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Titel-Geschichte von 2012: Als Rudi Assauer seine Alzheimer-Erkrankung im stern öffentlich machte

Rudi Assauer ist tot. Vor sieben Jahren erzählte er exklusiv im stern, dass er an Alzheimer erkrankt war. Als unser Autor ihn damals besuchte, entstand das Porträt eines Mannes, der gegen das Vergessen kämpft​​​​​.

Von Rüdiger Barth

Rudi Assauer ist nach langer Alzheimer-Erkrankung verstorben.

Dieser Artikel erschien im Februar 2012 im stern. Anlässlich des Todes von Rudi Assauer stellen wir das Portät mit dem ursprünglichen Titel "Reise in die Schatten" online.


Der Mann, der Rudi Assauer ist, sitzt am Kamin, an seinem Lieblingsplatz im Hotel Weissenburg, es ist ein kalter, sonniger Freitag im Januar, die Menschen wünschen sich ein frohes neues Jahr.

Er steht zur Begrüßung auf, sein Hemd sitzt tadellos, sein Händedruck ist fest, die Pupillen hinter der getönten Brille sind groß und dunkel und fragend.

Als er noch Manager des Bundesliga- Klubs Schalke 04 war, da füllte sich ein Saal, sobald er ihn betrat, die Menge der Reporter oder Fans teilte sich vor ihm. Die Bugwelle ist weg. Er läuft mit den O-Beinen eines Fußballveteranen und leicht gebückt, ein freundlicher älterer Herr.

Ex-Schalke-Manager Rudi Assauer wurde 74 Jahre alt

Ex-Schalke-Manager Rudi Assauer wurde 74 Jahre alt

DPA

Es gebe schlimme Tage, hatte es zuvor geheißen, da sehe er aus wie einer, den man gerade aus dem Schlaf gerissen hat, aber heute ist nicht so ein Tag, es ist ein normaler Tag. Er nimmt den Drehcutter, den ihm die Firma Davidoff zu Weihnachten geschickt hat, er kappt das Ende der ersten Zigarre, wie immer ist es eine Grand Cru No. 3, und auf der Banderole steht sein Name. Er nimmt ein Feuerzeug in die rechte Hand, hält die Zigarre in der Linken, steckt sich die Zigarre an, führt sie zum Mund und zieht sanft an ihr. Jeder Handgriff sitzt. Die Tabakblätter glühen knisternd auf, Rauch steigt in Wirbeln empor. Der Mann, der Rudi Assauer ist, sieht hinter der Zigarre aus wie Rudi Assauer.

Rudi Assauer wollte sich nicht länger verstecken

Nach Billerbeck ins Münsterland ist er nicht selbst gefahren, er kennt zwar noch den Weg von Gelsenkirchen, kann sagen, hier links, da rechts, aber er setzt sich nicht mehr hinters Steuer. Mit ihm gekommen sind Bettina Michel, die ältere seiner beiden Töchter, bei der er seit ein paar Wochen wohnt, und seine Sekretärin Sabine Söldner, die seit 30 Jahren für ihn arbeitet, seine beiden Mädels, die ihn beschützen.

Er will sich nicht länger vor den Leuten verstecken, nicht länger das Getuschel hören, der Rudi habe wieder einen im Tee, er will die Wahrheit sagen, solange er sie noch selbst sagen kann. Dass er an Alzheimer erkrankt ist, dass er dement wird, dass er bereits in einem fortgeschrittenen Stadium ist. "Verdammte Hacke, ich hab Alzheimer", so könnte der Satz lauten, wenn er ihn sagen würde, aber der Satz kommt zunächst nicht. Während der ersten halben Stunde des Treffens sagt Rudi Assauer, 67 Jahre alt, kaum ein Wort, er ist dennoch nicht unruhig, im Gegenteil. Sehr geduldig.

Er will keinen Unsinn daherreden.

Er ist weit weg von dem, der er einmal war, das weiß er. Die Bewegung seiner Hände, sein Gang, sein Lächeln, das Fragen in seinen Augen, all das ist, wie Rilke schrieb, "ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht".

"Demenz" kommt aus dem Lateinischen und heißt "ohne Geist", ein präziser Ausdruck für das Endstadium, wenn das Bewusstsein des Menschen getilgt ist. Alzheimer, die verbreitetste Form der Demenz, ist eine rätselhafte Krankheit; Rudi Assauer ist nur einer von 1,3 Millionen demenzkranken Patienten in Deutschland, seine Familie eine von vielen, die keine Hoffnung auf Genesung haben. Obwohl seit Jahrzehnten weltweit Milliarden in die Forschung investiert wurden, versteht die Medizin noch immer nicht, wen die Krankheit befällt, wie sie zu stoppen, wie sie zu heilen sein könnte. Alzheimer tötet die Erinnerungen, die einst die Persönlichkeit formten, tötet die Maßstäbe, Dinge zu beurteilen, ebenso die Worte für die Dinge. Alzheimer tötet auch das Zeitgefühl. Die Krankheit nimmt dem Menschen das Vermögen, Gefühlswallungen zu beherrschen, und vor allem nimmt sie ihm sein Gefühl für sich selbst. Alzheimer ist: die Kernschmelze der Persönlichkeit.

Wenige Demenzpatienten wollen oder können über ihren Zustand reden. Der ehemalige amerikanische Psychologieprofessor Richard Taylor gehört zu denen, die dies tun. "Meine Verarbeitungsgeschwindigkeit ist kaum schneller als die eines Backsteins", schreibt er, "und das Bewusstsein meiner selbst ist nahe an dem einer Eidechse." Mit Fortschreiten der Symptome verwandele man sich, so erzählte er dem "Spiegel", "nach und nach in einen Menschen, den man noch nicht kennt.

Und der, den man kannte, verschwindet." Rudi Assauer war über Jahrzehnte einer der fähigsten Manager des deutschen Fußballs, ein selbst ernannter Klassenkämpfer, ein Kaventsmann wie der Münchner Uli Hoeneß. Den Skandalklub Schalke 04 sanierte er und trieb ihm die Skandale aus, er führte den Klub 1997 zum Uefa-Cup-Sieg und einmal, 2001, für vier Minuten und 38 Sekunden, auch zur Deutschen Meisterschaft. "Ich glaube nicht mehr an den Fußballgott", sagte Assauer, weil der FC Bayern den Schalkern den Titel doch noch entrissen hatte. Die Kunst seiner Rede speiste sich nicht aus Nachdenklichkeit oder Gedankentiefe, sie lag in der Schlagfertigkeit des Bolzplatzes, in Sprüchen, die aus Herz oder Galle kamen.

Assauer und das Macho-Image

Großspurig und charmant zugleich, das war Assauer. Er ließ sich nackt mit Zigarre in der Sauna fotografieren und tat in Werbespots für eine Brauerei so, als sei er wirklich das, wozu der Boulevard ihn machte - ein Macho. Er war ein Mann des Volkes, der mit dem Volk spielte. "Die Arena habe ich für euch gebaut", rief er in die Menge, als Schalkes neues Stadion eingeweiht wurde. Es kostete 183 Millionen Euro, mehr als 60.000 Zuschauer passen hinein, das Dach lässt sich schließen, der Rasen hinausfahren, damit er Licht bekommt, die Fans haben massig Pissoirs. Er hat an alles gedacht, damals, es ist eine Rudi-Assauer-Arena.

Und wenn einer der "Schalker Jungs", wie es hier heißt, in Schwierigkeiten war - Assauer half, ein Patriarch alten Stils. Bis heute engagiert er sich im "Solidarfonds NRW", der arbeitslosen Jugendlichen Perspektiven bietet.

Für Assauer, Sohn eines Kriegsheimkehrers, der Frühinvalide wurde, war immer der Fußball die Perspektive. Mit 14 Jahren verließ er die Schule, wurde Stahlbauschlosser, mit 18 war er Profi, hielt für Bremen und Dortmund in 307 Spielen als Verteidiger die Knochen hin. Erst managte er Werder, dann zweimal Schalke. 1979 lehnte er die Offerte des FC Bayern ab, der stattdessen einen Frischling anstellte namens Uli Hoeneß.

Was er vom Leben wollte, das flog ihm zu. In wenigen Sekunden erkennt er noch heute, ob ein Junge am Ball was taugt oder nicht, einen Sinn für Geschäfte hat er auch immer gehabt. Und die Weiber, ja, die Weiber. Weggefährten sagen, die Frauen seien einfach da gewesen, denn er sah so aus wie Rudi Assauer und war so cool wie Rudi Assauer, und noch heute ist es an einem guten Tag so, dass er gucken kann, als sei dieses Gesicht für die Leinwand geschaffen.

Als seine Krankheit immer mehr Besitz von ihm ergriff, als Anekdote auf Anekdote verblasste, da sagte Assauer, es sei sein Wunsch, alles zu erzählen, solange es noch gehe.

Ein Jahr lang begleitete ihn ein ZDF-Team für eine Reportage, die am 7. Februar in der "37 Grad"-Reihe laufen wird. An diesem Freitag tritt er in demselben Sender in "Volle Kanne" auf. Die Biografie des Fußballmanagers, die in dieser Woche erscheint, sollte ursprünglich eine Autobiografie werden, aber dem Münchner Journalisten Patrick Strasser, der im vergangenen Sommer als Ghostwriter engagiert wurde, war schnell klar, "das wäre nicht mehr glaubwürdig".

Assauer war kein gewöhnlicher Alzheimer-Kranker

Gewöhnlich verlieren Alzheimer-Kranke zuerst die Erinnerungen an die jüngsten Erlebnisse, bis nur noch Dönekes aus der Kindheit bleiben. Assauer ist kein gewöhnlicher Alzheimer-Kranker, die königsblauen Geschichten haben sich ihm eingebrannt, er ist ein Mann des Fußballs, und seine Biografie "Wie ausgewechselt" ist sein eindrucksvolles Vermächtnis an das Spiel. Wer Skandale erwartet, eine Abrechnung etwa mit den Feinden, die ihn aus Schalke vertrieben haben, oder mit schönen Frauen, die sich als Furien entpuppten, wird von der Lektüre irritiert sein. Es gibt viele, die seinen Groll fürchten. Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Assauer will keine Schlachten mehr schlagen, und selbst wenn er wollte, er könnte es nicht mehr.

Am Anfang der Zusammenarbeit seien die Gespräche noch ergiebig gewesen, erzählt Patrick Strasser, zuletzt wurde es mühsamer.

Doch so oft es geht, kommt Assauer in Strassers Buch selbst zu Wort.

"Will man den dicken Max machen, nach außen stark sein, dann sagt man gerne: Ich kenne keine Angst. Doch wenn es eine Sache in der Welt gibt, wenn es eine Sache in meinem Leben gibt, vor der ich immer Angst hatte, so richtig Schiss auf gut Deutsch, dann Alzheimer. Bloß nicht diese Nummer. Bloß nicht dement werden im Alter, das schwirrte mir oft im Kopf herum. Erst meine Mutter, dann mein Bruder - und nun hat's mich erwischt, jetzt muss ich damit klarkommen. Ich gehe doch erst langsam auf die 70 zu. Ich wollte doch das Alter, das Leben genießen. So 'ne Scheiße. Verdammt noch mal."

Seit einem Bandscheibenvorfall vor zwei Jahren kann Assauer nicht mehr mittwochs auf dem Klubgelände in Gelsenkirchen mitkicken; da beschimpfte er Mitspieler und Gegner so wie früher, und wenn er zurücklag, konnte es passieren, dass er kommentarlos auf ein Pils in den "Schalker" marschierte und kein Wort mehr sprach, weil er es nicht ertrug zu verlieren. Aber wenn ihm die anderen heute im Garten einen Ball zupassen, donnert er die Kugel "mit Spaß in den Backen" zurück, wie seine Sekretärin sagt. Sie werden es im Frühling noch einmal versuchen, der Geruch von Gras, die Stollen unter den Sohlen, vielleicht wird es ihm helfen, etwas länger Rudi Assauer zu bleiben.

Die "Vorboten der Krankheit", so nennt es seine Büroleiterin Sabine Söldner, kündigten sich schon 2004 oder 2005 an, als Assauer noch der mächtige Mann auf Schalke war. "Manchmal rief er mich von einem Auswärtsspiel fünfmal an", sagt Sabine Söldner, "ich sagte ihm: Chef, da haben wir schon drüber gesprochen. 'Ach, du bist ja bekloppt', antwortete er. Im Umfeld gab es Stimmen: Er sei wieder betrunken. Nee, sagte ich mir, isser nicht. Aber er ist auch nicht er selbst." Die Ausfälle mehrten sich, zugleich war in der Tat Alkohol ein Problem. Assauer wehrte sich nur halbherzig, wenn jemand behauptete, er sei ein Trinker. Alzheimer- Ärzte schildern, dass nicht nur prominente Patienten oft diese Erklärung vorzögen - gegenüber anderen, aber auch vor sich selbst. Ein Schauspieler spülte sich im Alter stets mit Schnaps den Mund aus, ehe er vors Publikum trat. Die Gesellschaft kennt es nicht, mit Demenz konfrontiert zu werden. Keiner weiß, wie so etwas geht. Und erst mal muss man es sich selbst eingestehen. In seiner Biografie sagt Assauer:

"Man will es nicht wahrhaben. Und dann sich und den anderen etwas vorspielen. Um alles in der Welt versucht man, dem Gegenüber zu zeigen: War nur ein Aussetzer, ist doch alles in Ordnung. Ich habe einfach noch mal nachgefragt oder so getan, als hätte ich es akustisch nicht verstanden. Zeit gewinnen im Gespräch war das A und O. Immer mit der Angst, dein Gesprächspartner merkt was. Auch wenn es eine Krankheit ist, für die man nichts kann - es ist einem oberpeinlich."

"Familie oder Schalke, beides geht nicht"

"Familie oder Schalke, beides geht nicht", hatte er früher oft gesagt und damit gemeint: Es geht nur Schalke. Jeden Morgen um sieben, um acht Uhr war er auf der Geschäftsstelle, in Urlaub fuhr er fast nie, er hasste Urlaube, er bettelte um Termine, damit er nicht wegfahren musste. Er war Schalke, und den Kontrolleuren im Aufsichtsrat sagte er unverhohlen, dass er sie für ahnungslos hielt. Als die sich schließlich gegen ihn stellten, als er, kein Mann für Canossa, am 17. Mai 2006 nach 13 Jahren zurücktrat, da starb auch etwas in Rudi Assauer.

"Die haben mir das Herz rausgerissen', das haste damals gesagt", erzählt die Tochter Bettina.

"Ja?" "Ja." "Stimmt. War schlimm", sagt er, saugt an der Zigarre, schweigt.

Mit den Leuten vom Vorstand hat er heute nicht mehr viel zu tun. Borussia Dortmund, der Erzrivale, mit dem er als Spieler den Europapokal gewann, lädt ihn noch regelmäßig ein. Sein Klub schickte ihm nach dem Ausscheiden eine Saisonkarte mit Parkplatz, später blieb das aus. Rudi Assauer kauft sich nun jedes Jahr zwei Dauerkarten für die Heimspiele des FC Schalke 04 plus Parkschein für 14.300 Euro.

Dabei würde es diese Arena ohne ihn nicht geben. Wie alles begann, Assauer weiß es noch: Wie sie in dieses Land gefahren sind - nach Holland, fällt ihm ein. In diese Stadt. Nach Amsterdam. Und wie sie sich die Stadien angeschaut haben, "da habe ich gearbeitet, gemacht, gemacht, dann kam mir dieser Gedanke, die Arena da zu bauen. Okay, dann setzen wir da oben 'ne Kuppel obendrauf. Dann haben sie gesagt, Assauer, du bist ja bescheuert wie immer. Und eine Zeit lang haben wir uns mit Hans Sanders von der Firma HBM jeden Sonntagmorgen hingesetzt, wie geht es jetzt weiter, Step für Step." Es ist der längste zusammenhängende Gedanke, den Rudi Assauer in diesem Gespräch äußern wird. Er stottert nicht, er redet auch nicht langsam, aber er trotzt jedes ungewöhnliche Wort seinem Gehirn ab.

Die Demütigung des Abgangs saß tief, die Krankheit erhielt einen Schub, davon gehen die Frauen heute aus. Er arbeitete nun als Talentscout, doch immer öfter hatte er keine Lust, sich junge Spieler anzuschauen. Er, der "sonst die Nase an der Grasnarbe hatte", wie Sabine Söldner sagt.

Die "Söldnersche", wie er sie nennt, riet ihm: Machen Sie mal einen ausgedehnten Gesundheitscheck, auch oben im Kopp. Ach, was du wieder hast, antwortete er, dabei hatte er panische Angst, krank zu sein. Einmal entdeckte er in der Zeitung einen Bericht über eine Veranstaltung, sagte: Da wäre ich gern hingegangen. Dabei war er am Abend zuvor da gewesen.

Manchmal brummelte er jetzt: Meine Birne funktioniert nicht mehr so. Assauers Mutter war mit 60 Jahren an Demenz erkrankt, 16 Jahre lang ging es immer schlechter, bis sie am Ende ihren Sohn nicht mehr erkannte. Und Lothar, der 13 Jahre ältere Bruder, früher Fußballprofi, eine Vaterfigur, lebt seit Jahren in einer geschlossenen Demenzstation, ein Pflegefall.

Auch als seine Ausfälle immer häufiger wurden, wollte Rudi Assauer nicht darüber sprechen.

"Im Ausblenden ist er unerreicht", sagt seine Tochter Bettina, 46, "der macht einfach dicht." Zu gut kannte er die andere Seite der Krankheit, die Verzweiflung als Angehöriger. Sein Horror war eingetreten.

Was das mit ihm im Innern anstellte, wie seine Idee von sich selbst ausgehöhlt wurde, es ist allenfalls zu ahnen.

Im Februar 2010 ließ sich Assauer breitschlagen, sich in die Jury einer Misswahl zu setzen, er trank, trank, betrank sich an jenem Abend, Reporter erspähten ihn, stellten ihm vor der Kamera banale Fragen. Seine Sätze verloren sich im Nebel. "Völligen Schwachsinn" gebe der von sich, sagte Stefan Raab später in seiner Sendung "TV Total".

Kurz zuvor, am 15. Januar, hatte sich Assauer erstmals zu einer Untersuchung begeben, in die Memory Clinic nach Essen. Dort zapften die Ärzte Gehirnwasser ab, machten die üblichen Tests, stellten die Diagnose. Die Therapie begann, mit Gedächtnistraining und "Angehörigengesprächen", die Gefühle wecken sollen, Erinnerungen freilegen.

Der ganze Schalker Kader von 1997 kam nacheinander vorbei, die "Eurofighter", wie sie genannt werden, der Torhüter Jens Lehmann etwa oder der Jiri Nemec.

"Du wirst erst das heulende Elend kriegen, wenn im Stadion die Lichter angehen, und du bist nicht mehr dabei", hat er ihnen früher oft gesagt.

Bevor die Therapie vorläufig endete, machte Assauer einen letzten Test. 17 von 30 Punkten, das war kein gutes Ergebnis. Heute gelingt es ihm längst nicht mehr, eine Uhr zu zeichnen. Als Bettina Michel den letzten Versuch sah, die Zahl 60 in einem Kreis, kamen ihr die Tränen.

Im Spätsommer 2010 sagte Assauer das erste Mal zu den Frauen: "Ich habe Alzheimer." Fünf, sechs Jahre waren seit den ersten Ausfällen vergangen. "Zu akzeptieren, dass es so ist, das war das Schwerste", sagt die Sekretärin. "Ich wusste es eigentlich, aber ich hab es nicht akzeptiert. Bis zu dem Tag, an dem er es akzeptiert hat. Wir haben auch ganz lange nicht über Alzheimer in seinem Beisein gesprochen. Bis zu dem Zeitpunkt, wo er selbst es gesagt hat."

Mit dem Fernsehreporter Werner Hansch, einem engen Freund, setzte Assauer sich manchmal noch auf eine Bühne - "Rudi & Werner", man konnte das launige Duo buchen. Beim letzten Auftritt im Februar 2011, erzählt Hansch, bemerkte er, "wie unkonzentriert, teils fahrig Rudi wirkte. Ich war mir nicht sicher, ob er mir überhaupt zugehört hatte." Hansch riss das Gespräch an sich, er rettete den Auftritt. Sie fuhren danach nach Hause, wie der Journalist im Buch erzählt: "Ich holte tief Luft und sagte zu ihm: Rudi, darf ich dich als Freund etwas fragen? Mit dir stimmt doch etwas nicht. Was ist los?' Er schaute mich regungslos an und antwortete: Komm mit rein.' Drinnen weinte er dann plötzlich los. Es brach richtig aus ihm heraus." Rudi Assauer ist einer jener Alzheimer-Patienten, die sich zurückziehen.

Egal wann, Fußball gucken geht immer

Schlafmittel helfen ihm, einen Schlafrhythmus zu bewahren, er bekommt Aufbaupräparate für das Gehirn. Antidepressiva muss er nicht mehr nehmen, und das vorbeugend verabreichte Mittel gegen Aggressionen haben die Frauen mit dem Segen eines Krefelder Arztes halbiert, sie glauben, er brauche es nicht.

Ihm sei langweilig, klagt er oft.

Was zu gucken will er haben. Einfach nur dasitzen und gucken, was los ist, das macht er gern. Oder Fußball gucken. Egal wann, Fußball geht immer, auch Frauenfußball.

Der Fernseher läuft oft. Der Fernseher ist sehr groß. Assauer marschiert noch selbst ins Bad, isst ohne Hilfe. Aber ein eigenständiges Leben führen, einkaufen, kochen, allein spazieren gehen, das ist nicht drin. Eine Partnerin hat er nicht mehr. Über seine Frauen gibt es viele Geschichten, amüsante und böse, und ganz besonders aus den letzten Jahren. Aber Rudi Assauer will all das nicht mehr hören. "Lass gut sein", sagt er. Selbst als im Juli 2009 "Bild" Fotos druckte, wie er sich auf Sylt mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin Simone Thomalla stritt, ließ er zu, dass er als Mann dastand, der eine Frau schlägt.

In den gemeinsamen Werbespots hatten sich beide zuvor jahrelang selbstironisch inszenieren lassen, gewannen dafür die "Goldene Kamera".

Thomalla stieg 2008 zur "Tatort"-Kommissarin auf. "Frau T." wird die Schauspielerin in der Familie heute nur noch genannt.

Laufen lassen, sagte Assauer damals.

Laufen lassen, sagt er heute.

Im April vorigen Jahres heiratete er eine Frau namens Britta, im Dezember kam es von seiner Seite aus zur Trennung. Die Scheidung steht bevor. Alzheimer-Kranke brauchen Ruhe, Fürsorge, regelmäßiges Essen, Rituale, die ihnen helfen, sich zurechtzufinden, um "die Unmöglichkeit, sich geborgen zu fühlen", zu lindern, wie der Schriftsteller Arno Geiger in einem Buch über seinen demenzkranken Vater schreibt. Stress kann den Verlauf beschleunigen.

Wer dem Kranken vorhält, er habe doch versprochen, er habe doch gestern gesagt, der quält ihn.

Trotzdem war bei seiner Tochter und der Sekretärin die Sorge da, ob ihm die Trennung zu schaffen machen würde. Aber er nahm fröhlich drei Hemden, drei Jacken und zog zu seiner Tochter Bettina in deren Reihenhaus nach Herten, ein paar Kilometer von Gelsenkirchen entfernt. Er sehe heute besser aus als vor einem halben Jahr, sagen die, die ihn länger begleiten. Über die Gründe für das Scheitern der Ehe wollen die Frauen nicht reden. Assauer nimmt einen langen Zug an seiner Zigarre.

Den Alltag managen die beiden Frauen für ihn, eine ist immer da.

Bis zum Nachmittag die Tochter, dann kommt die Sekretärin aus dem Büro und bleibt, bis Bettina Michel von der Arbeit in dem Gladbecker Brauerei-Gasthaus zurück ist, das sie mit Freunden gekauft hat, gelegentlich erst um Mitternacht, mit schlechtem Gewissen.

Die beiden Damen lassen sich vor ihm nichts anmerken

Denn Sabine Söldner hat ja selbst Familie. Es sind Menschen des Ruhrgebiets, bollerig und ohne Filter der Diplomatie.

Wenn die Söldnersche zu Assauer sagt, "biste bekloppt oder was", dann findet der das "völlig in Ordnung".

Dafür stellt er ihr manchmal ein Bein. "Hat der einen Riesenspaß dran", sagt sie.

Ihm gegenüber lassen sie sich nichts anmerken. Sie erzählen ihm nicht, dass sie sich oft weinend in den Armen liegen, dass sie sich gegenseitig immer wieder trösten müssen. Dass manchmal schon allein der Gedanke über ihre Kräfte geht, diesen Kerl, den viele bewundert haben, so schrumpfen zu sehen.

Mitzuerleben, wie ein lieb gewonnener Mensch unaufhaltsam davongleitet, ist für die Angehörigen ein quälender Vorgang, ein nicht enden wollender Abschied, der aus vielen kleinen Abschieden besteht. "Es ist", schreibt Arno Geiger in "Der alte König in seinem Exil", "als würde ich dem Vater in Zeitlupe beim Verbluten zusehen." Rudi Assauer versucht, die Frauen auf seine Weise aufzumuntern.

Ihr Papa, sagt Bettina, sei feinfühliger geworden. "Er ging früher Konflikten gerne aus dem Weg, war hart zu sich, seinen Mitmenschen und seiner Familie.

Durch die Krankheit hat er sich geöffnet." Sie erzählt, wie sie ihn einmal aus dem Fenster schauen sah, wie ihr dabei die Tränen kamen, einfach so. Wie er, als sie näher trat, fragte:

"Warum bist du traurig?" "Ich bin nicht traurig." "Du brauchst wegen mir nicht traurig sein." "Ich guck einfach nur, wie's dir geht", sagte sie.

"Das ist nicht so schlimm. Mach dir keine Sorgen." Er darf noch immer auf dem Thron sitzen, so wie früher, Rudolf Assauer, wie ihn seine Büroleiterin nennt, der keinen Wasserkasten tragen, keine Schraube in die Wand drehen, keine Überweisung ausfüllen musste; Rudi, der von den Frauen verwöhnt wird und die Äpfel klein geschnitten bekommt.

Doch dann kippt, auch an diesem langen Freitag in Billerbeck, ihre Haltung, sie werden fürsorglich, mütterlich - die Tochter, die Papa sagt, und die Sekretärin, die sich ab und zu ertappt, nicht mehr Chef zu sagen, sondern auch: Papa.

Wenn sie in seiner Nähe sind, sind sie tapfer und fröhlich und robust, so, wie er es braucht. Die Menschen um ihn herum sollen auch mal lachen und einen Spruch abkönnen und ihn in Ruhe lassen und nicht so viel sabbeln. Mit seiner Zwillingsschwester, die sehr emotional ist, weigert sich Assauer, über die Krankheit zu reden.

Die jüngere Tochter will er im Moment nicht sehen, er stellt auf stur.

Allein zu sein erträgt er kaum mehr. Aber reden will er auch nicht. Nur eben nicht allein sein.

Sie ringen um Ideen, um ihn aus der Lethargie zu reißen 

Ein paar Mal in der Woche geht er morgens ins Büro, die Post durchsprechen, Einladungen, Mails. Die Illusion von Alltag. Danach zu Vitali, dem Italiener, Mittagessen.

Sie ringen um Ideen, wie sie ihn locken können, aus der Lethargie reißen, die ihn oft gefangen nimmt. Aus seiner, wie sie sagen: Einsamkeit. Er hatte früher einen Ungarischen Vorstehhund, Janosch, einen Gefährten, wie es keinen zweiten gab. Vielleicht gibt es das, einen Begleithund für Demenzkranke, so wie es Blindenhunde gibt. Assauer bei Schalkes Heimspielen oder den seltenen Ausflügen abzuschirmen, das zehrt die Frauen aus. Er hört die Sprüche der Leute, die ja ahnungslos sind, die hämisch rufen, guck mal, der torkelt schon wieder. Er leidet darunter. Im Buch sagt er:

"Ich erkenne gewisse Leute, zum Teil alte Freunde und gute Bekannte, auf den ersten Blick nicht mehr - das ist einfach nur schlimm für mich, eine Qual. Ich kann sie dann nicht direkt mit Namen ansprechen, bin unsicher.

Im Grunde möchte ich in diesen Momenten nur weg." Wenn die Sache draußen ist, so hoffen sie, wird der ganze Druck verschwunden sein. "Der Kopf hört nicht auf zu rattern, du bist in der Schleife drin und kommst nicht raus", sagt die Tochter. "Der Alltag verfolgt dich", sagt die Sekretärin, "der ist 24 Stunden um dich herum. Du darfst ja keinem was erzählen. Meine Freunde halten mich alle für bekloppt, ich konnte eine Zeit lang nicht mehr schlafen." Sie machte eine Therapie, "die half". Die Krankheit nun öffentlich zu machen sei "eine Erlösung, schon für uns. Wie muss es dann erst für den Chef sein?"

Assauer sagt in der Biografie: "Man sollte das Kind beim Namen nennen. Zack, bumm. Das soll hiermit geschehen, dann wissen es alle und müssen nicht mehr hinter meinem Rücken tuscheln. Also offenes Visier: Hier bin ich, das ist mein Problem. Ich muss ja damit leben, das Beste draus machen. Nicht schön. Aber anderen geht es noch schlechter, mir wird geholfen. Wenigstens wissen die Leute nun auch ein für alle Mal, dass ich keinen Alkohol mehr trinke. Ich weiß nicht, wie die Leute reagieren, wenn es in der Welt ist und alle wissen: Der Assauer ist dement. Werden sich die Leute drüber lustig machen oder Verständnis haben? Das Problem an der Geschichte ist doch: Will man das? Will man, dass einen die Leute mitleidig anschauen und sagen, oh je, Herr Assauer oder Mensch, Rudi - das ist aber schrecklich, das tut mir aber leid. Und dann diese Blicke! Dieses Tuscheln! Mitleid ist das Schlimmste. Für mich war trotzdem irgendwann klar: Es musste raus. Das Versteckspiel sollte ein Ende haben." Noch immer darf Assauer entscheiden, was er entscheiden kann. Seine Kontoauszüge schaut er penibel durch, da ist er eigen.

Aber, das haben sie besprochen, es wird der Tag kommen, "an dem wir ihn beraten müssen", sagt Sabine Söldner. "Da verlässt er sich auf uns. Wir sollen ihm das nur sagen.

Es gibt auch eine juristische Abmachung." Eine Entmündigung, der logische Schritt. Eine Patientenverfügung ist ebenfalls unterzeichnet.

Alzheimer ist nicht heilbar. Das Gehirn schrumpft unerbittlich.

Aufnahmen von Kernspintomografen zeigen die besonders betroffenen Stellen, die Zerstörung der Nervenzellen. Am Ende vergessen manche Patienten zu essen, manche zu schlucken. Wer als Erkrankter noch das Leben in ein Gestern, ein Heute, ein Morgen einteilen kann, den muss es grausen vor dem, was ihn erwartet.

Assauer: "Kugel in den Kopf? Werde ich nie machen"

Denn was ist der Mensch, wenn er über sich nachdenkt, anderes als die Summe seiner Erlebnisse, verdichtet zu einem Bewusstsein?

In seinem Buch sagt Assauer: "Manchmal hocke ich an meinem Schreibtisch, überlege so vor mich hin und male mir dann aus, was in Zukunft passiert: In ein paar Jahren sitze ich nur noch rum und warte, bis ich abgesäbelt werde. Dann könnte man sich doch gleich die Kugel geben, ein Loch in den Kopp schießen. Nein, werde ich natürlich nie machen."

Bei seiner dementen Mutter, die auch an Parkinson litt und am Ende nicht mehr laufen konnte, sei er bereit gewesen, Sterbehilfe zu leisten: "Ich hätte es getan, ich hätte sie davon erlöst. Sie konnte nicht mehr geheilt werden. Sie hat apathisch im Pflegeheim gelegen, es war eine Katastrophe. Ich konnte das schlecht mit ansehen. Genau an dem Tag, an dem ich ein tödliches Medikament besorgen wollte, ist Mama aus dem Bett gestürzt, hat sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen und wurde notversorgt. Ich habe meine Schwester Karin angerufen und sie gebeten, dass wir auf die Ärzte einwirken, Mutter nicht noch einmal operieren zu lassen. Die Leiden wären größer gewesen als die Heilungschancen. Sie wurde auf Anraten der Ärzte dennoch operiert und überlebte die Operation nicht."

Im Jahr 2011 erschoss sich der deutsche Lebemann Gunter Sachs, 78, weil er glaubte, an Alzheimer erkrankt zu sein. "Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben", schrieb er in seinem Abschiedsbrief, "wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten." Der Tübinger Rhetorik-Professor Walter Jens war ein Verfechter der Sterbehilfe. Jahre bevor er der Demenz verfiel, fragte er:

"Darf ich nach einem selbstbestimmten Leben nicht auch einen selbstbestimmten Tod haben, statt als ein dem Gespött preisgegebenes Etwas zu sterben, das nur von fernher an mich erinnert?" Die Diagnose wagten ihm seine Angehörigen jedoch nie mitzuteilen, seinen Wunsch nach Sterbehilfe wollen sie ihm nicht erfüllen.

Zu stark scheint der Lebenswillen des großen Belesenen, der nicht mehr lesen kann, des großen Redners, der kaum mehr reden kann.

Eine Zigarre pro Stunde

"Sein Zustand", sagt seine Frau Inge, "ist schrecklicher als jede Vorstellung, die er sich wahrscheinlich irgendwann einmal ausgemalt hat." Aber einmal habe ihr Mann gerufen: "Nicht totmachen, bitte nicht totmachen." Und seine Frau ist sich sicher, "dass mich mein Mann jetzt nicht um Sterbehilfe, sondern um Lebenshilfe bittet".

Eine Zigarre pro Stunde, das ist an diesem kalten, sonnigen Januartag das Pensum. Er saugt an der Zigarre, wenn ihm was nicht einfällt, er saugt an der Zigarre, wenn ihm etwas eingefallen ist, er saugt an der Zigarre, wenn die anderen reden. Seine Nabelschnur.

Ab und zu bricht aus ihm ein schelmischer Blick hervor, dazu dieses Schmunzeln, das ein Erbe der alten Souveränität ist.

Aber schon an diesem Abend dürfte er an das Gespräch keine Erinnerung haben, sein Gedächtnis beschreibt keine neuen Seiten mehr. Es ist alles ein Von-Tag-zu- Tag, von Stunde-zu-Stunde.

Ganz selten, so erzählt sein Biograf Patrick Strasser, habe Assauer in ihren langen Sitzungen gesagt: Jetzt fällt mir's ein, jetzt erzähle ich Ihnen mal was. Meist hat er gewartet, was passiert, was gefragt wird, sehr duldsam. Der Macher macht nichts mehr.

"Angst bestimmt Assauers Gedanken", schreibt Strasser. "Die Angst vor dem endgültigen Verlust der Kontrolle des Gehirns über sein Leben. Die Angst, überhaupt nicht mehr Herr seiner selbst zu sein - ein Leben in totaler Abhängigkeit zu verbringen." Im April werden sie das Büro schließen. Sabine Söldner, 52, wird dann zum Arbeitsamt gehen. Für ihren Chef brauchen sie erst mal eher eine Gesellschafterin als eine Pflegekraft, aber die Frau, die von Assauer geduldet werden muss, sollte auch medizinisch geschult sein.

Es kommt der Tag, da dies nötig ist, da machen sie sich nichts vor.

Ronald Reagan, der frühere USPräsident, schrieb 1994 mit 83 Jahren einen Brief ans amerikanische Volk, teilte der Nation mit, dass er an Alzheimer erkrankt sei. Er schloss mit den Worten: "Ich beginne nun die Reise, die mich zum Sonnenuntergang meines Lebens führt." Das ist ein schönes Bild.

Aber es ist ein falsches Bild.

Die Reise eines Alzheimer-Patienten ist keine Reise in den Sonnenuntergang.

Sie ist ein langer Weg in die Schatten, durch einen Tunnel aus Augenblicken. Allenfalls die vertraute Umgebung, die vertrauten Menschen vermögen die Dunkelheit immer wieder aufs Neue zu erhellen, bis der Augenblick verstrichen ist und ein neuer beginnt.

Noch weiß der Mann, der Rudi Assauer ist, dass er auf dieser Reise nicht allein sein wird. Noch weiß er, dass ihn die Frauen an seiner Seite nicht verlassen werden.

Noch weiß Rudi Assauer, dass er Rudi Assauer ist.

Im Video: Stars trauern um Assauer: "Gute Reise, lieber Rudi"

Rudi Assauer: "Gute Reise, lieber Rudi": Stars trauern um Schalke-Legende

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