Nationalstürmer Mario Gomez Kampf gegen das Torlos-Trauma


Der Gegner hat bestenfalls Zweitliga-Niveau. Dennoch ist das WM-Qualifikationsspiel gegen Wales am Abend in Cardiff (ab 20.45 Uhr im stern.de-Live-Ticker) für die DFB-Auswahl richtungsweisend. Ein Spieler steht im Fokus: Mario Gomez. Für den Angreifer geht es um mehr als um drei Punkte.
Von Klaus Bellstedt, Cardiff

Wer sich Mario Gomez in diesen Nationalmannschafts-Tagen nähert, der sieht einen Stürmer, der einen virtuellen Rucksack auf seinen breiten Schultern trägt. Der Rucksack scheint prall gefüllt mit Steinen zu sein, so sehr quält sich Gomez unter der Last des Inhalts auf seinen Wegen zwischen Mannschaftsbus, Hotel, Pressekonferenz und Trainingeinheiten. Es ist die Last des Nicht-ins-Tor-Treffens. Und so wird für den Stuttgarter Angreifer mit spanischen Wurzeln das WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft am Abend (ab 20.45 Uhr im stern.de-Live-Ticker) gegen Wales nach 13 Spielen im Dress der DFB-Auswahl ohne Torerfolg zu einer Art persönlichem Schlüsselspiel - auch und vor allem im Hinblick auf Gomez' weitere Karriere im Rudel der Löw-Truppe.

So sehr sich die Kopfklempner landauf und landab auch bemühen, die Torkrise von Mario Gomez in der Nationalmannschaft zu erklären, über schlüssige tiefenpsychologische Ansätze kommen auch sie nicht hinaus. Immer wieder gerne wird Gomez' vergebene Tausendprozentige im Europameisterschaftsspiel im letzten Sommer gegen Österreich als Auslöser des Traumas angeführt. Damals brachte der Stürmer das Kunststück fertig, eine Kerze für die Ewigkeit zu fabrizieren, anstatt das Arbeitsgerät aus zwei Metern Entfernung in das verwaiste Tor des EM-Gastgebers zu bugsieren. Eine klägliche Leistung, keine Frage, aber auch der Grund für Gomez' Brett vor dem Kopf in der Nationalmannschaft? Eher nicht. Das wäre zu einfach.

Beste Anlagen

Mario Gomez ist ein Topstürmer in der Bundesliga, für den VfB Stuttgart traf er in dieser Saison in 36 Pflichtspielen 25 Mal. Eine Quote, die sie auch im internationalen Vergleich mehr als sehen lassen kann. Gomez ist in der Bundesliga - gemeinsam mit Bayerns Miro Klose - der Angreifer, der wahrscheinlich über die besten Anlagen aller Offensivspitzen in der deutschen Eliteliga verfügt: Läuferisch stark, in der Luft mit einem exzellenten Timing und im Abschluss kühl bis an Herz. Wenn Klose der Mann für die eher einfacheren Tore ist, ist es Gomez, der ein Publikum auch mal mit Traumtreffern aus unmöglichen Positionen in Verzückung versetzt.

Mit seiner körperlichen Verfassung kann Gomez sogar in der Nationalmannschaft glänzen. Bei den Fitnesstests des DFB vorige Woche gehörte der Stuttgarter zu den Stärksten. Joachim Löw: "Mario hat sehr gute Werte, die besser sind als noch in den vergangenen Monaten in Stuttgart." Wahrscheinlich auch ein Grund, warum ihn Löw gegen Wales in der riesigen Schüssel des Millenium-Stadiums wieder von Beginn an aufstellen wird, wo doch bekannt ist, dass der mit Macht in die Startelf drängende Patrick Helmes in Sachen Laufbereitschaft Gomez klar unterlegen ist. Löw schätzt den Leichtathleten, aber die Fans wollen den Torjäger sehen. Und genau an dieser Stelle erhärtet sich das Problem.

Während in Stuttgart das gesamte Spiel aus dem Mittelfeld heraus auf Mario Gomez zugeschnitten ist und jeder dessen Laufwege aus dem Effeff kennt, hakt es diesbezüglich in der Nationalmannschaft. Ballack auf Gomez, Schweinsteiger auf Gomez, das gibt es schon, aber das sieht selten gefährlich aus. Hinzu kommt, dass Gomez in der ohnehin schwach ausgeprägten Hierarchie der DFB-Auswahl streng genommen immer noch keinen Platz gefunden hat. Im Ländle ist er gemeinsam mit Jens Lehmann die alles überstrahlende Figur, in der Nationalmannschaft ist Gomez bestenfalls ein Mitläufer wie Tasci oder Beck. Dem sensiblen 23-Jährigen, der nach außen oft den Coolen gibt, fehlt die Akzeptanz in der Truppe - weil er keine Tore schießt.

Gomez im Teufelskreis

Es ist ein Teufelskreis, in dem sich Mario Gomez bei der Nationalmannschaft befindet, und aus dem er sich nur mit Toren befreien kann. Am besten schon im richtungweisenden WM-Qualifikationsspiel gegen Wales, in dem Trainer Joachim Löw wieder auf ihn bauen wird. Sollte der Stürmer aber auch gegen die unterklassigen Waliser mutlos agieren und leer ausgehen, würde der öffentliche Druck auf Gomez zuhause in Deutschland weiter zunehmen und Löw möglicherweise dazu zwingen, seinen Angreifer auf die Bank zu setzen. Die schmerzenden Pfiffe gegen seine Person in den Spielen gegen Norwegen und Liechtenstein waren dann vielleicht erst der Anfang.

Das Positive an Gomez ist, dass er angenehm offen mit Kritik umgeht. Er sucht nie den Hinterausgang und stellt sich auch nach missratenen Auftritten den Fragen. Auch das unterscheidet ihn von manch anderen Top-Torjägern aus den Statistikbüchern, die es im DFB-Trikot zu nichts gebracht haben. Mit seinen 23 Jahren gehört Mario Gomez ja irgendwie auch die Zukunft, Joachim Löw wird nicht müde, diesen Aspekt im Hinblick auf die WM im nächsten Jahr zu betonen. Löw hegt und pflegt seinen Kummerstürmer. Das ehrt den Nationaltrainer, aber auch der Coach weiß, dass ihm letztlich nur Tore helfen. So brutal das auch klingen mag.


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