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Panik nach dem Nordderby: "Es war wie auf der Loveparade"

Die Massenpanik nach dem Bundesliga-Nordderby zwischen Werder Bremen und dem HSV erregt die Gemüter. Noch immer liegt ein Anhänger im Koma. Die HSV-Fans klagen die Bremer Polizei an. Diese wehrt sich. Der Gästeblock im Weserstadion birgt schon seit Saisonbeginn unerwartete Probleme.

Von Klaus Bellstedt

Nach Werder-HSV-Spiel: Handyvideo zeigt Massenpanik

Der schwere Unfall auf einer Treppe im Weserstadion am Samstagabend im Anschluss an die Bundesliga-Partie zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV sorgt weiter für Ärger. Nach der Aufhebung einer sogenannten Blocksperre hat eine Diskussion über das Sicherheitskonzept der Bremer Polizei entfacht. Bei mehreren Stürzen war am Samstag um kurz vor 21 Uhr ein Anhänger des HSV schwer verletzt worden. Der 44-Jährige aus Neumünster, der noch im Stadion reanimiert werden musste, befand sich auch am Montag in einem kritischen Zustand. "Er liegt im künstlichen Koma. Es gibt keine Entwarnung", sagte ein Polizeisprecher.

Am Samstag warteten rund 3700 HSV-Fans zunächst friedlich in der Westkurve auf die Aufhebung der Blocksperre. Als nach mehr als 20 Minuten die drei Treppenabgänge immer noch abgesperrt waren, entstand vor einer Treppe große Unruhe. Dort waren viele HSV-Anhänger aus Schleswig-Holstein unter Zeitdruck. Sie wollten ihren letzten Zug nach Hause erreichen. Um 20.46 durchbrachen dann 15 bis 20 Anhänger die Sperre und lösten die Stürze aus.

Die Polizei erklärte den Einsatz der Blocksperre als notwendig, um Vorkommnisse wie beim letzten Derby zwischen dem SV Werder und dem HSV am 8. Mai 2010 zu verhindern, als es nach der Partie im Stadionumfeld zu Auseinandersetzungen der rivalisierenden Fangruppen gekommen war. Die Maßnahme war bereits vor dem Spiel auch mit Vertretern beider Vereine besprochen, der Hamburger Fanszene mitgeteilt und vor Ende der zweiten Spielhälfte über die Stadionlautsprecher angesagt worden.

Polizei wehrt sich: "keine Eskalation"

Auf mehreren Internet-Plattformen sind Bilder von dem Unfall zu sehen, der sich nach dem Spiel ereignet hatte. Dabei ist ein heftiges Gedränge zu erkennen. Mehrere HSV-Fans schildern in Foren ihre Eindrücke. Der Polizei wird dabei unter anderem vorgeworfen, sie habe die vorgesehene Blocksperre zu spät aufgehoben. Dadurch sei es zu einem Gedränge mit zahlreichen Stürzen gekommen. Insgesamt wurden 24 Personen - Fans und Polizisten - verletzt. Ein HSV-Anhänger sagte dem Radiosender NDR Info: "Die haben in zwei, drei Lagen unten auf der Treppe gelegen, und von oben kamen die Leute rüber. Es war wie in Duisburg bei der Loveparade."

Die Polizei verwahrte sich gegen die Darstellungen, die Situation sei beim Öffnen der Sperren eskaliert. Es habe keine Eskalation, keinen Druck durch nachrückende Fans gegeben. Allerdings wuchs gegen Ende der Blocksperre die Ungeduld der Fans: "Sie haben, 'Macht auf' gesungen", sagte Rainer Zottmann, der Leiter der Zentralen Einsatzsteuerung.

Politik schaltet sich ein

"Wir werten das komplette Video-Material aus", kündigte Zottmann eine genaue Untersuchung an. Er warnte davor, Bildsequenzen isoliert zu betrachten. Rettungsaktionen der Polizei könnten so auch als Behinderungen aufgefasst werden. Polizeipräsident Holger Münch hatte bereits am Sonntag eine sorgfältige Aufarbeitung des Einsatzes angekündigt. Möglicherweise müsse auch das Konzept geändert werden. Auch die Kriminalpolizei hat Ermittlungen aufgenommen.

Als verbesserungswürdig wird nicht nur in Fan-Kreisen der Aufenthaltsort für die Anhänger der Gäste-Mannschaft angesehen. Ihr Block befindet sich im Oberrang des Stadions. Um ins Freie zu gelangen, müssen die Zuschauer mehrere Treppen herabsteigen. "Sachverständige müssen prüfen, ob beispielsweise die Verlegung des Gäste-Blocks in den Unterrang zu mehr Sicherheit führt. Wenn dies der Fall ist, dürfen sich die Verantwortlichen solch einer Lösung nicht verschließen", erklärte Wilhelm Hinners, innenpolitischer Sprecher der Bremer CDU-Bürgerschaftsfraktion am Montag. Der Politiker warnte vor Aktionismus und Vorverurteilungen: "Wenn Panik ausbricht, kommen meist mehrere Ursachen zusammen. Diese gilt es jetzt herauszufinden und abzustellen."

Der Block im Oberrang birgt schon seit Saisonbeginn unerwartete Probleme. Im Champions-League-Qualifikationsspiel gegen Sampdoria Genua kletterten Gästefans Mitte August zwischen Tribüne und Dach hin und her und hielten sich dabei lediglich an einem Netz fest. Gegen Köln war es zu Becherwürfen der Gästefans aus dem Oberrang gekommen, daraufhin hatte Werder ein generelles Getränkeverbot für den kompletten West-Oberrang verhängt. Nach zahlreichen Protesten der Werder-Fans, die sich in Sippenhaft genommen fühlten, lockerte der Verein das Verbot vor dem Mainz-Heimspiel wieder. Zumindest die Werder-Fans im West-Oberrang durften nun wieder ihren Getränkebecher mit an den Platz nehmen.

Kritik am Spielplan der DFL

Werder-Geschäftsführer Klaus Filbry wies darauf hin, dass die neue Tribüne von allen relevanten Behördenvertretern am 10. August geprüft und abgenommen worden seien. Der Hamburger SV reagierte bestürzt auf die Ereignisse und sagte seine Mitarbeit zu. Der Vorfall ließ auch Kritik am Spielplan der Deutschen Fußball Liga aufkommen, brisante Spiele wie das Nordderby nicht als Abendspiel anzusetzen. Der Spielplan sieht ein Spiel am Freitagabend (20.30 Uhr) und am Samstagabend (18.30 Uhr) vor. Danach ist es für die meisten Gästefans nicht mehr möglich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln die Heimfahrt anzutreten.

Mit DPA

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