Personaldiskussion Beckenbauer beschimpft Nationalspieler


Erst Kuranyi, dann Frings und nun auch noch Ballack - Ex-Teamchef Franz Beckenbauer kann die mimosenhafte Kritik der Nationalspieler am Bundestrainer kaum ertragen. "Die sollen ihren Mund halten und Fußball spielen", schimpfte der "Kaiser". Joachim Löw kündigte derweil Konsequenzen für DFB-Kapitän Ballack an.

Joachim Löw will sich den aufmüpfigen Anführer so schnell wie möglich zur Brust nehmen - über die Art der Konsequenzen für Michael Ballack grübelt der Bundestrainer aber noch. "Jeder Spieler kennt bei uns die Regeln, was öffentliche Kritik angeht", stellte Löw am Tag nach dem jüngsten "Störfall" Ballack heraus und kündigte zunächst ein "sehr zeitnahes" Krisen-Gespräch mit dem Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft an: "Ich werde mit ihm sprechen, das ist klar." Über die Vorgehensweise sei er sich aber "noch nicht bewusst", bemerkte ein von den kritischen Ballack-Äußerungen schwer enttäuschter Bundestrainer in der "Bild"-Zeitung.

Löw weiß genau um die Gefahr für den Team-Frieden, schon jetzt hat das öffentliche Bild der Nationalmannschaft einige tiefere Kratzer bekommen: Zwar liegt die Mannschaft sportlich auf gutem Kurs Richtung WM 2010 in Südafrika - aber Konflikte auf Nebenschauplätzen stören immer mehr. Nach dem EM-Finale gerieten Kapitän Ballack und Manager Oliver Bierhoff in einen heftigen Clinch, ein gefrusteter Kevin Kuranyi flüchtete in der Halbzeitpause des WM-Qualifikationsspiels gegen Russland, ein unzufriedener Reservist Torsten Frings beschäftigt sich mit Rücktritts-Gedanken. Und jetzt setzte sich Ballack vehement für seinen langjährigen Wegbegleiter Frings ein und warnte vor einem überstürzten Umbruch im DFB-Team. "Ich erwarte von Michael eine Erklärung", betonte Löw in der Münchner "tz".

Scharfe Kritik vom "Kaiser"

"Das ist ein Mimosenhaufen geworden, das ist schier unglaublich. Die sollen ihren Mund halten und Fußball spielen", wetterte der ehemalige DFB-Teamchef Franz Beckenbauer über die derzeitigen Empfindlichkeiten der besten deutschen Fußballer. Ballack fühlt sich und andere langjährige Stützen wie eben Frings oder Miroslav Klose nach der Europameisterschaft zu Unrecht öffentlich infrage gestellt: "Das ist der Trend, den ich seit einigen Wochen beobachte. Dass versucht wird, einigen Spielern im Team ans Bein zu pinkeln, und einige auf diesen Zug aufspringen wollen", sagte der DFB-Kapitän in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Offenbar erwartet Ballack vom Bundestrainer in dieser Frage eine deutlichere Positionierung.

Löw aber hat nach den persönlichen Erfahrungen bei seinem ersten großen Turnier als Hauptverantwortlicher in einigen Fragen eine Kurs-Korrektur vorgenommen und setzt das Leistungsprinzip nun wesentlich schärfer als in der Vergangenheit um. Torwart Jens Lehmann machte er zum DFB-Rentner, EM-Problemfall Christoph Metzelder musste zunächst auf die Ersatzbank und wurde gegen Russland (2:1) und Wales (1:0) gar nicht mehr in den Kader berufen. Zuletzt versetzte Löw Routinier Frings trotz der Erfahrung von 78 Länderspielen auf die Bank.

Rückendeckung vom DFB

Es gebe aber auch genug Beispiele, "wo die Spieler immer wieder Rückendeckung von uns bekommen haben - schauen Sie sich allein Miroslav Klose an", unterstrich Löw. Am Bayern-Stürmer hatte der Bundestrainer vor dem Spiel gegen Finnland trotz massiver öffentlicher Kritik festgehalten - Klose traf beim 3:3 dreimal. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) steht voll hinter dem Löw-Kurs und möchte mit dem 48-jährigen Badener auch nach der Weltmeisterschaft 2010 weiterarbeiten. "Aus meiner Sicht würde ich den Vertrag sofort verlängern", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger, der Ballack für Verbesserungs-Vorschläge dringend den direkten Weg zu Löw anriet.

Ballack, der noch immer seinem ersten großen internationalen Titel hinterher rennt, sieht in einem zu heftigen Umbruch auch sein persönliches Ziel gefährdet: "Ich will mit dieser Mannschaft Weltmeister werden. Und das ist möglich." Beim völlig missratenen EM-Auftritt 2000 habe er als junger Spieler aber beobachten können, "wie eine Mannschaft mit guten Fußballern nicht funktionierte, weil die Hierarchie nicht stimmte." Spieler müssten von sich aus in eine Führungsrolle wachsen: "Man sollte vorsichtig sein, Spieler in eine Position zu drängen", betonte Ballack. Zwar sei es "völlig in Ordnung", wenn der Bundestrainer fordert, junge Spieler sollen mehr Druck machen. "Wir dürfen das Spiel aber nicht zu weit treiben."

Löw verwies jedoch ausdrücklich auf die klar abgesteckten Kompetenzen: "Der Kapitän ist ein wichtiger Ansprechpartner für mich, aber die Aufstellung ist nicht seine Sache. Das ist eine Entscheidung von mir und dem Trainerteam, die der Kapitän zu akzeptieren hat." In den wenigen Wochen bis zum Klassiker gegen England am 19. November in Berlin muss Löw nun eine neue Basis für die Zusammenarbeit mit Ballack finden, ohne dass seine Autorität leidet - wohl eine der schwersten Aufgaben in seiner Zeit als DFB-Chefcoach.

"Absolut unangebracht"

DFB-Präsident Theo Zwanziger zeigte sich über Ballacks öffentliche Kritik empört. Nach einer Telefonkonferenz mit Löw und Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff am Mittwochmorgen verurteilte er Ballacks Vorgehen aufs Schärfste. "Ich bin enttäuscht über den Stil von Michael Ballack. Dadurch ist eine schwierige und komplizierte Situation entstanden", sagte Zwanziger. Die Entwicklung der Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren sei absolut positiv, deshalb habe er kein Verständis dafür, dass aus dem Team heraus über die Medien gezielt Kritik an Joachim Löw geübt werde. "Solche Kommentare sind absolut unangebracht. Im Interesse des Erfolges der Mannschaft hat die Autorität des Bundestrainers die höchste Priorität", sagte Zwanziger.

DPA/SID DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker