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Steueraffäre: Uli Hoeneß setzt auf Solidarität des FC Bayern

Steuersünder Uli Hoeneß erzählt in einem Interview, wie schlecht man sich als ertappter Steuersünder fühlt. Präsident des FC Bayern werde er bleiben. Hoeneß setzt darauf, dass der Verein zu ihm hält.

Ein reumütiger Uli Hoeneß hat sich erstmals umfangreich zu seiner Steueraffäre geäußert. Zwar schließt er einen Rücktritt von seinen Ämtern beim FC Bayern München nicht mehr aus. Er hofft aber, dass es nicht so weit kommt und er einstweilen bei den Münchnern so weitermachen kann wie bisher.

"Wenn ich das Gefühl habe, dass meine Person dem Verein schadet, werde ich Konsequenzen ziehen“, sagte der Präsident und Aufsichtsratsvorsitzende im Interview der heute erscheinenden Wochenzeitung "Die Zeit". Allerdings rechne er nicht damit, dass ihm das Kontrollgremium des FC Bayern nahelegen werde, die Ämter zumindest bis zur Klärung der Sache ruhen zu lassen. "Aus heutiger Sicht nein, aber ich kann die Entwicklung der nächsten Tage nicht voraussehen", sagte er.

Der neunköpfige Aufsichtsrat tagt am kommenden Montag in München. "Das ist eine Entscheidung, die nur Uli Hoeneß gemeinsam mit dem Aufsichtsrat fällen kann", sagte Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge der "Bild am Feiertag".

Hoeneß wies auch darauf hin, dass der Verein sportlich und wirtschaftlich so gut dastehe wie nie zuvor. Daran habe er selbst einen großen Anteil. „Auf keinen Fall werde ich vor dem Finale der Champions League zurücktreten", sagte er.

Die vergangenen Tage, als sich sein öffentliches Bild vom mächtigen Bayern-Patriarchen mit Herz zum Steuersünder und Buhmann gewandelt hatte, haben dem Vereinspatron des deutschen Fußball-Rekordmeisters jedenfalls schwer zu schaffen gemacht. "Es ist eine Situation, die kaum auszuhalten ist", sagte Hoeneß. Voller verbaler Reue bekennt sich der 61-Jährige zu seinen Börsen-Zockereien und schließt auch ein Gerichtsverfahren nicht aus. Seinen FC Bayern aber nimmt er gegen jeden Verdacht in Schutz.

Rüge vom Bundespräsidenten

Seit dem 20. April steht Hoeneß durch das Bekanntwerden seiner Selbstanzeige im Zentrum eines öffentlichen Sturms. "Wer Steuern hinterzieht, verhält sich verantwortungslos oder gar asozial", sagte Bundespräsident Joachim Gauck dem stern. Zum Fall Hoeneß sagte Gauck in dem Interview: "In unserem Land darf es in rechtlichen und moralischen Fragen nicht zweierlei Standards geben, einen für die Starken und einen für die Schwachen. Niemand darf selbst entscheiden, ob er Steuern zahlt oder nicht."

Hoeneß will für seine "große Torheit", wie er sie nennt, einstehen und sie "so gut wie möglich korrigieren", versicherte er in der "Zeit". "Ich habe Riesenmist gebaut, aber ich bin kein schlechter Mensch", beteuerte er.

Eigentlich sei er davon ausgegangen, keine Strafverfolgung befürchten zu müssen. Am 20. März habe jedoch morgens um sieben Uhr die Staatsanwaltschaft an der Tür seines Hauses am Tegernsee geklingelt. "Da begann die Hölle für mich", sagte Hoeneß. Gegen ihn lag sogar ein Haftbefehl vor, der aber gegen die Zahlung einer Kaution in Millionenhöhe außer Vollzug gesetzt wurde.

Verbindungen seines Schweizer Kontos zum FC Bayern bestritt der Weltmeister von 1974. "Dieses Konto war ganz allein Uli Hoeneß", sagte er. Auch die Vereinsspitze hatte stets von einer Privatangelegenheit gesprochen und Hoeneß den Rücken gestärkt. Einen Rücktritt als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender hatte Hoeneß bislang abgelehnt.

Hoeneß räumte ein, mit seiner plötzlichen Rolle am öffentlichen Pranger ein "großes Problem" zu haben. "Ich fühlte mich in diesen Tagen auf die andere Seite der Gesellschaft katapultiert, ich gehöre nicht mehr dazu", sagte er.

Er schlafe schlecht

Nachts schlafe er schlecht. "Ich wälze mich und wälze mich. Und dann wälze ich mich nochmal. Und denke nach, denke nach und verzweifle", verriet Hoeneß. "Ich denke Tag und Nacht an meinen Fehler und an das, was ich meiner Familie angetan habe. Ich kann diesen Gedanken nicht zulassen", fügte er hinzu.

Trotz des Wirbels trat Hoeneß die Reise nach Barcelona zum Rückspiel im Champions-League-Halbfinale an. Sein Verein schickte sich an, mit dem Triple in dieser Saison das Lebenswerk von Hoeneß zu krönen, doch genießen kann das Cluboberhaupt diese sportlich so glanzvollen Tage kaum. Sogar eine Anklage kalkuliert er offenbar ein. "Sollte ich vor Gericht müssen, erscheine ich dort nicht als kranker Mann", sagte Hoeneß mit Bezug auf sein Millionenspiel an den Finanzmärkten.

Erstmals gab er detaillierte Einblicke in seine Spekulationen an der Börse. "In den Jahren 2002 bis 2006 habe ich richtig gezockt, ich habe teilweise Tag und Nacht gehandelt, das waren Summen, die für mich heute auch schwer zu begreifen sind, diese Beträge waren schon teilweise extrem. Das war der Kick, das pure Adrenalin", sagte Hoeneß. Nach dem Platzen der Internetblase am Finanzmarkt habe er schwere Verluste eingefahren und sei "richtig klamm" gewesen.

Der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus habe ihn mit Geld unterstützt. "So kamen die Millionen auf das Konto, es war immer klar, das war ein Konto zum Zocken, für nichts anderes", sagte Hoeneß. Der Adidas-Konzern hatte in der Vorwoche einen Zusammenhang zwischen den privaten Finanzspritzen von Louis-Dreyfus für Hoeneß und den Verhandlungen über eine strategische Partnerschaft des Unternehmens mit dem Club im Jahr 2001 dementiert.

Für krank hält er sich aber nicht

Er halte sich nicht für krank, versicherte Hoeneß. "Ein paar Jahre lang war ich wohl nah dran. Aber inzwischen halte ich mich für kuriert", sagte der frühere Nationalspieler. Er sei "nicht mehr so wie früher auf der ständigen Suche nach dem großen Kick", sagte er.

Die spektakuläre Hoeneß-Affäre hatte auch die politische Debatte um das Thema Steuerhinterziehung neu entfacht. Koalition und Opposition werfen sich gegenseitig Versagen im Kampf gegen Steuerbetrug vor. Diskutiert wird über ein Ende der Straffreiheit per Selbstanzeige und mögliche Strafverschärfungen. Bundespräsident Gauck plädierte dafür, grundsätzlich darüber nachzudenken, "ob nicht auch strengere Gesetze nötig sind, die aus einer fragwürdigen Handlung einen Straftatbestand machen". Was sich keineswegs ausbreiten dürfe, sei das Gefühl: Wer nicht trickst, ist selbst schuld. "Dieses Gefühl gefährdet unsere Demokratie."

Die Bundeskanzlerin war schon kurz nach Bekanntwerden des Falls Hoeneß auf Distanz zum Bayern-Präsidenten gegangen und hatte sich über ihren Sprecher "enttäuscht" vom Sportfunktionär gezeigt. "Ich würde mir wünschen, dass ich irgendwann die Gelegenheit bekäme, der Bundeskanzlerin in einem persönlichen Gespräch zu erklären, wie es so weit kommen konnte, der ganze Mist", sagte Hoeneß nun.

anb/DPA / DPA

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