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Pokerfieber: Nach Abpfiff zocken

Vorbild Fußballprofi? Das Pokerfieber hat die Bundesliga erfasst, ganze Teams messen sich am Laptop, mancher Kicker ist bereits süchtig. Online-Glücksspiele sind seit Kurzem verboten - doch viele Vereine werben sogar dafür.

Von Christoph Ruf, Rainer Schäfer

Sie hockten einander gegenüber auf dem Boden, mit dem Rücken an der Wand, auf den Knien ihre Laptops. Wer dabei war, sagt: Stundenlang haben die gezockt, bis tief in die Nacht. So sah sie aus, die Vorbereitung auf den Abstiegskampf in der Bundesliga, im Januar 2008 bei Energie Cottbus. Im Trainingsquartier in Antalya, Türkei, war der WLan- Impuls in den Zimmern der Fußballprofis zu schwach für eine stabile Internetverbindung, und so übten sich die Herren auf dem Hotelflur in einer Nervenschule der besonderen Art: Sie spielten Poker.

Viele Berufsfußballer verbringen inzwischen mehr Zeit bei Texas Hold'em oder anderen Poker-Varianten als auf dem Trainingsplatz. Beim Zweitligisten VfL Osnabrück etwa pokerten diese Saison mitunter fast alle Aktiven vor, zwischen und nach den Trainingseinheiten. Oft trafen sie sich schon mittags in der "Sportsbar" von VfLProfi Joe Enochs, um die Karten fliegen zu lassen. Was der Trainer mache, wenn sein Team dem Royal Flush nachjagt? "Pele" Wollitz bluffe selbst mit, erzählten die Spieler. Auch im EM-Quartier der Nationalmannschaft wird ein Pokertisch stehen, gespielt wird mit Monopoly-Scheinen.

Der Osnabrücker Thomas Reichenberger, 33, ist der Star unter den zockenden Fußballern. Als er sich im vorigen Jahr für die Poker-WM in Las Vegas qualifizierte, berichtete auch der "Kicker". Reichenberger spielt bei mehreren Online-Pokeranbietern um Geld, in der Regel jeden Tag mindestens zwei Stunden. Seine Bilanz sei positiv, sagt er. Und jeden Montag ist Reichenberger Gastgeber einer Online-Runde, an der rund 20 Bundesligaprofis mitpokern, quer durch die Klubs.

Der Markt expandiert

Der Stürmer gilt als gewitzt, 16 Tore erzielte er in dieser Spielzeit, am Pokertisch sei er aber kein Hasardeur, sagt er. Mehr als ein Jahr habe er mit Spielgeld geübt, bevor er echtes Geld einsetzte. "Das ist mit Sicherheit gefährlich für die, die nicht so gefestigt sind", sagt Reichenberger. Habe er das Gefühl, dass das Spiel zu viel Macht über ihn gewinne, setze er ein, zwei Tage aus. "Ich kenne aber auch Spieler", sagt er, überlegt und fährt vorsichtig fort, "da bin ich mir nicht sicher, ob die nicht die Schwelle zur Sucht überschritten haben. Man muss genau wissen, was man tut." Viele Menschen aber wissen das nicht. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 27 Milliarden Euro mit Glücksspielen umgesetzt, der Markt expandiert, im Moment sind rund 250.000 Glücksspielsüchtige registriert. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher, die Zahl der Abhängigen steigt rasant - und fast sicher auch die der spielsüchtigen Fußballprofis.

Um hohe Summen wird inzwischen vor allem im Internet gespielt. Sportpsychologe Thomas Graw, der für den VfL Bochum und die Spielergewerkschaft VDV arbeitet, wird immer öfter angesprochen von Profis, "weil ihnen gerade das Online-Pokern unheimlich wird, weil sie Probleme haben, aufzuhören und sich zu kontrollieren". So mancher Einkommensmillionär ist auf bestem Wege, sich zum Sozialfall zu zocken. Oder hat dies bereits getan.

Fußballspieler seien besonders anfällig für Glücksspiele, sagt Psychologe Graw. Sie haben Geld, viel Freizeit - und die Mentalität eines Zockers. Die Verpflichtung, im Wettkampf immer gewinnen zu müssen, verwandele sich beim Glücksspiel in einen Fallstrick. "Fußballern wird eingeimpft, dass sie sich nie mit Niederlagen zufriedengeben dürfen", sagt Graw. "Wenn sie verloren haben, wollen sie Revanche." Sie seien an das berauschende Gefühl hoher Adrenalin- Ausschüttung gewöhnt, ihre Psychogramme ließen auf hochgradige Suchtanfälligkeit schließen. Dem Glücksspiel verfallene Menschen berichten, dass sie nur noch am Spieltisch richtig fühlen. "Fußball ermöglicht ein emotionsreiches Leben, wie man es in kaum einem anderen gesellschaftlichen Bereich findet", sagt Graw. "Es entstehen sehr starke Gefühle in kurzer Zeit, mit allen ups and downs. Das Gehirn entwickelt eine Sucht danach, gerade nach positiven Emotionen." Die hoffen Fußballer besonders im Glücksspiel zu finden.

Online-Glücksspiele

Als das Crack unter den Glücksspielen gelten vor allem die Online-Varianten: Sie besitzen ein enormes Suchtpotenzial. Während eine Sucht sich beim Automatendaddler über mehrere Jahre entwickelt, kann die Abhängigkeit von Online-Glücksspielen in wenigen Monaten entstehen.

Jörg Petry ist einer der einflussreichsten Suchtexperten Deutschlands und berät auch die Innenministerien der Bundesländer. Petry hält die Suchtdramatik im Fußball für völlig unterschätzt: "Es dauert, bis Profis sich verschulden, sie gehen nicht ins Gefängnis, sie versuchen nicht, sich umzubringen." Glücksspieler kommen zur Behandlung, wenn sie ruiniert sind. Im Fußball wird die Entscheidung, gegen die Sucht anzukämpfen, verzögert. "Das Glücksspiel wird toleriert und bagatellisiert." Den neuen Online- Spielformen ist laut Petry eine gefährliche Dynamik zu eigen, Hemmfaktoren fallen weg: "Man kann anonym spielen, unter Drogeneinfluss, ohne Bargeld. Eine soziale Kontrolle wie etwa in Casinos gibt es nicht."

Und selbst die versagt bei Süchtigen oft. Andreas Teichmann war Profi bei Wattenscheid 09 und jahrelang spielsüchtig, in einer Zeit, als es noch kein Online-Poker gab. Er hat 500.000 Euro verspielt. Seine Geschichte liefert womöglich Erklärungen für so manche Formkrise eines Stars. Über die Probleme reden mag keiner, Teichmann tut es jetzt. Auch weil er weiß: Da draußen sind viele, die verzweifelt sind.

Im Jahr 1992, da ist er 22, nimmt ihn sein Bruder das erste Mal mit in eine Spielhalle nach Castrop-Rauxel, danach ist Teichmann fast jeden Tag dort zu finden. Er arbeitet im Unternehmen von Klaus Steilmann, dem damaligen Mäzen der SG Wattenscheid. Zahlen hat er im Griff, denkt er. Er bezieht zwei Gehälter, eines als Industriekaufmann, eines als Profi.

Nach zwei, drei Jahren weiß Teichmann nicht mehr, ob er mit den Autmaten spielt - oder sie mit ihm

Beinahe jeden Tag fährt er Punkt 17 Uhr in seine Spielhalle, nicht mal seine Freundin weiß davon. Oft füttert er fünf Automaten gleichzeitig mit seinen Münzen. Es ist wie ein starker Sog", sagt Teichmann. "Man wird eins mit ihnen." Teichmann ist ein Spieler, der die Maschinen laufen lässt, er drückt kaum auf die Tasten. Er schaut zu, wie sich die gelben Sonnen drehen, die Fixsterne seines Universums. Es ist eine ganz bestimmte Melodie aus Klingeltönen, die eine Glücksserie ankündigt, und auf die wartet er. Sie wird selten für ihn gespielt.

Nach zwei, drei Jahren weiß Teichmann nicht mehr, ob er mit den Automaten spielt - oder sie mit ihm. Die Fünfmarkstücke verschwinden immer schneller in den Schlitzen, er muss "neues Geld besorgen", immer öfter, er verschuldet sich. Er verspielt immer größere Summen, er will sie "zurückholen", obwohl er weiß, dass das nicht klappt. Irgendwann merkt Teichmann, dass es nicht nur darum geht, zu gewinnen. Er braucht "diesen Reizzustand", der sich jetzt auch einstellt, wenn er verliert.

Teichmann ist Stammspieler bei Wattenscheid, 2. Liga, als er auffällig wird. Auf dem Platz ist er nicht bei der Sache. Einmal meldet er sich für ein Spiel ab, eine körperliche Ursache kann der Arzt nicht finden. "Von der Athletik und vom Kopf her hätte ich 1. Liga spielen können", glaubt Teichmann heute. Aber er lässt zu viel Kraft und Nerven in der Spielhalle. "Spielsucht ist wie eine starke Maschine, die dir ständig die Energie aussaugt."

Im Wattenscheider Kader war Andreas Teichmann damals nicht der einzige Profi, der dem Glücksspiel verfallen war. Als das Präsidium zu Weihnachten ins Casino nach Hohensyburg einlud, mussten zwei Profis draußen bleiben - Hausverbot. "Ich habe zuerst gar nicht verstanden, dass Spielen eine Sucht sein kann", sagt der damalige Präsident Rüdiger Knaup. "Man sieht keine Einstiche wie beim Junkie oder glasige Augen wie beim Trinker." Heute aber wisse er, dass "viele Fußballer Zocker sind, dass Fußball und Glücksspiel ganz nahe beieinanderliegen. Profis sind es gewohnt, ihr Geld spielerisch zu verdienen".

Wegen Spielsucht suspendiert

Als Teichmann am Ende ist, weiht er seine Freundin ein, verspricht, nicht mehr zu spielen - und fährt doch immer wieder nach Castrop-Rauxel. Teichmann lügt, belügt alle und sich selbst. "Ich habe angefangen, mich und meine Lügenwelt ganz gewaltig zu hassen", sagt er. Er wird aggressiv. Um nicht ausfällig zu werden, geht er laufen, oft auch nach zwei Trainingseinheiten. Viele Spielsüchtige versuchen sich umzubringen, wenn sie keinen Ausweg mehr sehen, Teichmann läuft, bis er zu erschöpft schöpft ist, um nachzudenken. Nach über acht Jahren Spielsucht lässt er sich therapieren. Es dauert zwei weitere Jahre und zwei Therapien, bis er seine Sucht endgültig im Griff hat. Teichmann ist heute 37, hat sein BWL-Studium mit der Note 1,7 abgeschlossen und arbeitet als Controller in einem Industrieunternehmen. Er ist clean.

Andere hängen noch mittendrin. Es kursieren viele Geschichten in der Branche. Ein früherer deutscher Spitzenspieler soll einen zweistelligen Millionenbetrag verwettet und seine Frau wegen der Spielsucht verloren haben. Wenn man versucht, mit ihm darüber zu reden, landet man bei seinem Anwalt, der verweist auf den Schutz der Persönlichkeitsrechte. Fußballstars_ aber sind Vorbilder. Und Sportler, die ihr Geld verspielt haben, sind womöglich anfällig für Manipulationen. Glücksspiel und Betrug gelten als Geschwister, wer anderen Geld schuldet, könnte erpressbar sein.

Nico Patschinski ist der bislang einzige Fußballprofi, der von seinem Verein wegen Spielsucht suspendiert wurde. Der frühere Erstligastürmer hatte lange alle Formen des Glücksspiels ausgiebig getestet: Casino, Sportwetten, Pokerrunden. "Du bist krank, wir nehmen dich raus", so wurde er im April 2007 vor dem Training beim Drittligisten 1. FC Union Berlin empfangen. "Ich bin aus allen Wolken gefallen", erzählt er. "Ich bin doch gar nicht krank. Ich kann gar nicht mehr um Geld spielen, nur noch mit dem schmalen Taler. Für das große Spiel hab ich mich überall sperren lassen." Er hatte seine Spielsucht schon therapiert, er galt als geheilt. Um die Anschuldigungen des Vereins zu widerlegen, unterzog er sich in Berlin freiwillig einem neurologischen Test, der Befund war eindeutig: Der 31-jährige Nico Patschinski ist nicht mehr spielsüchtig.

Seit 1. Januar 2008 sind Online-Glücksspiele um Geld gesetzlich verboten

Er hat gerade noch rechtzeitig aufgehört, bevor die Einkünfte aus beinahe zehn Jahren Profifußball aufgebraucht waren. Schon in Trier hatte Patschinski Spielschulden aufgetürmt, aber erst als er in Ahlen von Geldeintreibern bedroht wurde und seine schwangere Frau aus Angst die Stadt verließ, suchte er Hilfe.

Auf ein Problembewusstsein bei ihren Arbeitgebern können Süchtige nicht bauen, im Gegenteil: Die Lust am Zocken wird von den Klubs sogar befeuert. Vereine wie Leverkusen, Hannover oder Karlsruhe veranstalten derzeit einen Poker-Contest für Fans. Das gefällt den Online-Casinos, die zu ihren Sponsoren gehören. Hauptpreis ist eine gemeinsame Runde mit den Cracks des Genres, wie dem früheren Nationalspieler Thomas Brdariƒ oder dem Leverkusener Sergej Barbarez. "Meiner Meinung nach", sagt Experte Jörg Petry, "ist es unverantwortlich, dass Bundesligaprofis für Glücksspiele wie Online-Poker werben." Aber Boris Becker tue das doch auch, entgegnet ein Bundesliga-Manager.

Seit 1. Januar 2008 sind Online-Glücksspiele um Geld gesetzlich verboten, dennoch beteiligen sich geschätzte vier Millionen Bundesbürger. Es gehe auch um die Fürsorgepflicht, sagt Petry. "Der DFB und die DFL müssten ein großes Interesse haben, ihren Nachwuchs und ihre Spieler zu schützen. Das tun sie nicht. Es muss eine Unabhängigkeit zwischen Sport und Glücksspiel hergestellt werden. Aber es besteht eine Kumpanei." Auf die harsche Kritik reagieren die Angesprochenen zurückhaltend: "Der DFB vermittelt seinen Nationalspielern bis in die Juniorenteams natürlich gesellschaftliche Werte", sagt Mediendirektor Harald Stenger, "aber wir können nicht bis ins letzte Detail das Privatleben von Spielern reglementieren oder gar kontrollieren." Beim Ligaverband DFL will man sich zu diesem Thema nicht äußern. Manchmal fährt Andreas Teichmann an seiner Spielhalle vorbei, sieht die getriebenen Figuren vor den Automaten stehen. Die Glücksspieler lächeln, sie sind hervorragende Schauspieler. Teichmann weiß, wie es in ihnen aussieht. "Es kotzt mich an, wie diese Sucht unterschätzt wird", sagt er.

Nach stern-Informationen ist auch der Trainer eines Bundesligisten betroffen. Im vorigen Herbst soll er an einem Abend mehrere Hunderttausend Euro verzockt haben. Eines Tages seien auf der Geschäftsstelle des Klubs, so erzählt ein Angestellter, drei übel gelaunte Männer aufgetaucht. Doch der Trainer habe sich den Geldeintreibern mit einem Sprung durchs Fenster entzogen. Auf die Bitte des stern um ein vertrauliches Gespräch lässt der Trainer über einen Anwalt ausloten, wie sich die Beweislage darstelle. Schließlich entscheidet er sich gegen ein Treffen. Das Fachgebiet des Anwalts: Insolvenzrecht.

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