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P. Köster: Kabinenpredigt: Bürki wütet gegen die Fans - dabei ist er derjenige, der da was falsch versteht

BVB-Keeper Roman Bürki war nach dem verhunzten Heimspiel gegen Freiburg mächtig sauer und ließ seinen Frust am Dortmunder Publikum aus. Doch die Attacke ist kurzsichtig. 

Von Philipp Köster

Roman Bürki beim Gegentor des BVB aus 40 Metern gegen den SC Freiburg in der Bundesliga

Roman Bürki beim Gegentor des BVB aus 40 Metern gegen den SC Freiburg in der Bundesliga

DPA

Roman Bürki ist in der Regel ein höflicher Zeitgenosse. Kein Wunder also, dass es hohe Wellen schlug, als der Keeper von Borussia Dortmund einen Teil der Zuschauer, nämlich die auf den teuereren Plätzen im Westfalenstadion, eine Mitschuld am mauen 2:2 gegen den SC Freiburg gab. "Das sind Leute, die keine Ahnung von Fußball haben", hatte der Torwart am Samstag konstatiert. "Die haben wohl nichts Besseres zu tun, als Samstag die eigene Mannschaft auszupfeifen."

Bürki hätte sich den Kommentar wohl verkniffen, hätte er geahnt, wie sehr diese Bemerkungen sich in Windeseile gegen ihn selbst richteten. Denn sie kamen ungewollt daher wie der hilflose Versuch, von der unglückliche Figur abzulenken, die Bürki zuvor bei der 40-Meter-Bogenlampe von Freiburgs Nils Petersen gemacht hatte. Und so kam es knüppeldicke. Erst bewertete Sportdirektor Michael Zorc die Äußerungen als "unangemessen und inhaltlich falsch" dann rollte die Boulevardmaschine an. "Besser ohne Bürki als ohne Fans" schlagzeilte die Bild.

Roman Bürki und das weit verbreitete Missverständnis

Dabei ist Bürki wohl nur einem inzwischen weit verbreiteten Missverständnis erlegen. Nämlich dem, dass das Publikum in irgendeiner Weise zur Unterstützung der Mannschaft verpflichtet sei und dass Pfiffe eine Art Ehrenkodex zwischen Spielern und Fans verletzten. Das mag der Antrieb für die Anhänger in den Kurven sein, gilt aber nicht für das Publikum auf den Haupttribünen. Da tummeln sich nämlich nicht nur alteingesessene Fans, sondern eben auch jenes Publikum, das eher wegen des gesellschaftliche Amüsements zum Fußball geht, das sich durchaus selbstbewusst als Kunde versteht, und das schon mal grantig werden kann, wenn es für eine 70-Euro-Tribünenkarte nur fußballerische Magerkost zu sehen gibt.

Es ist dieses Publikum, um das sich die Klubs in den letzten Jahrzehnten besonders bemüht hat und das auch seinen Teil zu den gestiegenen Spieler- und Funktionärsgehältern beigetragen hat. Insofern ist es eher lustig als empörend, wenn sich Bürki über die Zuschauer echauffiert oder auch ein Manager wie Gladbachs Max Eberl das pfeifende Sitzplatz-Publikum im Borussia-Park beschimpft: "Es geht mir so auf den Sack. Dann sollen sie zu Bayern München oder PSG gehen. Ich rede von den Zuschauern, die ab und an mal Fußball gucken wollen. Das ist pervers!" Nein, möchte man Eberl entgegen, das ist nicht pervers, sondern die innere Logik des Fußballs als Unterhaltungsbetriebs.

Der Zuschauer zahlt für Spektakel

Für traditionelle Fans ist diese Erwartungshaltung oft schwer auszuhalten. Sie beanspruchen schließlich für sich, die Mannschaft auch in schlechten Zeiten zu unterstützen. Doch das ist eben ein eher romantischer Blick auf die eigene Rolle als 12. Mann. Der gemeine Zuschauer auf dem Schalensitz will dann eben doch Spektakel geboten bekommen. Diese Logik ist bisher in Dortmund nur noch nicht so offensichtlich geworden, weil das Publikum beim BVB in den letzten Jahren stets attraktiven Fußball gesehen hat, in den Jubeljahren unter Klopp ebenso wie später unter Thomas Tuchel. Nun aber, da sich die Mannschaft unter Peter Stöger aus einer massierten Defensive heraus auf eher unansehnliche Weise um Tore bemüht, stimmt für viele ganz schnöde das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr. Anderswo bleiben die Zuschauer dann einfach weg, wie am Samstag beim Niedersachsenduell zwischen Hannover 96 und dem VfL Wolfsburg, in Dortmund pfeifen sie.

Roman Bürki täte gut daran, zwischen Fans und Zuschauern zu unterscheiden. Und beim nächsten Mal vielleicht nicht so weit vor seinem Tor zu stehen.

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