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P. Köster: Kabinenpredigt: Was wir aus den Aussagen von Per Mertesacker lernen müssen

Wer Per Mertesacker kritisiert, beruhigt damit sein schlechtes Gewissen. Weil die permanente Überhöhung der Sportler den Druck auf die Athleten erhöht., findet stern-Stimme Philipp Köster.

Sprach mit dem "Spiegel" ausführlich über den Druck im Profisport: Fußballer Per Mertesacker

Sprach mit dem "Spiegel" ausführlich über den Druck im Profisport: Fußballer Per Mertesacker

DPA / AP

Selten in den letzten Jahren hat sich ein Spitzensportler so offen und ehrlich über seinen Job und seine Schattenseiten geäußert wie Arsenals am Wochenende im "Spiegel". Dass er für diesen Mut von der Leserschaft nicht ausschließlich Lob und Anerkennung, sondern auch viel Kritik kassierte, hatte jedoch nur wenig mit Mertesackers Schilderungen zu tun, dafür aber viel mit dem Publikum und dessen schlechten Gewissen.

Denn wer auch nur ein wenig seine eigene Rolle als Zuschauer großer Sportveranstaltungen reflektiert, der weiß natürlich, dass die ganze Hysterie, die künstliche Aufregung, die permamente Überhöhung der Sportler als unverwundbare Superhelden maßgeblich für den ungesunden Druck verantwortlich ist, dem sich die Athleten ausgesetzt fühlen.

Um nicht missverstanden zu werden: Zu jedem Wettbewerb gehört Druck. Und wer sich anschickt, professionellen zu betreiben, weiß, dass ihm bei der Ausübung seines Berufs Zehntausende im Stadion und Millionen am Bildschirm zuschauen werden. Und in aller Regel ist die Aussicht auf ein solch großes Publikum auch eher Antrieb als Last, weil sie Popularität und Anerkennung und Geld verspricht.

Per Mertesacker sicher kein Einzelfall

Aber es gibt eben auch jene Sportler, die zwar Spitzensport betreiben wollen und trotzdem nicht mit dem extremen Druck zurechtkommen, der in solchen Situationen auf ihnen lastet. Und wir sprechen hier nicht von Einzelfällen, sondern einer Vielzahl von Sportlern, die im privaten Gespräch von Versagensängsten und Panikattacken berichten – die aber nicht das Standing eines Per Mertesacker besitzen und deren Nöte keine Schlagzeilen füllen.

Wie diesen Sportlern geholfen werden kann, darüber müsste nun eine Debatte geführt werden. Denn es wird mit Gesprächsangeboten durch Psychologen nicht getan sein. Stattdessen müsste schon in den Ausbildung die Bewältigung solcher extremer Stresssituationen ein wichtiger Schwerpunkt der Arbeit sein. Bisher werden etwa junge Fußballer in aller Regel dazu ausgebildet, innerhalb von Mannschaftsverbünden zu funktionieren.

Disziplin, Mannschaftsdienlichkeit, Demut gelten als Primärtugenden junger Fußballer. Dass zur Entwicklung eines jungen Menschen auch das Unperfekte, das Ungenügende, das Fehlerhafte gehört, gerät allzu oft in Vergessenheit. Dabei wäre es so wichtig, Ängste zuzulassen und nicht gleich automatisch als Schwäche zu begreifen, aber das steht vielerorts ebenso wenig auf dem Lehrplan, wie die Herausbildung von Persönlichkeit jenseits der Bedürfnisse des Profisports. Wie sollte es auch anders sein, wenn es selbst in den Profikadern der Bundesligisten derzeit nur vereinzelt auf die Dienste von Psychologen zurückgegriffen wird?

Das Sportpublikum muss umdenken

Wer Sportlern wirklich helfen will, muss aber nicht nur die Ausbildungsstrukturen ändern, sondern auch auf einen Kulturwandel in der öffentlichen Wahrnehmung von Spitzensport hinarbeiten. Es muss sich beim Sportpublikum die Erkenntnis durchsetzen, dass wir den Sport gerne überhöhen und Sportler gerne bewundern dürfen, dass wir aber zugleich den Sportlern auch Schwächen zugestehen müssen, ohne sie umgehend als Versager, Taugenichtse und wie derzeit im Falle der HSV-Spieler als Luschen abzukanzeln. Es schaukelt sich im Falle sportlichen Versagens gerne eine von Medien bereitwillig unterfütterte Hysterie hoch, die dann bisweilen auch in aufgestellten Grabkreuzen, beleidigenden Plakaten und Beschimpfungen im Internet ihren Ausdruck findet.

Etwas mehr Besonnenheit, etwas mehr Einsicht auch des Publikums, wenn Per Mertesackers Wortmeldung den öffentlichen Diskurs über Sport auch nur ein wenig in diese Richtung lenkt, hat sie sich schon gelohnt. 

Per Mertesacker steht im rot-weißen Arsenal-Trikot nach Abpfiff auf dem Rasen, lächelt und applaudiert.

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