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Nationalmannschaft: Und sie bewegt sich doch

Die Nationalmannschaft hat bei dem Unentschieden gegen Brasilien eine gute Leistung gezeigt. Die Partie lässt hoffen, dass mit Jürgen Klinsmann der Stillstand im deutschen Fußball endlich überwunden wird.

Von Björn Erichsen

Die zweitwichtigste Nachricht des Fußball-Abends ist, dass die deutsche Nationalmannschaft gegen den Weltmeister Brasilien ein 1:1-Unentschieden erreicht hat. Zwar gab es noch immer nicht den erhofften, weil seit vier Jahren ausstehenden Sieg gegen eine große Fußball-Nation. Jedoch ist sich Fußball-Deutschland darüber einig, dass die Heimspiel-Premiere von Bundestrainer Jürgen Klinsmann geglückt ist. Die mit Abstand wichtigste Nachricht des Abends formulierte ZDF-Kommentator Johannes B. Kerner bereits in der Halbzeitpause der Partie: "Deutschland hat Fußball gespielt!"

Wie konnte das passieren? Nach der aus deutscher Sicht verkorksten Europameisterschaft und dem Sommertheater mit dem Titel "Trainer-Findungskommission" zeigte sich das deutsche Team überraschend selbstbewusst. Mit dem neuen Trainer-Trio ist wieder Bewegung in das Nationalteam gekommen. Allen voran Teamchef Klinsmann versprüht gute Laune und Optimismus. "Aggressivität, Agieren, Offensive und Risikobereitschaft" war die Marschroute, die Klinsmann vor dem Spiel ausgegeben hatte.

Ist Jürgen Klinsmann der richtige Mann, um den deutschen Fußball wieder auf Vordermann zu bringen?

Und tatsächlich: Seine Mannschaft erhörte ihn. Das Team um den neuen Kapitän Michael Ballack setze die Brasilianer mit aggressivem Pressing unter Druck, nahm die Zweikämpfe an und ließ auch gelegentlich ihr spielerisches Können aufblitzen. Über weite Strecken dominierte die deutsche Elf das Spiel und erarbeitete sich in hübscher Regelmäßigkeit Torchancen. Wer dies nicht für einen Fortschritt hält, sollte kurz die Augen schließen und sich an das 0:0 im zweiten EM-Spiel gegen Lettland erinnern. Bleierne Fußballzeit.

Moderner Fußball in Berlin

Das Problemkind bleibt allerdings die Abwehr. Klinsmann zeigte wirklich Mut zum Risiko, indem er mit Frank Fahrenhorst und Robert Huth eine international unerfahrene Innenverteidigung gegen die brasilianischen Weltstars stellte. Der junge Frank Fahrenhorst war einige Male nicht voll im Bilde und zeigte durch seinen Blackout vor dem 0:1, dass er den Spitznamen "Ge-Fahrenhorst" nicht zu Unrecht trägt. Dagegen spielte Robert Huth eine bemerkenswerte Partie. Immer wieder bissen sich Ronaldo und Adriano an der 1,87 Meter großen "Berlin Wall", wie Huth bei seinem Club Chelsea London genannt wird, die Zähne aus.

Gemeinsam mit der gewohnt spritzigen Stuttgarter Flügelzange Lahm und Hinkel beteiligten sich beide Innenverteidiger am Aufbauspiel, wodurch sich das deutsche Team meistens spielerisch aus der Defensive befreien konnte. Ein Hauch von modernem Fußball wehte da durchs Olympiastadion, zumindest erinnerte nur noch wenig an die Querpassrekorde vergangener Tage auf der Achse des Stillstands Nowotny, Wörns und Linke.

Die Wiederentdeckung des Flügelspiels

Sehr dynamisch war der Auftritt von Torsten Frings, der eine sensationelle Zweikampfbilanz aufzuweisen hat und ein ums andere Mal, den Ballkünstlern aus Südamerika spektakulär die Bälle vom Fuß grätschte. Die Taktik von Klinsmann, Frings als technisch versierten "Staubauger" hinter das Kreativ-Dreieck Deisler, Schneider und Ballack zu stellen, ist voll aufgegangen. Auch hier sei an die EM und den Zeitlupenfußball eines Dietmar Hamann in selber Rolle erinnert. Das deutsche Mittelfeld war sehr beweglich, entdeckte auch das Flügelspiel wieder und setzte durch eine Reihe von Steilpässen die ballsicheren Stürmer Stürmer Kevin Kuranyi und Gerald Asamoah gut in Szene. Miroslav Klose blieb nach seiner Einwechselung in der spielerisch schwächeren zweiten Halbzeit blass und wird sich weiter mit Asamoah und Podolski um den zweiten Platz im Sturm neben Kuranyi streiten.

Nun darf die Leistung der deutschen Mannschaft in diesem Freundschaftsspiel nicht überbewertet werden. Die Brasilianer hatten noch ihr WM-Qualifikationsspiel gegen Bolivien vom Sonntag in den Knochen und nach langem Flug nur zwei Tage Zeit, sich im Berliner Spätsommer zu akklimatisieren. Außerdem fehlten den Brasilianern einige Stammkräfte. Allerdings ist dies angesichts der Leistungsdichte innerhalb der "Selecao" von nicht allzu großer Bedeutung. Und wer glaubt, dass sich Ronaldo, Ronaldinho und Co. gern von den "Rumpelfußballern" aus Deutschland dominieren ließen, schätzt das Selbstverständnis dieser Weltstars falsch ein. Insgesamt zeigte die deutsche Mannschaft eine Leistung, die die Hoffnung nährt, das auch in Zukunft in Deutschland Fußball gespielt wird.

Es ist ein weiter Weg zur WM 2006

Neben der wichtigsten Nachricht war auch die sinnfreiste Frage des Abends einem ZDF-Mann vorbehalten: Unmittelbar nach Spielschluss konnte sich der an der Seitenlinien emsig um Interviews bemühte Reporter die Frage an Oliver Kahn nicht verkneifen, welche konkrete Bedeutung das soeben erzielte Ergebnis für ein mögliches WM-Finale 2006 habe. Das Spiel wäre zumindest nicht Unentschieden ausgegangen, wollte man ihm zurufen. Aber da wies der Nationaltorwart schon darauf hing, dass es bis zur WM in zwei Jahren noch ein sehr weiter Weg sei und sich da noch gar nicht sagen lasse. Da aber jeder weite Weg bekanntermaßen mit einem ersten Schritt beginnt, war die neu entdeckte Bewegungsfähigkeit der Nationalelf schon mal ein wirklich gutes Zeichen.

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  • Björn Erichsen