Sportschau-Moderatoren "Fußball pur will keiner mehr sehen"


Zu brave Premiere? Die beiden "Sportschau"-Moderatoren Gerhard Delling und Reinhold Beckmann über solides Handwerk, übertriebene Kunst und die ewige Liebe zum Spiel

Das Interview mit Reinhold Beckmann und Gerhard Delling führten die Stern-Redakteure Markus Götting und Frank Thomsen

Herr Delling, Sie haben am Samstag in der "Sportschau" vor der ersten Werbeinsel den Zuschauern empfohlen, auf die Toilette zu gehen. Gab's da gleich Ärger?

Delling: Nein. Ich arbeite nicht für die Werbetreibenden, sondern fürs Publikum. Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist, aber die Chance wird doch häufig genutzt.

Letztlich war das die einzig freche Bemerkung. Für unseren Geschmack kam die Sendung zu brav daher. Sind Sie zufrieden?

Delling: Wir sind zufrieden. Was wäre Ihrer Meinung nach frech? Wir sind dazu da, über die Spiele zu berichten, journalistisch und unterhaltsam. Wenn das bei Ihnen nicht angekommen ist - schade.

Beckmann: Vier Wochen sind eine kurze Zeit, um so ein Format auf die Beine zu stellen. Außerdem hatte der WDR so etwas seit Jahren nicht mehr machen müssen. Da ist es schwer, gleich neue Maßstäbe zu setzen. Es ging darum, die erste Sendung handwerklich anständig hinzukriegen. Und dass es auf dem Niveau lief - keine Kameraausfälle, keine Fehlschaltungen, keine unfertigen Berichte -, hätten wohl nicht alle geglaubt.

Delling: Das sehe ich anders, da entsteht auch manchmal ein falscher Eindruck. Die ARD macht seit mehr als 50 Jahren Fernsehen. Wenn wir ein Spiel übertragen, bekommen wir das hin. Darum habe ich bei der "Sportschau" keine Sekunde gezittert.

Ärgerlich war Moderator Waldemar Hartmann, der aus Schalke mehr vom Stadionerlebnis erzählte als Fragen zu stellen.

Beckmann: Gerhard, das beantwortest du besser ...

Delling: Waldemar Hartmann ist ein Fußballexperte, und wir nehmen zu Recht an, dass er so ein Spiel vernünftig beurteilen kann. Es ist auch legitim, dass er von der Kulisse überwältigt ist und diesen emotionalen Ansatz rüberbringt.

Beckmann: Ich kann meinem Kollegen Delling nur beipflichten.

Das "Spiel des Tages" wirkte wie eine Sendung in der Sendung. Ist es föderale Pflicht innerhalb der ARD, dass der Bayer Hartmann und SWR-Sportchef Michael Antwerpes ihre Auftritte als so genannte Stadionmoderatoren bekommen?

Beckmann: Schwere öffentlich-rechtliche Frage. Machen wir doch erst mal mit einer anderen weiter.

Die Quoten sind respektabel - 4,87 Millionen Zuschauer, 34,3 Prozent Marktanteil.

Beckmann: Offenbar gibt es einen emotionalen Kredit bei den Leuten, es kommen viele Menschen auf einen zu und freuen sich, dass Fußball wieder in der ARD läuft. Gerhard hat souverän moderiert. Aber: Wir haben versprochen, den Ball laufen zu lassen, da können wir noch zulegen. Diesmal waren es nur 48 Minuten bei eineinhalb Stunden Sendung.

42 Minuten, handgestoppt.

Beckmann: Da ist sicherlich noch mehr Fußball möglich.

Delling: Unser Spiel dauert 90 Minuten, ziehen wir die Werbeblöcke ab und ein bisschen Moderation, bleibt eine Nettospielzeit, an der Sie nichts ändern können, außer Sie verlängern die Sendung.

Oder Sie verkürzen die Moderation.

Delling: Wir könnten eine Tafel zeigen, HSV gegen Hannover, aber ob das heute noch ankommt, wage ich zu bezweifeln. Fußball pur will keiner mehr sehen.

Sie zeigen auffällig wenige Zeitlupen.

Beckmann: Die Pointierung der Nebenschauplätze, das Aufgeilen an der vierten Superzeitlupe, das war eine Überdrehung. Wenn eine Zeitlupe wirklich erklärt, ob es einen Elfmeter geben musste oder Tor oder Abseits, brauche ich nicht noch fünf weitere. So dumm ist der Zuschauer nicht.

Delling: Am Fußball kann man nicht viel verändern, das ist eine atavistische Sache, das bleibt immer in den gleichen Grenzen des Spielfeldes. Man kann nur seine journalistischen Schwerpunkte anders setzen.

Sie beide sind ja ein sehr unterschiedliches Paar. Beckmann hat die "Sportschau" vor elf Jahren als mediales "Neandertal" bezeichnet und mit "ran" alles anders gemacht. Herr Delling verkörpert das Puristische, Traditionelle.

Delling: Im letzten Bundesliga-Jahr der "Sportschau", 1992, waren auch schon elf Kameras im Einsatz. Und ich kann nicht entdecken, dass das puristisch oder traditionell in der Anmutung war. Vielleicht ist Fußball in der ARD etwas unaufgeregter. Beckmann: Komm, Gerhard, damals wurden viele strittige Szenen nicht aufgeklärt, weil es keine Bilder gab. Später haben wir Fußball dann etwas anders fotografiert. "Ran" hat den Fußball nicht neu erfunden, aber eine neue Blickrichtung gezeigt. Sicher war da viel PR-Getöse dabei, aber auch handwerklich harte Arbeit. Man muss sich permanent journalistisch weiterentwickeln. Diesen Prozess werden wir auch in der der "Sportschau" sehen.

Sie sind ja der Erfinder der bunten Fußballwelt. Wofür steht die neue "Sportschau": Neandertal reloaded?

Beckmann: Ein knutschendes Pärchen auf der Tribüne darf nicht mehr Gewicht bekommen als die Tore. Der Zuschauer merkt schnell, wenn da was nicht stimmt. Man muss nur in Kneipen und Vereinsheimen zuhören, wie die Leute reden.

Delling: Du gehst in Kneipen? Beckmann: Das sind nicht die schlechtesten Orte. Die Kollegen von "ran" haben tolle Arbeit gemacht, aber zuletzt fiel ihr Blick doch oft auf Nebenschauplätze.

Delling: Das hatte auch in der ARD kranke Formen angenommen. Wir haben mal ein Länderspiel mit 25 Kameras übertragen, da hatten wir alles abgedeckt. Am Ende wurde der Regisseur fast verrückt. Aber eines muss man klar sagen - die Sehgewohnheiten haben sich geändert. Kleine Randgeschichten gehören einfach dazu.

Ist Fernsehen durch die Privaten interessanter geworden?

Delling: Hundertprozentig. Das Beste, was passieren konnte, war die Konkurrenz. Das Schlechteste ist, dass es nicht ein Oligopol geblieben ist. Wir haben einfach zu viele Sender. Ein paar weniger würden für mehr Qualität sorgen.

Premiere-Chef Georg Kofler nennt die ARD ein Zwangs-Pay-TV, das ihm das Geschäft vermassle. Hat er da so Unrecht?

Beckmann: Das ist PR-Gerede. Zudem nutzt sein Sender mit der Bundesliga-Zusammenfassung ein Recht, das ihm womöglich vertraglich nicht zusteht. Das ist nie verhandelt worden, Kirch hat Premiere das geschenkt, um den Sender zu pushen. Darunter litt auch die "ran"-Quote.

Herr Delling, eine Leserin von "Bild am Sonntag" fand nach der ersten Sendung: "Er braucht eine frechere Frisur, aber sonst fand ich ihn süß."

Delling: Ich will keine frechere Frisur.

Ist das eigentlich auch ein Thema zwischen Ihnen und Günther Netzer?

Beckmann: Habt ihr nicht auch die gleiche Frisur?

Delling: ...das kann nicht sein, weil der Scheitel bei mir auf der anderen Seite ist.

Nervt Sie das Schwiegersohn-Image?

Delling: Es wundert mich. Vielleicht bin ich zu gut erzogen.

Eben. Wir dachten, man hätte Sie für die "Sportschau" genau darum ausgewählt, weil Sie so nette Kerle sind, die keine bösen Fragen stellen.

Beckmann: Die ganz harte Frage, endlich! Puh, so eine habe ich schon lange nicht mehr gehört.

Delling: Ich bin nicht dazu da, böse Fragen zu stellen, aber alle, die wichtig sind.

Ist es überhaupt möglich, kritischen Journalismus zu machen bei diesen horrenden Rechtepreisen?

Beckmann: Wir stehen nicht stramm und verkaufen eine Ware. Ärger gibt's immer mal. Mal mit Bayern, Dortmund oder dem DFB. In der "Sportschau" stellen wir Aktualität dar und reflektieren sie. Seien Sie sicher: Über einen Bundesliga-Skandal würden wir auch in der Samstag-"Sportschau" berichten.

Sieht die "Sportschau" nächsten Samstag anders aus, wenn Beckmann sie macht?

Beckmann: Wir werden uns da schon unterscheiden. Das ist wie bei den Kommentatoren im Stadion. Personalisierung ist wichtig und vom Zuschauer auch gewünscht.

Mehr noch als für Herrn Delling gilt ja für Sie, dass Sie mit der "Sportschau" wieder da angekommen sind, wo Sie vor Jahren schon waren.

Beckmann: Im doppelten Sinne. In den Achtzigern habe ich beim WDR begonnen. Dann habe ich zwei Jahre Premiere gemacht, sieben Jahre "ran". Irgendwann gab es eine Krise. Ich wollte Neues ausprobieren, andere Erfahrungen machen. Da habe ich mich vom Fußball distanziert, bin aber privat dauernd ins Stadion gegangen. Die alte Liebe war immer da.

Sie wollten der große Showmaster werden und sind gescheitert.

Beckmann: Schön, dass Sie das so charmant formulieren. Ich habe die "Guinness-Show" gemacht, weil es ein sportaffines Format war, und die Quote war nicht schlecht. Aber Showmaster wollte ich eigentlich nie werden.

Wie bitte?

Beckmann: Diese Samstagabend-Geschichten haben mir emotional nichts gebracht, ich habe mich in keiner Sendung so wenig zu Hause gefühlt wie in der "Guinness-Show".

Herr Delling hört ruhig zu. Diese Show-Ambitionen hatten Sie nie, oder?

Delling: Ich bin zwar der Meinung, dass gute Journalisten auch gute Unterhaltung machen können, aber eine Show? Könnte ich nicht, ich will das auch gar nicht. Obwohl es immer mein Traum war, im NDR "Spiel ohne Grenzen" wieder aufzulegen.

Was sagen eigentlich Ihre Frauen und Kinder dazu, dass Sie sich so viel mit Fußball beschäftigen?

Delling: Meine Frau wäre froh, wenn ich mich noch mehr mit Fußball beschäftigen würde - und zwar aktiv. Um fit zu bleiben.

Beckmann: Ich gehe mit meiner Frau ab und zu zum FC St. Pauli. Sie glauben nicht, wie weh das tun kann. Wir reden auch wieder viel mehr über Fußball, es ist ein bisschen wie früher. Außerdem gibt es neue Erfahrungen mit meinem kleinen Sohn. Als wir jetzt im Urlaub in Frankreich ein "Kicker"-Sonderheft am Kiosk sahen, zogen sich Vater und Sohn verschwörerisch zurück. Und dann haben wir die Bundesliga-Stecktabelle rausgetrennt. Mein Sohn hat Bayern schon mal zum Meister gemacht ...

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