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P. Köster: Kabinenpredigt Gnade für Kimmich! Die Debatte um den Nationalspieler ist unfair und destruktiv

stern-Stimme Philipp Köster sieht Probleme in der Impf-Debatte um Joshua Kimmich
stern-Stimme Philipp Köster sieht Probleme in der Impf-Debatte um Joshua Kimmich
© Sven Hoppe / DPA
Schon wieder steht Joshua Kimmich im Mittelpunkt einer Impfdiskussion. Das ist unfair und destruktiv. Damit die Debatte konstruktiv werden kann, muss sich allerdings auch der Spieler korrigieren, sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Es sind keine schönen Wochen für Nationalspieler Joshua Kimmich. Sein Eingeständnis, bislang nicht geimpft zu sein und auch nicht vorzuhaben, demnächst einen Termin zu vereinbaren, löste umgehend eine heftige öffentliche Debatte aus. Aller Frust über Impfverweigerer, Querdenker und Esoterikschwurbler, der sich in den letzten Monaten beim geimpften Teil der Bevölkerung angesammelt hatte, entlud sich nun ausgerechnet bei einem Fußballspieler, der die Existenz des Corona-Virus weder leugnet noch als Teil einer Weltverschwörung sieht.

Kaum schien der Kicker diese bisweilen irrlichternde Diskussion einigermaßen glimpflich überstanden zu haben, da kehrte sie mit neuer Dynamik zurück, als Nationalspieler Niklas Süle, obwohl doppelt geimpft, positiv auf Corona getestet wurde. Nicht diese Infektion machte die größten Schlagzeilen, sondern der Umstand, dass Kimmich ebenfalls das Quartier der Nationalelf verlassen und sich in Quarantäne begeben musste, wovor ihn eine Impfung bewahrt hätte. Die Meldung von der Abreise war gerade erst ein paar Stunden alt, da rechneten Medien bereits missgünstig die horrenden Gehaltssummen aus, die der FC Bayern als Arbeitgeber während der anstehenden Isolation einbehalten dürfe.

Kommunikation von Kimmichs Seite war unglücklich

Es war spätestens der Zeitpunkt, an dem zweierlei klar wurde. Erstens, dass Kimmich erst mediale Ruhe bekommen wird, wenn er sich zu einer Impfung entschließt. Und zweitens, dass es momentan offenbar unmöglich ist, derlei Themen zu diskutieren, ohne dass mit unversöhnlicher Härte und Gnadenlosigkeit auf den jeweiligen Kontrahenten eingedroschen wird, ohne jedes Interesse daran, womöglich am Ende eine Art Konsens zu finden.

Das ist kein neues Phänomen, schon gar kein fußballerisches. In atemberaubender Geschwindigkeit werden schon seit Jahren ständig neue Aufregerthemen gefunden. Diese erfahren dann durch ein eingeübtes Wechselspiel aus etablierten Medien und sozialen Netzwerken jedes Mal aufs Neue eine brachiale Wirkung, die das eigentliche Ziel einer zivilisierten Diskussion, nämlich die Klärung von Positionen, zugunsten eines erbitterten Kampfs um Meinungshoheit zertrümmert.

Philipp Köster: Kabinenpredigt

Philipp Köster, Jahrgang 1972, ist Gründer und Chefredakteur des Fußballmagazins "11 Freunde". Er sammelt Trikots und Stadionhefte, kennt den rumänischen Meister von 1984 und kann die Startelf von Borussia Dortmund im Relegationsspiel 1986 gegen Fortuna Köln auswendig aufsagen: Eike Immel, Frank Pagelsdorf, Bernd Storck, ... Außerdem ist er Autor zahlreicher Fußballbücher, unter anderem über die Geschichte der Fußball-Bundesliga, und wurde 2010 als "Sportjournalist des Jahres" ausgezeichnet. Vor allem ist er Anhänger der ruhmreichen Arminia aus Bielefeld.

Nun ist die Causa Kimmich sicher ein Extrembeispiel, weil hier ja kein fußballerisches Spezialthema, sondern das gesellschaftliche Megathema schlechthin verhandelt wurde. Trotzdem lässt sich gerade an dieser Diskussion gut demonstrieren, was die Konfliktparteien hätten tun können, um der Debatte einen konstruktiven Charakter zu geben.

Da ist zunächst Kimmich selbst. Der äußerte sich nur einmal und nicht einmal besonders glücklich. Die indifferenten Ausführungen zu Langzeitfolgen waren wenig überzeugend und entkräfteten nicht den Eindruck, dass sich hier einer nur sehr oberflächlich mit der Impfungsfrage auseinandergesetzt hatte. Kimmich und sein Management hätten diesen Eindruck unbedingt rasch zerstreuen, die Angriffsfläche verkleinern müssen. Und sie hätten sich unbedingt und klar gegen die Vereinnahmung durch rechtsradikale Populisten wehren müssen. Den Beifall etwa der AfD unkommentiert zu lassen, war ein Fehler.

Auch Kimmich-Kritiker müssen sich an die eigene Nase fassen

Kimmichs Schweigen sorgte auch dafür, dass sich das Lager der Kimmich-Verteidiger auf arg dünn gewebte Argumente zurückziehen musste. Dem Spieler das Recht auf Selbstbestimmung des eigenen Körpers zuzubilligen, nicht aber all jenen, die durch ungeimpfte Zeitgenossen gefährdet werden, wirkte arg bemüht. Und all die Querdenker und Schwurbler, die nach den ersten Berichten umgehend die Postfächer der Medien mit wüsten Beschimpfungen fluteten, wollten sich mit derlei Feinheiten ohnehin gar nicht aufhalten, sondern fanden Bestätigung beim Altinternationalen Lukas Podolski, der allen Ernstes konstatierte, Kimmich werde behandelt "wie ein Schwerverbrecher“. War das so? In welches Gefängnis ist Kimmich denn von Spezialkräften verbracht worden?

Aber natürlich müssen sich auch all jene fragen, die Kimmich teils hart kritisierten, ob nicht auch die schnelle und deutliche Verurteilung der Impfverweigerung zum unversöhnlichen Ton der Debatte beigetragen hat. Ich selbst polterte ein paar Stunden nach dem Kimmich-Statement auf n-tv, das sei doch nun wirklich "dummes Gerede". War das angemessen? Eher nicht! Und in der Retrospektive erscheint auch der Furor, mit dem Kimmich beinahe zum Alleinschuldigen für die heranrollende vierte Welle gemacht wurde, befremdlich.

Soll sich all das nun wiederholen, nur diesmal vor der Kulisse der Abreisewelle rund um die Nationalelf? Wir könnten es stattdessen auch besser machen. Die Medien und die Diskutanten in den sozialen Medien, aber auch die anderen ungeimpften Fußballer, die uns an ihren Bedenken teilhaben lassen könnten – aber eben auch Joshua Kimmich, der dann erleben könnte, dass ein offener und ehrlicher Dialog mit der Öffentlichkeit immer mehr Sinn macht als ein ostentatives Schweigen.

rw

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