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P. Köster: Kabinenpredigt: Fußball in Zeiten von Corona: Stoppt die Bundesliga jetzt!

Geisterspiele sind keine Lösung. Die deutsche Bundesliga muss wegen des Coronavirus ihren Spielbetrieb einstellen und zur Not die Saison abbrechen. Das fordert stern-Stimme Philipp Köster.

Geisterspiel wegen des Coronavirus

Geisterspiele wie Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln können angesichts der Ausbreitung des Coronavirus keine Lösung sein, meint Philipp Köster

DPA

So schnell kann es gehen. Am Montag bezeichnete Christian Seifert, Chef des Bundesliga-Dachverbandes, den Vorschlag einer Spielpause für die Liga noch als "illusorisch". Seifert stellte klar: "Aufhören ist keine Option!" Vier Tage später ist eine Unterbrechung des Spielbetriebs nicht mehr illusorisch, sondern die wahrscheinlichste Variante in den großen europäischen Ligen und Wettbewerben bereits Realität. Die italienische Serie A: unterbrochen. Die spanische Liga: unterbrochen. Champions League und Europa League: kurz davor.

Fußball macht in Coronoavirus-Krise keine gute Figur

Die deutsche Bundesliga hingegen will vorerst weiterspielen. Trotz steigender Zahl an Coronavirus-Infizierten, trotz des Umstandes, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis auch aktive Erstligakicker positiv auf das Coronavirus getestet werden und trotz der Erkenntnis, dass der Sinn der Geisterspiele, Menschenversammlungen zu vermeiden, durch Fanmassen vor den Stadien ad absurdum geführt wird.

Nein, der deutsche Fußball macht keine gute Figur in diesen Tagen. Niemand will bestreiten, dass für viele Vereine ein ruhender Spielbetrieb eine große finanzielle Belastung ist, weil zusätzlich zu den Zuschauereinnahmen auch noch die Fernsehgelder fehlen würden. Manch einen Klub wird das fehlende Geld sogar in existentielle Nöte bringen – niemand sollte diese Probleme kleinreden.

Aber klar ist eben auch, dass all diese Bedenken nachrangig sind, im Vergleich zur größten Aufgabe, der sich unsere Gesellschaft derzeit stellen muss, nämlich den durch das Coronavirus besonders gefährdeten Menschen, den Alten und Kranken, möglichst großen Schutz zu bieten. Und das geschieht nicht nur, aber auch durch die Vermeidung von großen Versammlungen, durch die Absage von Events wie Fußballspielen, Konzerten und Parties. Das ist wissenschaftlich belegt und logisch nachvollziehbar.  

Es ist deshalb erstaunlich, wie sehr wichtige Protagonisten des deutschen Fußballs bereit sind, in eine bizarre Parallelwelt abzutauchen, in der noch die alten Prioritäten gelten. Schwer zu begreifen etwa Funktionäre und Spieler der Gladbacher Borussia, die sich nach dem Geisterspiel gegen den 1.FC Köln von draußen wartenden Fangruppen feiern ließen, ganz so, als seien die Anhänger aus Jux und Dollerei zuvor ausgesperrt gewesen. Und DFB-Vize Rainer Koch bemühte sich nach Leibeskräften, die Frage nach der Verantwortung des Fußballs gar nicht erst aufkommen zu lassen und betonte, man dürfe nicht "die ganzen wirtschaftlichen Folgen außer Acht lassen!"

Eines ist klar: Saison wird nicht zu Ende gespielt

Dabei ist schon jetzt klar: Diese Saison wird nicht zu Ende gespielt. Auch nur zwei oder drei Coronavirus-Infektionen in den Kadern deutscher Profiklubs werden jeden Spielbetrieb zur Farce machen. In Madrid und Turin ist es schon so und nur eine Frage von Tagen, bis es auch hierzulande passiert. Jeder weiß das, auch die Verantwortlichen in den Verbänden. Was sie tun: nichts.

Und so ist die Coronavirus-Krise ein erneutes Beispiel dafür, wie wenig der deutsche Profifußball bereit ist, seine gesellschaftliche Rolle zu reflektieren und daraus Ableitungen zu treffen. Hasenfüßig laviert er sich durch, immer in der panischen Angst, dass die so ergiebigen Geldquellen plötzlich versiegen könnten. Dabei könnte er soviel gewinnen, wenn er entschlossen handeln würde. Indem er sich wirklich und nachhaltig um Fans und Spieler sorgt. Indem er jetzt und nicht erst in zwei Wochen den Spielbetrieb unterbricht und zur Not die Saison für beendet erklärt. Indem er dafür sorgt, dass gerade kleinere Klubs finanzielle Hilfe erhalten. Indem natürlich auch Spieler freiwillig auf Geld verzichten. Vor allem aber, indem nicht jeder Klub für sich, sondern alle gemeinsam handeln. Und zwar jetzt! 

wue

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