlauf der Gastgeber zu unterstützen. "Doch gegen Weltklasse-Teams wie Italien ist es eher noch gefährlicher, weil die Zuschauer uns dann noch mehr nach vorne puschen. Die Gefahr besteht, dass man dann noch mehr Fehler macht und ungeduldiger wird", meinte Ballack.

Definitiv keine Rückkehr von Christian Wörns

Klinsmann, der bereits kurz nach der höchsten Niederlage seiner Amtszeit den enttäuschenden Spielern einen Freifahrtschein und eine Wiedergutmachungs-Möglichkeit gegen die USA eingeräumt hatte, bekräftigte am Freitag kurz vor seiner Rückreise in die Wahlheimat Kalifornien: "Wir halten an den Jungs fest, die zuletzt dabei waren." Der erweiterte WM-Kader von 27 Spielern steht, inklusive des gerade am Knie operierten Schalkers Kevin Kuranyi. Nur in Notfällen - das heißt sehr schweren Verletzungen - wird es noch Veränderungen geben.

Wenn der Weltverband den WM-Nominierungstermin vom 15. Mai nach hinten verschiebt, will Klinsmann mit diesen 27 Spielern ins erste WM-Vorbereitungslager nach Sardinien reisen. Nach derzeitigem Stand sind Andreas Hinkel, Lukas Sinkiewicz, Sebastian Kehl, Mike Hanke und Oliver Neuville die heißesten Kandidaten für die vier Streich-Plätze, um auf die erlaubte Anzahl von 23 WM-Spielern zu kommen. Bei Kuranyi muss der Heilungsverlauf abgewartet werden. Frühestens im April kann der Stürmer wieder spielen.

Eine Rückkehr von Christian Wörns schließt Klinsmann kategorisch aus, auch wenn der Dortmunder Routinier im DSF nochmals seine Bereitschaft erklärte: "Ich spiele nicht die beleidigte Leberwurst." Allerdings sagte Wörns auch: Die Worte, die er in Richtung Klinsmann gesagt habe ("link und unehrlich"), würden so stehen bleiben, "weil das auch meine Denkweise ist".

DPA


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