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Phänomen "Zizou": Späte Rache für Zidane

Vor einem Pariser Gericht wird gegen den Platzverweis Zidanes im WM-Endspiel geklagt. "Zizou" selbst ist derweil längst schon als lebende Legende unterwegs. Als Held eines Dokumentarfilms, als Werbeträger und bei seiner aktuellen Reise durch Algerien.

Von Marcus Rothe, Paris

In Frankreich spielt sich eine Posse um den Helden der letzten Weltmeisterschaft ab. In den letzten Wochen ging dort das WM-Endspiel Frankreich gegen Italien vor Gericht in die Verlängerung. Im Pariser Justizpalast stehen Fifa und französische Fußballbund (FFF) am Pranger. Zwei Vereinigungen französischer Fan-Gemeinden ("Das nationale Kollektiv über die Wahrheit zum WM-Endspiel" und "Justice Mondial 2006") stellen die Mittel in Frage, die zur Entscheidung führten, Zidane für sein brutales Foul am Italiener Marco Materazzi die Rote Karte zu zeigen. Damals war Zidanes Platzverweis der Wendepunkt im Finale gegen den späteren Weltmeister Italien.

Schon kurz nach dem verlorenen Match hatte der französische Nationaltrainer Raymond Domenech die Schiedsrichterentscheidung bestritten und damit eine Polemik ausgelöst. Jetzt aber wollen die beiden französischen Vereinigungen, die etwa 2000 Fans vertreten, den Fall durchboxen. Rache oder bloße Eigenwerbung - was sie motiviert, bleibt schleierhaft. Sie führen bei ihrer Attacke auf den Sieg der Italiener ein Argument ins Feld: Der vierte Schiedsrichter hätte sich bei seiner Entscheidung auf Video-Aufnahmen gestützt, sagte der Anwalt der Kläger, Mehana Mouhou. Dies sei ein Verstoß gegen die Regeln der Fifa. Während des Spiels hatte das Schiedsrichter-Trio um den Argeninier Horacio Elizondo die "Geste" Zidanes übersehen und war erst vom vierten Schiedsrichter, dem Spanier Luis Medina Cantelejo, auf das Foul aufmerksam gemacht worden. Der versicherte später, es "live" gesehen zu haben. In den Augen der Fifa genügte seine Aussage, um den Fall zu den Akten zu legen.

Gericht behandelt die Klage

Aber der Anwält der Kläger, Mouhou, stützt sich auf gegenteilige Zeugenaussagen und lässt nicht locker: "Wir fordern eine Untersuchung, bei der alle bestehenden Videoaufnahmen gesichtet und Zeugen befragt werden. Denn zwischen Zidanes Kopfstoß und seinem Platzverweis sind mehr als zwei Minuten vergangen - eine ungewöhnlich lange Zeitspanne." In seinem Anwaltsbüro in Rouen hagelt es inzwischen Ermutigungen und Beschimpfungen – solche Leidenschaften kann eben nur ein Nationalheld wie Zidane auslösen. Die Anwälte der Fußballverbände wiesen die Vorwürfe zurück. "Das ganze ist ein Witz“ sagte der Präsident des französischen Fußballverbands, Jean-Pierre Escalette der Tageszeitung "Le Parisien“. Auch einer der Fifa-Anwälte bestreitet die Rechtmäßigkeit der Klage: "Wenn sich die Justiz in den Ablauf eines Spiel einmischen kann, öffnet man die Büchse der Pandora.“ Genau das aber wünschen sich die Kläger. "Die Fifa ist ein Fußballkonzern, der sich für unantastbar hält“ sagt der Kläger-Anwalt Mouhou. Am Freitagnachmittag dann konnte er einen Etappensieg verbuchen: Das Pariser Gericht befand sich "kompetent“, um die Klage zu verhandeln. Allerdings meldete es Zweifel daran an, dass die Fan-Vereinigungen "rechtlich qualifiziert“ seien, um eine Untersuchung über die Umstände des Platzverweises zu fordern. Die vereinigten Zidane-Fans aber geben sich nicht geschlagen. Im Gespräch mit stern.de versicherte der Präsident von „Justice Mondial 2006“, Karim-Hervé Benkamla, sein Anwalt würde in den nächsten Tagen Berufung einlegen.

Der Nationalheld ist "unantastbar"

Zidane selbst kratzt das alles nicht. Die erhitzte Debatte um den Kopfstoß, mit dem er Marco Materazzi niederstreckte, ist für ihn längst Schnee von gestern. Die Schmach über die Niederlage hat er verwunden. Zidane hält sich raus aus dem Rummel. Er kassiert in aller Ruhe Millionen aus lukrativen und langjährigen Werbeverträgen mit Adidas oder Danone. Die Marke Zidane hat nichts von ihrer Zugkraft verloren. Seine Werbeeinnahmen sollen über 8,6 Millionen Euro im Jahr betragen. Seine Schäfchen hat er längst im Trockenen. Und wenn die Medien ihm, dem vierfachen Familienvater, eine Affäre mit der Soulsängerin Nadiya, einer Schönheit algerischer Herkunft, nachsagen, bleibt er ungerührt. Er muss sich nicht öffentlichkeitswirksam zum Wichtigtuer machen. Ob er durch Kopfstöße oder Seitensprünge auffällt - die Liebe der Franzosen ist ihm sicher.

Schon kurz nach dem Endspiel zeigte eine Meinungsumfrage, dass eine Mehrheit der Franzosen "Zizou" das harte Foul verziehen hat. Selbst Intellektuelle strickten eilig an Rechtfertigungen. Egal ob in rechten oder linken Zeitungen – Zidane schien als Legende über alle Zweifel erhaben. Der Nationalheld ist "unantastbar", meinte das Magazin "Le Point" in einer Titelgeschichte über die seltsame Verklärung seines Kopfstoßes.

Gewaltpotential hinter stechenden Augen

In einer Umfrage des Forschungsinstitutes IFOP im Juli wählten die Franzosen ihn zum beliebtesten ihrer Landsmänner. Damit setzte sich Zidane durch gegen die bisherigen Champions, den greisen Abbé Pierre und den singenden Ex-Tennisstar Yannick Noah. Der Fussball-Rentner Zidane hat sich vom grünen Rasen längst in höhere Sphären aufgeschwungen. Zeitgenössische Künstler-Stars wie Douglas Gordon haben ihm bei den letzten Filmfestival von Cannes mit einem spektakulärem Dokumentarfilm "Zidane – Portrait du XXIème siècle" ein Denkmal gesetzt. Im Film, seit Anfang Dezember als DVD erhältlich (Universal Pictures Video), verfolgen unzählige Kameras ein ganzes Spiel lang hautnah den schwitzenden Ausnahmekicker.

Was als künstlerisches Experiment an einem wortkargen Halbgott gedacht war, erscheint nach dem Kopfstoß vom WM-Finale im neuen Licht. Hier kann man Zidanes unmittelbare Reaktionen im Verlauf eines Spiels aus nächster Nähe erleben - und auf dem Gesicht der Lichtgestalt auf Spurensuche nach den Schattenseiten gehen: Welches Gewaltpotential, welche Rachegelüste schlummern hinter seinen stechenden Augen?

Ähnlich wie die Zidane-Doku hat auch die aktuelle Pariser Klage gegen den Platzverweis die alten Spekulationen wieder belebt. Gerätselt wird noch immer über die Gründe, die Zidane zum Kopfstoß trieben und aus dem Fußball-Gott eine Legende aus Fleisch und Wut machten. Die Bilder von Zidanes Mega-Foul gegen den italienischen Verteidiger Marco Materazzi wurden zum Emblem der WM und der Platzverweis des französischen Fußballhelden zum hexagonalen Trauma. Der Heldenstatus Zidane aber blieb erstaunlich unangetastet – egal ob im krisengeschüttelten Frankreich oder im bürgerkriegsgefährdeten Algerien, wo Zidane bis Freitag unterwegs ist.

"Zizou" Weltfußballer 2006?

"Viva Zizou!" schreien die Jungs an den Straßenrändern von Algier. Sie laufen neben der Autokarawane her, die ihr Idol Zinedine Zidane zum Volkspalast in Algier bringt. Der Fußballheld wurde schon bei seiner Ankunft am Flughafen wie ein Staatsmann empfangen. Aber am Mittwoche erreichten die politischen Segnungen des Fußballrentners ihren Höhepunkt: Am Mittwoch verlieh ihm Staatspräsident Abdelaziz Boutelflika vor 300 lokalen Würdenträgern die höchste algerische Auszeichnung, den Athir-Orden. Und wenn Zidane bei seiner Rundreise durch die armen Regionen des Landes in Begleitung seiner Eltern Krankenhäuser besucht und sich um die humanitärer Hilfe für Kinder kümmert, wird er von der Bevölkerung wie ein Messias gefeiert.

Dass die pathetische Klage der Fan-Vereinigungen am Freitag vom Pariser Gericht vorerst abgelehnt wurde, spielt dabei eine Nebenrolle. Denn Zidane ist nicht nur in Frankreich und Algerien längst dabei, zur lebenden Legende zu werden – gerade weil er am Ende seiner Karriere Rot gesehen hat. Möglicherweise wird er sogar am kommenden Montag zum vierten Mal zum "Weltfußballer des Jahres" gewählt. Danach steht auch "Zizous" sportlicher Heiligsprechung nichts mehr im Wege.

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