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Nationalmannschaft: Klinsmann und sein Defensiv-Dilemma

Die Blamage von Bratislava offenbarte es zum wiederholten Mal: Dem DFB-Team mangelt es an Abwehrspielern von internationalem Format.

Der Auftritt der deutschen Nationalmannschaft am vergangenen Wochenende im Testspiel gegen die Slowakei - er war ein Rückschritt in längst vergessene Zeiten. Bei der peinlichen 0:2-Niederlage gegen die allenfalls als zweitklassig einzustufenden Slowaken offenbarte das DFB-Team Schwächen, die verdächtig an die Katastrophen-EM im letzten Jahr in Portugal erinnerten. Damals, noch unter Ägide von Rudi Völler, verabschiedeten sich Ballack und Co nach teilweise desolaten Vorstellungen bereits in der Vorrunde aus dem Turnier.

Einsatzwille, Zweikampfbereitschaft und Teamspirit, alles elementare Voraussetzungen für das erfolgreiche Betreiben von Mannschaftssport, fehlten damals und fehlen nun also auch heute wieder. Was sich vor knapp drei Wochen beim äußerst schmeichelhaften 2:2 gegen spielerisch hoch überlegenen Niederländer andeutete, fand jetzt im zweiten Spiel der WM-Saison vor der Geisterkulisse im "Ziegelfeld-Stadion" von Bratislava seine Fortsetzung. Und das, obwohl die von Coach Jürgen Klinsmann rund erneuerte Elf nach den erfrischenden Auftritten beim Confederations Cup im Frühsommer die seit Jahren andauernde Tristesse eigentlich längst vergessen gemacht hatte.

Innenverteidigung als Achillesferse der deutschen Elf

Die Schwächen des dreimaligen Weltmeisters wurden von den Osteuropäern vor allem in der ersten Halbzeit schonungslos offen gelegt. Selbst DFB-Boss Mayer-Vorfelder ordnete die Leistung seiner Mannen als "mittlere Katastrophe" ein. Knapp ein Jahr vor Beginn der Titelkämpfe krankt das deutsche Spiel vor allem in einem Mannschaftsteil: in der Abwehr, in der nur Per Mertesacker einen Stammplatz sicher hat. Die Besetzung der zweiten Innenverteidiger-Position scheint sich mehr und mehr zum Kernproblem von Jürgen Klinsmann heraus zukristallisieren.

Robert Huth, der sich dort mit mäßigem Erfolg beim Confed Cup ausprobieren durfte, ist mittlerweile in das U21-Team zurückgestuft worden. Der Dortmunder Christian Wörns verfügt zwar über eine Menge Routine, in Sachen Beweglich- bzw. Schnelligkeit wird er aber internationalen Ansprüchen kaum noch gerecht. Lukas Sinkiewicz vom 1. FC Köln, der am Samstag als elfter Debütant unter Klinsmann in der zweiten Hälfte auf der Wörns-Position zum Einsatz kam, verfügt ohne Fragen über überdurchschnittliche Qualitäten. Ob er als echte Alternative taugt, wird erst die Zukunft zeigen. Bleibt Christoph Metzelder: Wörns` Klubkollege vom BVB, der während der WM in Japan und Südkorea zu den absoluten Leistungsträgern gehörte, sucht nach seiner schweren Achillessehnenverletzung aber immer noch seine Form und gehört deshalb auch nicht zum aktuellen Aufgebot.

Die Alternativen fehlen

Auf den Außenpositionen ist die Lage ähnlich prekär. Einen adäquaten Ersatz für den zuletzt verletzten Arne Friedrich ist nicht in Sicht. Weder der Neu-Bremer Patrick Owomoyela noch Andreas Hinkel vom VfB Stuttgart konnten gegen die Slowakei überzeugen. Links trifft es Jürgen Klinsmann fast noch härter. Bernd Schneider gegen die Niederlande (Kicker-Note 5,5) und Thomas Hitzlsperger gegen die Osteuropäer (Kicker-Note 5,5) enttäuschten auf der ganzen Linie. Hoffnungsträger Philipp Lahm kämpft nach seinem Kreuzbandriss um den Anschluss. Und ob Talent Marcell Jansen eine ernsthafte WM-Alternative für die linke Abwehrseite ist, bleibt abzuwarten.

Jürgen Klinsmann fehlt in seinem Defensivverbund - anders als in den anderen Mannschaftsteilen - die Qualität von Topspielern, die andere Nationen teilweise haben. Das ist sein Dilemma, und aus dem wird er bis zum WM-Eröffnungsspiel auch nur schwer herauskommen. Noch ist genug Zeit, um sich einzuspielen und zu testen. Aber weitere Testspiele á la Bratislava kann sich das DFB-Team nicht leisten, die Brandherde würden sonst noch größer. Und Unruhe, auch wenn sie nur von außen herein getragen wird, ist das letzte, was eine Nationalmannschaft in der WM-Saison gebrauchen kann.

Klaus Bellstedt

Wissenscommunity