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Teamcheck: Showdown an der Elbe

Wenn am Sonnabend um 15.30 Uhr in der AOL-Arena der alte Schlager zwischen dem HSV und Werder angepfiffen wird, dann hält der Norden den Atem an. Nie war das Derby brisanter, nie war die Tragweite größer. stern.de hat den Teamcheck gemacht.

Von Klaus Bellstedt

Torwart

Sascha Kirschstein (HSV)

"Kirsche", wie er im Team genannt wird, hat die etatmäßige Nummer eins Stefan Wächter aus dem HSV-Tor verdrängt. Das allein spricht für ihn. Und was noch? Nicht viel! Bei dem jungen Keeper wechseln sich zu oft noch Genie und Wahnsinn ab, mal hält er Weltklasse (wie beim 1:0-Sieg in Köln, mal Kreisklasse (wie zuletzt beim 2:4 in Berlin). Verbal haut Kirschstein schon mal forsch einen raus. Das passt irgendwie nicht, dafür müsste seine Leistung konstanter sein.

Tim Wiese (Werder)

Der Mann mit dem rosa "Miss-Piggy"-Trikot profitierte von der schweren Verletzung seines Rivalen Andreas Reinke. Könnte Reinke spielen, wäre Wiese zumindest in dieser Saison nur die Nummer zwei. Was für die Grün-Weißen vielleicht auch besser gewesen wäre. Man erinnere sich nur an seinen schlimmen Patzer gegen Turin. Wiese gehört ohne Zweifel zu den Talentiertesten seiner Zunft, ihm gehört die Zukunft. Auf der Linie glänzt der Kölsche Jung regelmäßig mit Weltklasse-Reflexen, in der Strafraumbeherrschung und Ballbehandlung offenbart er dagegen immer wieder eklatante Schwächen - siehe Kirschstein. An übersteigertem Selbstbewusstsein mangelt es auch Wiese nicht. Im Team wird das nicht gerne gesehen.

Fazit: Unentschieden

Abwehr


Khalid Boulahrouz/Daniel van Buyten (HSV)

Ein stärkeres Innenverteidiger-Duo gibt es nicht in der Bundesliga. Die beiden räumen am Boden und in der Luft fast alles weg. Nur 28 Gegentore kassierte die beste Abwehr der Liga, rekordverdächtig. Wenn da nur nicht die Verletzungsanfälligkeit des Paares Boulahrouz/van Buyten wäre. Fehlende Spritzigkeit in Folge mangelnder Spielpraxis. Wenn es überhaupt etwas zu kritisieren gibt, dann das. In Berlin wurde der gerade genesene van Buyten für den "Kannibalen" Boulahrouz eingewechselt. Gegen Werder können beide auflaufen. Trotzdem stellt sich die Frage: Reicht die Luft für 90 Minuten Nordderby?

Frank Fahrenhorst/Naldo (Werder)

Der einstige Unsicherheitsfaktor Frank Fahrenhorst hat sich in die Mannschaft gespielt. Das sagt einiges über das Defensiv-Potenzial der Bremer aus. Aber eines muss man dem Ex-Bochumer bescheinigen: Er hat sich irgendwie festgebissen und in der Rückrunde seine Form deutlich steigern können. Man höre und staune: Werders Hintermannschaft hat in der zweiten Serie die wenigsten Gegentore kassiert. Das liegt vor allem auch an Naldo. Der junge Brasilianer zeigt immer öfter seine Klasse, vor allem im Eins-gegen-Eins. Und: Naldo braucht wenig Fouls, hat dafür aber immer einen Klops auf Lager.

Fazit: Vorteil HSV

Mittelfeld


David Jarolim/Piotr Trochowski (HSV)

David Jarolim ist beim HSV der Dauerbrenner der Saison. Nur Barbarez und Trochowski haben bei den "Rothosen" mehr Einsätze zu verzeichnen. Der tschechische Giftzwerg zählt zu den zweikampfstärksten Spielern der Liga, teilt gerne aus (schon neun Verwarnungen), kriegt aber auch selber regelmäßig auf die Socken. Echte Torgefahr strahlt Jarolim, der zu den wichtigsten Männern in Thomas Dolls System zählt, viel zu selten aus. Ganz anders Piotr Trochowski: Der Van-der-Vaart-Ersatz hat in dieser Saison fünfmal getroffen, vier Tore bereitete der gebürtige Pole und Ex-Bayer schon vor. Sein platzierter Schuss ist beim Gegner gefürchtet. Trochowski interpretiert die Spielmacher-Rolle anders als der Rafael van der Vaart, verfügt sicher auch nicht über die Klasse des verletzten Holländers. Und dennoch: Der Mann kann Spiele entscheiden.

Torsten Frings/Tim Borowski

Mit einem Kicker-Notendurchschnitt von 2,9 verfügt Torsten Frings hinter seinem Teamkollegen Miro Klose über den zweitbesten Notendurchschnitt der Liga. Nach einem zu spät diagnostizierten Wadenbeinbruch fehlte der Nationalspieler Werder lange - und nähert sich nach seinem Comeback und nur zwei Matches schon wieder seiner Bestform. Der "Lutscher" hat sich in Bremen zu einem echten Leader entwickelt, der das Team jederzeit aufrüttelt und mitreißen kann. In der Beziehung ist Frings sicher weiter als Tim Borowski. Aber auch der große Blonde hat Führungsqualitäten. Rechtzeitig auf der Zielgerade einer langen Saison hat Borowski zudem seine überragende Form aus der Hinrunde wieder gefunden. Die zuletzt so starke Vorstellung gegen den 1. FC Köln (zwei Tore), als er die Position des gesperrten Micouds übernahm, macht Werder auch für die Zukunft Hoffnung.

Fazit: Vorteil Werder

Sturm


Sergej Barbarez/Ailton

Topscorer beim HSV und doch will man ihn loswerden: An Sergej Barbarez scheiden sich die Geister. Nicht mal Rafael van der Vaart hat bei den Hamburgern mehr Gefühl im Fuß als der launige Bosnier, der zeitweise das Fußballspielen gänzlich einstellt, um kurze Zeit später seine Mitspieler wieder mit genialen Pässen auf die Reise zu schicken. Was die Hamburger an Barbarez wirklich haben, werden sie sehen, wenn er weg ist. Er und Sturmpartner Ailton scheinen sich beim HSV gesucht und gefunden zu haben. Wenn vielleicht auch nur für eine halbe Saison. Denn es sieht nicht danach aus, als würde der befristete Vertrag des Brasilianers verlängert werden. Drei Tore stehen auf der Habenseite zu Buche. Zu wenig für einen wie Ailton. Klar, "Toni" ist auf den ersten Metern immer noch schnell, seine Schusstechnik einzigartig, aber: Der Stürmer hat seine beste Zeit längst hinter sich - vor zwei Jahren bei Werder.

Miroslav Klose/Ivan Klasnic

Der K&K-Sturm stellt alle anderen Sturmreihen in der Bundesliga deutlich in den Schatten. Zusammen trafen die beiden 38 Mal. Über Miro Klose muss man derzeit nicht viel sagen. Der designierte Torschützenkönig ist vielleicht der einzige deutsche Spieler mit Weltklasseformat. Klose ist rechtzeitig vor Beginn der WM in der Form seines Lebens, keine Frage. Eigentlich müsste Nelson Valdez anstelle von Ivan Klasnic genannt werden. Der Paraguayo wurde Klasnic zuletzt regelmäßig vorgezogen - ohne wirklich zu überzeugen. Gegen Köln spielte sich der eingewechselte Klasnic mit einem Doppelpack rechtzeitig vor dem Derby wieder ins Team. Am gebürtigen Hamburger (!!!) geht im Endspiel gegen den HSV kein Weg dran vorbei. Das weiß auch Thomas Schaaf.

Fazit: Vorteil Werder

Die Bremer gehen also mit einem hauchdünnen Vorsprung in das 84. Nordderby. Wer die direkte Teilnahme an der Champions League dann wirklich schafft, darüber entscheidet auch die Tagesform. Sonnabend um 17.20 Uhr wissen wir alle mehr.

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