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Nullnummer gegen Lettland: "Satzball vergeben"

Nach einem enttäuschenden 0:0 gegen Lettland müssen Rudis Jungs um das Weiterkommen zittern. Nun hilft nur ein Sieg gegen die starken Tschechen, die durch ein tolles 3:2 gegen die Holländer bereits fürs Viertelfinale qualifiziert sind.

Nach einer enttäuschenden Nullnummer gegen Außenseiter Lettland droht der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wie schon vor vier Jahren nach der Vorrunde der Europameisterschaft die Heimreise. Nur bei einem Sieg im letzten Spiel der Gruppe D am Mittwoch in Lissabon gegen Tschechien hat der Vize-Weltmeister die Teilnahme am Viertelfinale sicher. Nach dem 3:2 (1:2)-Sieg von Tschechien am Samstagabend gegen die Niederlande reicht theoretisch auch ein Unentschieden gegen Koller & Co. Falls sich die Niederlande und Lettland unentschieden trennen sollten.

Schaffen Rudis Jungs noch den Sprung ins Viertelfinale?

Vier Tage nach dem hoffnungsvollen Turnierstart beim 1:1 gegen die Niederlande gelang es dem ideenlosen und viel zu zaghaften Team von Rudi Völler am Samstag vor 22.344 Zuschauern im Estadio do Bessa von Porto nicht, das Abwehrbollwerk des kampfstarken Neulings zu knacken, der seinen ersten Punktgewinn bei der EM-Endrunde feierte.

Ballack: "Satzball vergeben"

"Wer keine Tore schießt, kann nicht gewinnen», lautete das nüchterne Resümee von Völler, der seinem Team «keinen Vorwurf» machen wollte. "Die Mannschaft hat bis zuletzt an sich geglaubt, aber phasenweise zu umständlich gespielt. Es ist noch nichts verloren. Wir haben immer noch die Chance, mit einem Sieg die nächste Runde zu erreichen."

Von einem "vergebenen Satzball" sprach Michael Ballack, der das deutsche Spiel nicht wie zuletzt dirigieren konnte. "Die Letten standen hinten gut, da hätten die Flanken präziser kommen müssen." Der Stuttgarter Philipp Lahm, bester Spieler einer lange Zeit zu bedächtigen deutschen Elf, gab zu: "Wir hatten uns mehr erhofft, aber wenn der Gegner nur hinten drin steht, tut man sich schwer."

Völler schont Nowotny

Die Sorge vor der Hitze beim ersten und einzigen Nachmittagsspiel erwies sich als unbegründet, dafür wurde die Abwehrfestung der Letten zu einem unüberwindlichen Hindernis für die in erwarteter Besetzung spielende deutsche Elf. Bei Temperaturen um 22 Grad fand das Team mit Frank Baumann für Jens Nowotny nicht zu der im Holland-Spiel Erfolg bringenden Aggressivität. "Ich hätte spielen können, aber der Teamchef wollte nichts riskieren", sagte der Leverkusener, dessen Knieverletzung vor dem zweiten deutschen EM-Spiel Rätsel aufgab.

Vom Gedulds- zum Nervenspiel

Weil die Mannschaft im Mittelfeld lange Zeit zu bedächtig operierte und zu wenig investierte, um Druck auf die Abwehr der Balten auszuüben, entwickelte sich die Partie zu dem von Völler prophezeiten Geduldsspiel. Dem Teamchef konnte nicht verborgen bleiben, dass sein Konzept, mit Fredi Bobic einen zweiten Stürmer neben dem Stuttgarter Kevin Kuranyi aufzubieten, nicht aufging. Der Berliner agierte unglücklich und wurde nach 67 Minuten von Miroslav Klose abgelöst. Auch der künftige Bremer blieb in seiner Einsatzzeit blass.

Eine Schwachstelle des deutschen Teams, das trotz der mäßigen Darbietungen von etwa 15 000 mitgereisten Fans frenetisch angefeuert wurde, war aber auch das Mittelfeld, in dem Bernd Schneider und Torsten Frings nicht die erhofften Impulse gaben. Michael Ballack operierte erst im zweiten Durchgang so offensiv wie zuletzt beim 1:1 gegen die Niederlande, war aber längst nicht so wirkungsvoll. Am Ende war der Münchner noch der einzige, der sich mit effektiven Mitteln gegen den drohenden Punktverlust stemmte.

Wieder kam mit Schweinsteiger neuer Schwung

Als mit Beginn der zweiten Halbzeit der 19-Jährige Bastian Schweinsteiger für Schneider aufs Feld kam und Frings auf seine angestammte rechte Seite wechselte, wurde der Druck auf das Bollwerk endlich größer. Die Chancen blieben jedoch weiter ungenutzt. Frings (56.) und Ballack mit einem Freistoß (63.) fanden keine Lücke. Auch als sie es in der Schlussphase mit Thomas Brdaric für Kuranyi und der Brechstange versuchten, konnten die Angreifer den gegnerischen Riegel nicht knacken. Die letzte Großchance vergab in der Nachspielzeit der einstige Kopfball-Spezialist Klose, der Kolinko aus fünf Metern nicht überwinden konnte.

Nach 20 Minuten mit wenig Tempo und Schwung hatte der dreifache Europameister die Begegnung besser in den Griff bekommen, doch wirkliche Torgefahr strahlten die Aktionen nicht aus. Und mit Distanzschüssen war der lettische Keeper Aleksandrs Kolinko nicht zu überwinden. Nacheinander versuchten Kuranyi (13./33.), Schneider (30.) und Ballack (33./37.) vergeblich ihr Glück. Die kurze Drangperiode der Deutschen verpuffte ohne Wirkung, weil aus dem Mittelfeld niemand konsequent genug nachsetzte.

Glück mit Schiedsrichter-Entscheidungen

Fünf Minuten vor der Pause durfte sich das Team bei Torhüter Oliver Kahn bedanken, dass es nicht sogar mit einem Rückstand in die Kabine gehen musste. Der Schlussmann rettete gegen den lettischen Ein-Mann-Sturm Maris Verpakovskis (40.), der sich im Sprinter-Tempo gegen Christian Wörns und Baumann durchgesetzt hatte. Vorausgegangen war einer von mehreren Fehlern des Bremer Abwehrspielers, der sich als Unsicherheitsfaktor der Defensive erwies. Neun Minuten nach derPause hatte Baumann Glück, dass der englische Schiedsrichter Michael Riley sein Foul an Verpakovskis im Strafraum nicht mit Elfmeter ahndete.

Jens Mende und Oliver Hartmann, DPA / DPA

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