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Sex-Skandal in der Schweiz: Das Warten auf die Namen

Der Sex-Skandal beim Schweizer Erstligisten FC Thun weitet sich aus. Nachdem am Dienstag Profis des Traditionsclubs wegen sexuellen Kontakts zu einem minderjährigen Mädchen festgenommen wurden, wartet man jetzt auf die Bekanntgabe der Namen. Im Verein herrscht Fassungslosigkeit.

Von Klaus Bellstedt

Nach dem Kokain-Skandal um Martina Hingis und dem damit verbundenen Rückritt des Ex-Tennis-Stars wird die Schweiz vom nächsten sportlichen Erdbeben erschüttert. Am Dienstagnachmittag wurde bekannt, dass Fußballer des Schweizer Erstligisten FC Thun Sex mit einer 15-Jährigen gehabt haben sollen. Dies soll "größtenteils" sogar mit Einwilligung des Mädchens passiert sein. In einer beispiellosen Aktion nahm die Thuner Kantonspolizei am Dienstag zwölf aktive und ehemalige Spieler des Vereins sowie weitere Männer in der Region fest. Der Verdacht habe sich erhärtet, teilten die Untersuchungsbehörden am Abend dann mit.

Noch am Morgen ahnte beim FC Thun, der in der Tabelle der Schweizer Super-League derzeit den vorletzten Platz belegt, niemand etwas - auch nicht der Trainer. Zwar hatten sich 9 von 25 Spielern abgemeldet, aber alle mit Begründung: Torwart Patrick Bettoni und Milaim Rama (krank), Yves Zahnd (verletzt), die Mittelfeldspieler Benjamin Lüthi und Fabian Stoller (Job), der Finne Ari Nyman (Länderspiel-Einsatz), Stefan Glarner (U-21), Stephan Andrist (U-20) sowie Pape Omar Faye (Länderspiel-Einsatz mit Senegal). Kurz nach Trainingsende fiel der holländische Coach Rene van Eck dann aus allen Wolken. Marco Oswald, Verwaltungsrat der FC Thun AG, überbrachte dem Trainer die Nachricht. "Für mich war das wie ein Knall, ein Schock", sagt der Coach. Welche seiner Spieler unter Tatverdacht stehen, weiß auch Van Eck nicht genau. "Ich habe es nur gerüchteweise vernommen."

Verband hält sich bedeckt

Fest steht, dass auf die möglichen Täter harte Strafen zukommen. Handlungen gegen die sexuelle Integrität sind gemäß Schweizer Strafgesetzbuch nämlich strafbar und werden von Amtes wegen verfolgt, wenn die Handlungen mit einem Kind unter 16 Jahren vorgenommen wurden und der Altersunterschied zwischen den Beteiligten mehr als drei Jahre beträgt. Inwieweit diese Gesetzesbestimmungen in jedem einzelnen Fall verletzt wurden, sei noch Gegenstand der Ermittlungen, teilten die zuständigen Berner Oberländer Untersuchungsbehörden weiter mit. Nach Angaben der Polizei müsse davon ausgegangen werden, dass die Beschuldigten seit Beginn dieses Jahres mit dem minderjährigen Mädchen Kontakt gehabt haben. Dabei soll es in mehreren Fällen in unterschiedlicher Form zu sexuellen Handlungen gekommen sein.

In der Schweiz wartet man jetzt also auf die Namen der möglichen Täter. Im Schweizerischen Fußballverband (SFV) gab man sich nach Bekanntwerden der Verhaftungen noch bedeckt. "Es ist derzeit noch unklar, ob der Fall für den Spielbetrieb des FC Thun Konsequenzen hat", erklärte SFV-Pressesprecher Pierre Benoit auf Anfrage von stern.de.

Mit Argwohn auf den anderen schauen

Trotz des Verdachts sexueller Handlungen mit einer 15-Jährigen gegen die eigenen Spieler will der FC Thun seinen Trainings- und Spielbetrieb voll aufrechterhalten. Das Training werde am Mittwoch wieder aufgenommen, sagte Vereinspräsident Kurt Weder im "Regionaljournal" des Schweizer Radios DRS. Auf eine Entlassung aller Verdächtigen angesprochen, sagte der Präsident, man warte jetzt die Ergebnisse der Strafuntersuchung ab und werde dann weitersehen. Weder bekräftigte, dass für die Betroffenen die Unschuldvermutung gelte. Man werde aber sehr wachsam sein.

Am Mittwoch wird also wieder trainiert beim FC Thun - doch nichts ist mehr wie vorher. "Wir können jetzt nur eines tun: uns auf den Job konzentrieren und das nächste Spiel vorbereiten. Unter diesen Umständen ist das auch für mich eine gewaltige Herausforderung", so Trainer Rene Van Eck, der diese Saison erstmals ein Super-League-Team betreut. Für den Holländer, Vater von zwei Mädchen im Alter von 9 und 11 Jahren, stellt sich die Frage, ob die Fortführung des Jobs überhaupt noch zumutbar ist. Zumindest eines ist klar: Weil die Verdächtigten alle wieder auf freiem Fuß sind, hat Van Eck heute eine Mannschaft beisammen. Es wird ein Training, wie es noch keines gegeben hat in der Geschichte des FC Thun. Jeder wird mit Argwohn auf den anderen schauen.

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