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Presseschau zu Uli Hoeneß Viel Respekt für einen Steuersünder


Wie geht es weiter mit und ohne Uli Hoeneß? Die deutsche und internationale Presse beschäftigt sich mit dessen Zukunft und der des Vereins Bayern München. Hier die wichtigsten Aussagen und Kommentare.

Am Freitagmorgen hat Uli Hoeneß mit seinem Rücktritt als Präsident des FC Bayern München überrascht und damit, dass er nach dem Gerichtsurteil nicht in Revision gehen will: Hoeneß nimmt die ihm auferlegte Strafe an und geht für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. stern.de hat die wichtigsten Kommentare dazu gesammelt.

Süddeutsche Zeitung

Jeder ist zu ersetzen, heißt es, aber ist das wirklich so? Das wird, was den FC Bayern betrifft, nicht heute, nicht morgen, aber in Bälde beantwortet. Fußball-Imperien können kurzlebig sein, wenn man sich nicht ständig um sie kümmert. Manchester United erlebt das gerade. Wenn Hoeneß in Haft geht, kann es, wie so oft im Sport, in einer ungewissen Zukunft ein Comeback geben, allerdings: Er ist schon 62. Handlungsfähig ist der Klub, aber ist er auch emotional überlebensfähig? Weit und breit ist (noch) keiner zu entdecken, für den die mehr als 200.000 Mitglieder des Vereins ihr Du-bist-der-beste-Mann ertönen lassen. Ohne die oft anstrengende Sentimentalität des Insassen Ulrich H. droht ein emotionales Vakuum.

taz

Es scheint, als ob Uli Hoeneß mit seinem Schuldbekenntnis am Freitag ein wundersamer Befreiungsschlag gelungen ist. Sowohl Linke-Fraktionschef Gregor Gysi als auch Angela Merkel und etliche andere wie der Bayern-Sponsor Allianz bekundeten ihren "Respekt". [...] So viel Lob hat gewiss noch kein derartig hochklassiger Steuersünder erhalten. Vergessen scheinen bei all der Bewunderung für Hoeneß, dass einige noch offene, möglicherweise strafverfolgungswürdige Fragen nicht geklärt sind.

Schwäbische Zeitung

Absurde Szenen hatten sich am Stachus abgespielt. Vor dem Münchner Justizpalast standen Fans des FC Bayern und schimpften über das Urteil gegen Uli Hoeneß. Dabei war der Klubpräsident eher glimpflich davongekommen. Ebenso absurd wäre es gewesen, hätte er sich an seine Ämter geklammert.

Bild.de

Müssen die Bayern Hoeneß Kredit geben? Als Präsident des FC Bayern hat Hoeneß ehrenamtlich gearbeitet. Für seinen Job als Aufsichtsrats-Boss bekam er eine geringe Aufwandsentschädigung (fünfstellige Summe pro Jahr). Honorare für Werbung und Vorträge fallen jetzt weg. Bleiben Einkünfte aus nicht spekulativen Kapitalanlagen und aus seiner Wurstfabrik in Nürnberg, die allerdings zu 65 Prozent seiner Ehefrau Susi und zu je 12,5 Prozent Sohn Florian und Tochter Sabine gehört. Hoeneß hält 10 Prozent. Im absoluten Notfall könnte er Immobilien (u. a. Luxus-Häuser in Lenzerheide/Schweiz und in Bad Wiessee) verkaufen. Ein Hoeneß-Freund zu BILD: "Die Zahlungen an das Finanzamt sind sehr schmerzhaft, aber Uli wird nicht verarmen …"

Mittelbayerische Zeitung

Sepp Blatter, der rüstige Senior vom Zürichsee, wird sich ins Fäustchen lachen. Während der Schweizer Fifa-Boss im fortgeschrittenen Funktionärsalter eine fünfte Amtsperiode anstrebt, ist er unverhofft einen ewigen Quälgeist los. Mit Uli Hoeneß quittiert einer der schärfsten und profiliertesten Kritiker des Fußball-Weltverbandes weit vor der Zeit den Dienst. Hoeneß' Schritte sind logisch und folgerichtig. Als Repräsentant eines mittelständischen Unternehmens war er nicht mehr tragbar. Den Sessel des Aufsichtsratsvorsitzenden zu räumen, war eine längst überfällige Entscheidung. [...] Den Fall vor den Bundesgerichtshof zu tragen, hätte den Druck verlängert. Nicht zu vergessen: Der Münchner Staatsanwaltschaft steht der Weg zum BGH ja weiterhin offen. [...] Dem deutschen Fußball geht mit dem Ende der Ära Hoeneß eine gewichtige Stimme verloren. Eine Stimme, die sogar am fernen Zürichsee laut und deutlich zu vernehmen war.

Neue Züricher Zeitung

Im Grunde beginnt eine neue Zeitrechnung für die Bayern. Zwar gab es in den letzten Tagen einige Stimmen in der Presse, gemäß denen sich Hoeneß während der letzten Jahre mit wegweisenden Entscheidungen zum Wohle des Klubs entbehrlich gemacht habe. Diese Annahme könnte sich bald als irrig erweisen. Denn wer einen Blick in die jüngste Vergangenheit wirft, der sieht, welche Bedeutung selbst ein unter Anklage stehender Ulrich Hoeneß noch für diesen Klub hatte: Er fädelte den Deal mit der Allianz als neuen Anteilseigner ein, was dem Klub 110 Millionen Euro einbrachte – eine immense Summe für ein mittelständisches Unternehmen. Und dieser Deal zeigt auch, dass ohne den ehemaligen Präsidenten die ganz großen Räder nur schwer in Schwung zu bringen sind.

Weser-Kurier

Wahre Größe zeigt sich im Moment der Niederlage - und dabei ist es egal, ob die nun selbst verschuldet ist oder nicht. Insofern kann man vor Uli Hoeneß nur den Hut ziehen. Konsequent nimmt er das Urteil an - und damit all jenen den Wind aus den Segeln, die als Verschwörungstheoretiker überall einen Promibonus vermuten. Ob der im Berufsleben stets kühl kalkulierende Machtmensch Hoeneß während seines Zocker-Deliriums nun klinisch betrachtet wirklich bei Trost war - für den Verurteilten Hoeneß zählen derlei Fragen nicht. Er stellt sich der Verantwortung für seine (Straf-)Taten. Ohne Wenn und Aber. Das verdient genau den Respekt, den der Millionen-Jongleur bereits verspielt zu haben schien.

Rheinische Post

Wie in einem altgriechischen Drama hat die spektakuläre Verurteilung des Bayernpräsidenten Uli Hoeneß zu einer Gefängnisstrafe die Wirkung einer Katharsis. Das heißt, sie läutert eine Gesellschaft, in der viele, wenn auch in ungleich geringerer Dimension, Teile ihrer Einkünfte nicht versteuert haben. Das dürfte jetzt eher zur Ausnahme werden. Und damit vollzieht sich ein Stück größere Steuergerechtigkeit. Denn mit der Strafe für Hoeneß ist der Maßstab für andere Steuersünder gesetzt. Auf Milde kann in Zukunft niemand mehr hoffen.

jen

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