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NATIONALMANNSCHAFT: Ein Phantom und ein Torjäger a.D. in Lauerstellung

Wie ein Phantom schwebt Ulf Kirsten über der Nationalmannschaft, doch Völler will die Hängepartie um ein Comeback des Leverkuseners noch nicht beenden. Seine große Chance gegen Finnland wittert auch Oliver Bierhoff.

Wie ein Phantom schwebt Ulf Kirsten über der deutschen Nationalmannschaft, doch Rudi Völler will die Hängepartie um ein Comeback des Leverkuseners als seinen letzten »Joker« gegen Finnland noch nicht beenden. Nach der verletzungsbedingten Absage von Carsten Jancker gleich zu Beginn des Trainingslagers am Dienstag gab der DFB-Teamchef seiner medizinischen Abteilung am Mittwoch noch einmal weitere 24 Stunden Zeit, um eine verlässliche Genesungs- Prognose beim ebenfalls angeschlagenen Miroslav Klose zu stellen. Sollte der Lauterer, der sich in den ersten drei Trainingseinheiten mit Lauf- und Dehnübungen begnügen musste, auch am Donnerstag nicht voll ins Programm der Mannschaft einsteigen können, wird »Alt-Meister« Kirsten wohl am Samstag (16.00 Uhr/ZDF live) in der Arena AufSchalke als Helfer in der Not auf der Bank sitzen.

»Ich habe mit Ulf gesprochen. Wenn es in den nächsten Tagen zu irgendwelchen Problemen kommen würde, kann ich auf ihn zurückgreifen. Es hängt von Klose ab. Wir müssen sehen, wie seine Verfassung ist«, berichtete Völler, dem die quälende Ungewissheit spürbar auf die Nerven geht: »Wir warten noch einen Tag ab, dann werden wir sehen.«

Klose, dem ein Bluterguss und eine Prellung am rechten Knöchel schmerzhaft zu schaffen machen, war am Mittwoch ebenfalls frustriert über die ausbleibenden Fortschritte bei der Genesung. »Der Bluterguss drückt auf Nerven und auf die Sehne. Das tut unheimlich weh. Ich weiß nicht, ob ich rechtzeitig fit werde«, sagte der 23- jährige Lauterer, der zudem zu verstehen gab, dass er nicht um jeden Preis im letzten WM-Qualifikationsspiel auflaufen wird: »Ich freue mich über einen Einsatz, aber an erster Stelle steht die Gesundheit.«

Ein Joker in Topform aber ist für Völler schon deshalb von besonderer Bedeutung, weil auch Kapitän Oliver Bierhoff nach ausgeheiltem doppelten Bänderanriss noch weit von seiner vollen Leistungskraft entfernt ist. »Er ist nicht hundertprozentig fit, hat noch kleinere Problemchen und Wehwehchen«, schilderte Völler seine Trainingseindrücke. Dennoch ist der neue Hoffnungsträger des AS Monaco als Sturmpartner von Oliver Neuville fest eingeplant. Der 28- jährige Stürmer ohne Torgefahr (sein einziger Treffer in 27 Länderspielen datiert vom 31. März 1999 gegen Finnland) glaubt nicht an Kirstens Comeback: »Ich denke, Ulf wird sich das Spiel am Samstag im Fernsehen ansehen.«

Bierhoff gab zu bedenken, dass er am vergangenen Wochenende erstmals seit vier Monaten einen Einsatz über die volle Spielzeit absolvierte, der nicht spurlos an ihm vorüberging: »Ich kann keine Prognose abgeben, ob es über 90 Minuten auf höchstem Tempo geht. Die Partie in Bastia war mein erstes Spiel seit vier Monaten, mein erstes Spiel über 90 Minuten.« Fast schon in den Hintergrund geriet, dass Abwehr-Alternative Sebastian Kehl an einer hartnäckigen Oberschenkelverhärtung laboriert und wie Klose bisher nicht mit dem Team trainieren konnte.

Bierhoff wittert große Chance

Nach dem Ausfall von Carsten Jancker wittert der von Rudi Völler zuletzt zum Torjäger a.D. degradierte Oliver Bierhoff gegen Finnland seine große Chance. »Ich bin bereit« - in drei Worte kleidete der Neu-Monegasse am Mittwoch im münsterländischen Billerbeck auch seinen Anspruch auf den Platz im Angriffszentrum neben dem »gesetzten« Oliver Neuville. Extra für Bierhoff legte Völler am Mittwoch beim Trainingsspiel das Hauptaugenmerk auf hohe Flanken in den Strafraum.

Denn im Moment der großen Stürmer-Not und der gefährdeten WM-Qualifikation rücken alle in Billerbeck zusammen - auch der Teamchef und sein fast schon von Torwart Oliver Kahn abgelöster Kapitän. Bierhoffs heftige Kritik an Völler wegen der Nichtberücksichtigung beim 1:5 gegen England sei kein Thema mehr. »Das ist mit Rudi Völler geklärt«, so Bierhoff.

Für den ältesten Akteur im 19-köpfigen Aufgebot geht es am Samstag um sehr viel. Und der 33-Jährige weiß, dass nur ein Argument für ihn überzeugend sprechen wird: Tore. Danach könnte er neue Ansprüche stellen, vorher übt sich der Diplomatensohn in weiser Zurückhaltung, auch wenn er durchblicken lässt, wie sehr er in den letzten Monaten darunter gelitten hat, als Auslaufmodell im DFB-Team zu gelten. »Ich möchte nicht spielen, weil sich andere verletzen«, merkte er an.

Auf sich schauen, sich durch nichts ablenken lassen, das soll und muss Bierhoffs Motto sein. Die Hängepartie um ein mögliches Comeback von Ulf Kirsten hält er professionell von sich fern. »Die Diskussion gab es immer, wenn es in den vergangenen Jahren einen Engpass gab«, so Bierhoff. Sie sei legitim, außerdem habe er ein »hervorragendes Verhältnis« zu dem früheren Konkurrenten im Sturmzentrum: »Er wäre hier immer herzlich willkommen.«

Vor zwei Jahren war Bierhoff - übrigens an der Seite von Kirsten - beim letzten Sieg gegen Finnland (2:1) als zweifacher Torschütze der gefeierte Mann. Dieses Mal sollen ihm die Skandinavier zu einem Neuanfang in der Nationalmannschaft verhelfen, den der 33-Jährige auf Vereinsebene mit dem Wechsel vom AC Mailand zum AS Monaco bereits vollzogen hat. »Es ist gut für den Kopf, wenn man irgendwo spielt, wo man nicht in Frage steht«, berichtete Bierhoff nach einem Monat im

Fürstentum, wo ihm im ersten Spiel für Monaco gleich ein Tor gelang, ehe ihn eine Fußverletzung in seinem großen Tatendrang bremste.

Stammplatz an Jancker verloren

Im DFB-Team hat Bierhoff seinen Stammplatz an Jancker verloren. Nur 317 von möglichen 1080 Länderspiel-Minuten ließ ihn Völler in den zwölf Länderspielen unter seiner Regie ran. Ein Tor beim 5:2 gegen Ungarn steht als zählbare Ausbeute zu Buche. In dieser Situation kann es für Bierhoff nur ein Motto geben: »Man darf den Druck auf dem Platz nicht in Angst verwandeln, sondern in unbändigen Willen.«

Angesichts der personellen Rückschläge und der negativen Vorzeichen im Fernduell mit England waren für Völler und sein Team die öffentlichen Sympathie-Bekundungen im Münsterland richtig wohltuend. Rund 1000 Zaungäste bejubelten am Tag der deutschen Einheit den Teamchef und seine Mannschaft, als sie auf dem Dorfplatz in Darfeld ihrer Arbeit nachgingen. Der freundliche Empfang bestärkte Völler in seiner Ansicht, das Team habe mit dem 1:5- Debakel gegen England »nicht den ganzen Kredit verspielt«.

Die Wiedergutmachung hat Völler unmissverständlich für das Duell mit den zweitklassigen Finnen angekündigt. »Die Mannschaft weiß, was angesagt ist. Sie wird mit einer Super-Einstellung reingehen und sich als Mannschaft präsentieren«, versprach Völler für das Duell mit dem Weltranglisten-52., gegen den es im Hinspiel allerdings nur zu einem glücklichen 2:2 reichte. Auch Bierhoff hob hervor, dass der in München angerichtete Imageschaden umgehend korrigiert werden müsse. »Wir müssen zusammenhalten. Wir haben die guten Zeiten gemeinsam gemacht, wir müssen uns auch jetzt als Mannschaft präsentieren.«

An eine direkte Qualifikation glaubt kaum jemand

An eine direkte WM-Qualifikation, für die ein Punktverlust von Tabellenführer England gegen Griechenland nötig wäre, glaubt indes kaum jemand. »Ich denke, dass sich die Engländer diese Chance, die sie jetzt haben, nicht mehr nehmen lassen«, sagte der bei Tottenham Hotspur beschäftigte England-Legionär Christian Ziege. Für alle Fälle aber hat man beim DFB bereits Vorkehrungen getroffen. Auf dem Video-Würfel in der Arena AufSchalke darf der Zwischenstand vom zeitgleich stattfindenden England-Spiel in Manchester nur nach vorheriger Genehmigung von Völler angezeigt werden.

Klaus Bergmann und Oliver Hartmann, dpa

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