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Schalke 04: Der Fisch stinkt vom Kopf

Der beliebteste Club der Republik hat sich in einem beispiellosen Possenspiel um den mittlerweile beurlaubten Trainer Ralf Rangnick praktisch selber zugrunde gerichtet. Verantwortlich hierfür ist ein Mann - der Manager der Königsblauen, Rudi Assauer.

Ein Kommentar von Klaus Bellstedt

Man kann Ralf Rangnick, dem akribischen und strebsamen Arbeiter, auch im Nachhinein eigentlich nur zu seinem Schritt gratulieren. Einen Tag vor der Partie gegen Mainz (1:0) gab der Coach bekannt, seinen im Sommer auslaufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen. Der eigenbrötlerische Schwabe, der auf Schalke nie wirklich angekommen ist, hatte also vorzeitig die Scheidung eingereicht - und kam damit den Verantwortlichen ganz bewusst zuvor. Der Schmach, sich von seinem Manager und Intimfeind Rudi Assauer im nächsten Jahr vom Hof jagen zu lassen, hat sich Ralf Rangnick damit geschickt entzogen.

Er war das politische und in der Öffentlichkeit aufgeführte Possenspiel um seine Vertragsverlängerung nach eigenen Worten "Leid". Was Rangnick damit genau meinte, behielt er für sich - obschon es eigentlich jeder wusste. Ein Mitglied der Clubführung (unter dringendem Tatverdacht befindet sich auch Rudi Assauer) hatte die "Bild"-Zeitung mit der Insiderinformation beliefert, dass es seitens des Vereins eine Tendenz gegen eine Vertragsverlängerung gebe. Wenn es überhaupt jemals eine Art Vertrauensverhältnis zwischen Ralf Rangnick und der Schalker Führung gegeben haben sollte - spätestens jetzt war es nicht mehr existent. Nur logisch, dass "Rolf Rangnick", so wurde der Coach einst von Rudi Assauer bei den Königsblauen mit wenig Fingerspitzengefühl vorgestellt, in letzter Konsequenz die Reißleine zog.

Affront gegen die Vereinsspitze

Am Wochenende führte Rangnick seinen persönlichen Rachefeldzug gegen Rudi Assauer in der Veltins-Arena auf, indem er sich vor dem Anpfiff bei seiner ganz persönlichen Ehrenrunde als Märtyrer feiern ließ und so die Fans gegen die Clubführung aufwiegelte. Er wollte sich bei den Zuschauern vor dem letzten Heimspiel lediglich für die Unterstützung bedanken, kommentierte Schalkes Ex-Trainer diesen auch für seine Spieler überraschenden Auftritt. Abnehmen tat ihm diese Begründung freilich niemand. In der Vereinspitze stieß Ralf Rangnicks verfrühte Abschiedstour durch die Arena auf totales Unverständnis. Aber wollte der wegen seiner manchmal intellektuellen und gestanzten Ausdrucksweise in der Boulevardpresse als "Professor" titulierte Coach nicht genau das erreichen?

Rangnick wusste genau, dass ihm sein Arbeitgeber diesen Affront niemals verzeihen würde. Der sensible Einzelgänger forderte die am Montag vollzogene Beurlaubung also förmlich heraus. Er hatte ja auch nichts mehr zu verlieren: Das Tischtuch zwischen ihm und Rudi Assauer war lange schon zerschnitten. "Uns blieb nichts anderes übrig. Die Entwicklung mit dem Höhepunkt am Samstag hat uns dazu gezwungen", erläuterte der Manager am Montag die sofortige Beurlaubung des 47-Jährigen nach einem einstimmigen Vorstandsbeschluss. "Endlich haben wir ihn rausgeekelt", mag sich "Stumpen-Rudi" in Wirklichkeit gedacht haben, ohne zu realisieren, dass er selbst der große Verlierer des Possenspiels auf Schalke ist. Eines ist klar: Rangnicks Gang vor die Fans war sicher nicht professionell, psychologisch aber durchaus erklärbar.

Assauers Image angekratzt

Der erfolgreichste Trainer der letzten sechs Jahre in Gelsenkirchen wollte sich mit dieser Aktion für die unzähligen Nackenschläge, die er dank Assauer in seiner 15-monatigen Amtszeit hat einstecken müssen, einfach nur revanchieren. Und das dürfte ihm mit Nachdruck gelungen sein. Die riesige blau-weiße Fangemeinde hat den Fußballlehrer jedenfalls mit Respekt und Anerkennung für überzeugende Arbeit verabschiedet. Rudi Assauers Image dagegen dürfte weitere Kratzer abbekommen haben. Und solange man auf Schalke nicht endlich merkt, dass der Fisch vom Kopf her stinkt, ist Besserung nicht in Sicht.

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