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Zweifel vor Bundesliga-Start: Gesundheit der Spieler? "Da wird gar nicht drauf geachtet"

Der Neustart der beiden Bundesligen steht unmittelbar bevor. So mancher Fan freut sich trotz Geisterspielen darauf. Doch das Unbehagen bleibt. Spieler beklagen sich und Mediziner äußern sehr ernste Bedenken.

Marc Lorenz vom KSC

Kritisiert massiv die Pläne der Bundesliga: Zweitliga-Profi Marc Lorenz vom KSC glaubt, dass auf die Gesundheit der Spieler nicht geachtet werde.

DPA

Alles scheint bereit für den Endspurt in der 1. und 2. Bundesliga unter Corona-Bedingungen. Doch ungetrübte Vorfreude mag sich nicht nur wegen der Aussicht auf stimmungsarme Geisterspiele nicht einstellen. Unbehagen bleibt - zuletzt genährt durch die Meldung, dass das gesamte Team von Dynamo Dresden unter Quarantäne gestellt werden musste und so den Liga-Neustart verpasst. Neben der Befürchtung, dass durch den Spielbetrieb trotz Hygienekonzept das Virus wieder stärker verbreitet werden könnte, wird die Sorge um die Gesundheit der Spieler lauter. Zweitligaprofi Marc Lorenz äußerte ungewöhnlich deutliche Kritik und befürchtet auch Verletzungen wegen zwangsläufig mangelnder Fitness. Zudem warnen Mediziner vor für die Profis ernsthaften Folgen.

Lorenz ist Mittelfeldspieler beim Zweitligisten Karlsruher SC. Er sieht die Pläne zur Fortsetzung des Spielbetriebs äußerst kritisch. Im Konzept der Deutschen Fußball Liga (DFL) fehlen dem 31-Jährigen "die Vorbereitung und das Gespür für die Gesundheit der Spieler. Ich glaube, da wird gar nicht darauf geachtet", sagte der Zweitliga-Profi den "Badischen Neuesten Nachrichten". "Die Spieler werden nach 60 Minuten platt sein. Da helfen auch die beschlossenen fünf Auswechslungen nichts. Dann wird die Übermüdung kommen und dann die schweren Verletzungen."

Bundesliga: "Durchdrücken ohne Rücksicht auf Verluste"

Nach der Unterbrechung der Spielzeit wegen der Coronavirus-Pandemie sollen die Karlsruher am Samstag gegen den SV Darmstadt 98 den Spielbetrieb wieder aufnehmen - wie die meisten Clubs der beiden Profiligen. Im Idealfall soll die Saison bis Ende Juni beendet werden, da dann die Verträge etlicher Profis auslaufen. "Es ist für mich ein Durchdrücken ohne Rücksicht auf Verluste. Es gibt viele, die um einen neuen Vertrag spielen. Wenn sich einer das Kreuzband reißt, verpflichtet den keiner mehr. Gesundheit ist unbezahlbar", sagte Lorenz.

Wegen ähnlich klar in den Medien geäußerter Bedenken ("Erst Gesundheit, dann Fußball") war Birger Verstraete, Profi beim Erstligisten 1.FC Köln, vor acht Tagen zum Rapport gebeten worden und anschließend zurückgerudert. Er hatte ebenfalls das Konzept der Bundesliga zum Neustart infrage gestellt, nachdem zwei Spieler und ein Betreuer, mit denen er Kontakt hatte, positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Verstraete hat auch die Ansicht geäußert, könnte es eine unbeeinflusste Abstimmung unter den Bundesligaprofis geben, würde sich ein Großteil gegen die Fortsetzung der Liga entscheiden.

Subotic: Spieler saßen nicht mit am Tisch

Die Kritik aus den Reihen der Spieler nimmt nach und nach zu. Schon am Wochenende hatte Ex-BVB-Profi Neven Subotic die schwache Position der Spieler als Arbeitnehmer in der Corona-Diskussion gerügt. Der 31-Jährige in Diensten von Erstliga-Aufsteiger Union Berlin sagte im Deutschlandfunk: "Wir haben keinen Sitz am Tisch, wir wurden nicht konsultiert." Nach seinem Wissensstand habe es keinen Einfluss der Spieler oder einer vertretenden Instanz bei den Entscheidungen um die Wiederaufnahme der Bundesligen gegeben. In der italienischen oder englischen Liga sei der Spielerverband eine seriöse und feste Instanz. Da könne man aus deutscher Sicht nur enttäuscht sein.

Mediziner verstehen die Bedenken und die Sorgen der Spieler um ihre Gesundheit nur zu gut. Der Kardiologe Tienush Rassaf, der zahlreiche Leistungssportler betreut, warnte am Montag vor Herzmuskelschäden bei unerkannt an Corona erkrankten Fußball-Profis sowie vor möglichen Folgeschäden durch das Virus. "Trotz aller Tests: Im Endeffekt bleibt ein Risiko", sagte der Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie am Universitätsklinikum Essen.

Infiziert ohne Symptome - zwei Wochen gar keinen Sport

"Wir wissen, dass Menschen mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung ein erhöhtes Risiko haben, an Covid-19 zu erkranken", so Rassaf: "Und wir wissen umgekehrt, dass Sars-CoV-2 zu lebensgefährlichen Herzmuskelerkrankungen führen kann." Leistungssport sei "eine Stress-Situation für den Körper". "Die Abwehrfunktion des Körpers ist in bestimmten Situationen geschwächt. Deshalb können die Organe Schaden nehmen, wenn der Körper von einem Virus befallen ist."

Genau das könne eben nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden. "In der Bundesliga wird sehr gewissenhaft getestet", sagte Rassaf: "Und ich bin kein Virologe. Aber ich würde in Frage stellen, dass man so viele Menschen komplett und durchgehend virusfrei halten kann." Auf der anderen Seite ließen sich auch Vorerkrankungen am Herz nie ganz ausschließen. Rassaf verwies auf ein Positionspapier der Sportmediziner. Laut diesem solle ein symptomfreier Infizierter zwei Wochen überhaupt keinen Sport treiben. "Hat man Symptome gehabt, sollten es eher zwei bis vier Wochen sein", erklärte der Mediziner: "Und hatte man gar eine Lungenentzündung, sollten es mindestens vier Wochen sein."

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"Infektion kann Karriere-Ende bedeuten"

Der Sportmediziner Wilhelm Bloch, Professor an der Kölner Sporthochschule, äußerte in einem Interview mit der ARD-Sportschau noch deutlicher: "Ein Sportler sollte sich schon Gedanken darüber machen, dass eine Infektion das Karriereende sein kann." Block verwies in dem Gespräch auf Vernarbungen der Lunge, die ein Arzt aus Innsbruck bei genesenen Tauchern entdeckt habe und die auch bei Autopsien verstorbener Covid-19-Patienten festgestellt worden seien. Solche Veränderungen könnten sich durchaus zu bleibenden Schäden entwickeln. "Und dann habe ich ein paar Prozent weniger Lungenkapazität - für einen Hochleistungssportler ist das schon ein relativ kritische Sache", so Bloch.

dho / mit Material von DPA, Badische Neueste Nachrichten, Sportschau, Deutschlandfunk

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