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Schalke 04: Tränen, Trauer, Titel-Trauma

Die Fassungslosigkeit stand Spielern, Fans und den Club-Bossen ins Gesicht geschrieben. Ausgerechnet im Revierderby gegen den Erzrivalen Dortmund verspielte Schalke 04 mit aller Wahrscheinlichkeit den Titel. Nur Schalke-Coach Mirko Slomka will vor dem letzten Spieltag nicht aufgeben.

Exakt sechs Jahre nach dem denkwürdigen Drama um den "Meister der Herzen" wird der FC Schalke.04 von seiner schmerzhaften Vergangenheit eingeholt. Mit der verdienten, aber bitteren.0:2 (0:1)-Niederlage ausgerechnet beim Erzrivalen Borussia Dortmund büßten die Königsblauen wie schon 2001 ihre Tabellenführung am vorletzten Spieltag ein und müssen ihren Traum von der ersten deutschen Meisterschaft seit 49 Jahren wohl begraben. Während rund 15.000 blau- weiße Fans im ausverkauften Signal Iduna Park und rund 60.000 beim Public Viewing in der Veltins-Arena ihren Tränen freien Lauf ließen, schlugen die fassungslosen Schalke-Profis die Hände vors Gesicht und sanken enttäuscht auf den Rasen.

Mirko Slomka gab sich nach der ersten großen Enttäuschung am Sonntagmorgen schon wieder kämpferisch und schwor seine frustrierten Spieler vor dem Training bereits auf das letzte Heimspiel gegen Arminia Bielefeld ein. "Wir haben noch nichts abzuhaken und besitzen noch eine Restchance", sagte der Schalke-Coach in der Sendung "Doppelpass" im Deutschen Sportfernsehen (DSF) trotz der auf ein Minimum gesunkenen Titelaussichten. Denn mit dem 3:2 beim VfL Bochum übernahm der VfB Stuttgart (67 Punkte/+23 Tore) die Spitzenposition, die Schalke (65/+20) seit dem 20. Spieltag zwölf Mal erfolgreich verteidigt hatte. Sehr bitter sei die Schlappe in Dortmund, doch den Titel habe man laut Slomka schon viel früher verspielt. "Wir hätten doch schon längst Meister sein können."

Stuttgart kann gegen Cottbus alles klar machen

Nun können die Schwaben am nächsten Samstag mit einem Heimsieg gegen Energie Cottbus die Schale ins Ländle holen, dem Revierclub bliebe selbst im Erfolgsfall gegen Arminia Bielefeld wieder nur die Vizemeisterschaft. "Natürlich geht es auch darum, Bremen auf Abstand zu halten und den zweiten Platz abzusichern. Wir werden uns auf Bielfeld vorbereiten wie auf ein Endspiel", versicherte Slomka.

Völlig frustriert war Marcelo Bordon. Der Kapitän steckte 2001 noch im VfB-Dress, als Stuttgart die Schalker mit dem 1:0 (90. Balakow) am 33. Spieltag vom Thron stieß, ehe Bayern München durch den 1:1- Ausgleich in Hamburg den Knappen-Albtraum zum Saisonfinale vollendete. Gleichwohl klammert sich Bordon an die kleine Hoffnung, dass das Schicksal doch noch einen Purzelbaum schlägt. "Wenn man die Schale in letzter Sekunde verliert, kann man sie auch in letzter Sekunde gewinnen", erklärte der Brasilianer, und fügte fast trotzig an: "Wenn die Leute nicht mehr daran glauben, können sie zu Hause bleiben. Die Mannschaft glaubt noch daran."

Asamoah verlor sein Lächeln

Ähnlichen Optimismus zu verbreiten, fiel Gerald Asamoah direkt nach der Schmach noch sichtlich schwer. Sein gewohntes Lächeln hatte der Nationalspieler verloren. "Mir fehlen die Worte", stammelte Asamoah, der als einziger Schalker Profi schon beim Drama im Parkstadion als Aktiver dabei war. Plötzlich war die Erinnerung an diese schwarze Stunde wieder da - und die Angst vor dem Déjá-vu- Erlebnis. "Es ist schwierig, jetzt was zu sagen", bat er um Verständnis. Auch dafür, dass viele Mitspieler wortlos davon schlichen. "Klar, dass jeder Abstand braucht und für sich sein will."

So wie Andreas Müller, der sich vor den Medienvertretern zunächst regelrecht versteckte und später auch dann noch in Gedanken versunken in den Katakomben des Stadions an der Wand lehnte, als der Spielerbus schon längst abgefahren war. Nur zwei Sätze brachte der Manager hervor: "Von mir werdet ihr am Wochenende nichts hören. Ihr habt das Spiel doch alle gesehen."

"Das tut schon verdammmt weh"

Selbst BVB-Trainer Thomas Doll, der allen Grund hatte, nach Toren von Alexander Frei (44.) und Ebi Smolarek (85.) in den Borussen- Jubelchor einzustimmen, litt ein wenig mit dem ausgeknockten Gegner. "Das tut schon verdammt weh. Ich kann mich in die Lage hinein versetzen."

Slomka mochte seine 90 Minuten seltsam gelähmt und ratlos wirkenden Schützlinge nicht in die Pfanne hauen ("Wir gewinnen zusammen und verlieren gemeinsam"), beklagte jedoch mangelnden Ideenreichtum und fehlende Torgefahr aus dem Mittelfeld. Später klang der 39-Jährige schon wieder zuversichtlicher. "Die Saison wird erst am nächsten Samstag abgepfiffen. Erst dann ist es vorbei. "Wir müssen uns jetzt aufrichten, unser letztes Spiel gewinnen und auf Cottbus hoffen." Schließlich ist Cottbus die Partnerstadt von Gelsenkirchen.

Ausschreitungen zwischen Fans

Nach dem brisanten Derby kam es am Samstag in Dortmund zu Ausschreitungen zwischen Fans beider Clubs gekommen. Neun Menschen wurden verletzt, darunter drei Polizisten. Insgesamt 70 Anhänger beider Vereine wurden festgenommen, 48 kamen in Gewahrsam. Dennoch betonte ein Polizeisprecher: "Die Auseinandersetzungen zwischen den Fans bewegten sich im Rahmen normaler Bundesligaspiele." Größere Ausschreitungen habe es nicht gegeben.

Ulli Brünger und Heinz Büse/DPA / DPA

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