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U21-Nationalmannschaft: Ein bunt gemischter Haufen

Die deutsche U21-Nationalmannschaft ist ein echtes Vielvölkergemisch. Elf Spieler des 23-köpfigen Kaders haben einen Migrationshintergrund. Aber für die jungen Profis ist das kein besonderes Thema. Sie wollen Erfolg.

Jermaine Jones ließ seinen ganzen Frust in einem Interview raus. Bundestrainer Joachim Löw hatte ihn zuletzt nicht mehr in die A-Nationalmannschaft berufen und deshalb wütete der Schalker Mittelfeldspieler, dass die Deutschen ihn grundsätzlich nicht mögen würden, weil er "nicht blond" sei und "keine blauen Augen" habe. Außerdem würden seine Tätowierungen anderen aufstoßen, sagte Jones.

Das Problem an dem verbalen Rundumschlag: Der Sohn einer Deutschen und eines amrikanischen Soldaten ist wohl der Einzige in Fußball-Deutschland, der die Lage so beurteilt, und mit dem "Blond-und-blaue-Augen"-Klischee um sich wirft. Gerade in diesen Tagen fällt es leicht, den verständlicherweise frustrierten Heißsporn zu widerlegen.

Multi-Kulti-Formation

Man braucht nur einen Blick zur U21-EM nach Schweden zu werfen: Die Hälfte des 23-köpfigen Kaders hat einen Migrationhintergrund. Im Auftaktspiel gegen Spanien standen davon neun in der Startformation. Die Nachwuchs-Nationalmannschaft ist eine Multi-Kulti-Formation par excellence. "Das zeigt, welch integrativen Charakter der Fußball hat. Es ist auch schön zu sehen, wie diese Spieler sich für Deutschland einsetzen. Die deutsche Nationalmannschaft soll für sie ein zu Hause sein", sagte Nationalteam-Manager Oliver Bierhoff beim Besuch in Schweden.

Wenn Sebastian Boenisch nicht wegen einer Bänderdehnung verletzt ausfallen würde, liefen gegen die Finnen wieder neun Spieler auf, die ihre Wurzeln nur zum Teil in Deutschland haben. Boenisch wird durch den deutschstämmigen Marcel Schmelzer ersetzt. Boenisch stammt wie Lukas Podolski und Miroslav Klose aus Polen. Deshalb wollte ihn der polnische Nationaltrainer Leo Beenhakker (stammt aus Holland und hat graue Haare), für die polnische Nationalmannschaft abwerben. Boenisch erteilte ihm eine Absage.

Ähnlich lag der Fall bei Mesut Özil. Der Deutschtürke aus Gelsenkirchen musste sich vor ein paar Monaten entscheiden, ob er für die deutsche oder die türkische Nationalmannschaft spielen möchte. Özil entschied sich für das Land, in dem er aufgewachsen ist. Tunesische Wurzeln hat der Kapitän der U21, Sami Khedira. Für den Sohn einer deutschen Mutter und eines tunesischen Vaters stand nie zur Debatte, für welches Land er spielt. "Ich habe mich trotz Anfragen aus Tunesien schon sehr früh entschieden. Und auch mein Vater ist stolz darauf, dass ich für Deutschland spiele", sagte der gebürtige Stuttgarter.

Es gibt auch Beschwerden

Es gibt natürlich Menschen, die sich mit so einem bunt gemischten Haufen schwer tun. Bierhoff berichtet von Briefen an den DFB, in denen sich Leute beschweren, dass viele Spieler der U21 die Nationalhymne nicht mitsingen. Man könne es "eben nicht allen recht machen", sagt der Teammanager. "Manche Leute beschweren sich auch über die Frisuren der Spieler."

Dennis Aogo vom Hamburger SV findet dieses Thema überbewertet. "Es gibt Spieler, denen gibt es viel, wenn sie vorher die Hymne singen, anderen nicht. Und sie denken sich auch nichts dabei. Ich bin trotzdem stolz, für Deutschland zu spielen." Der DFB schreibt seinen jungen Kickern jedenfalls nicht vor, die Hymne mitzusingen. "Das ist eine ganz persönliche Sache. Einige Spieler haben auch ein Verhältnis zu dem Land ihrer Eltern", betonte Bierhoff.

Auch sportlich können sich die unterschiedlichen Einflüsse durchaus positiv auswirken. "Die jungen Spieler haben andere Charaktere, andere Spielweisen und Philosophien. Das bereichert uns und macht uns stark. Wichtig ist, dass es mit den deutschen Spielern harmoniert", meinte Bierhoff.

Für die jungen Profis ist es kein besonderes Thema, ob einer in Magdeburg oder Gliwice geboren wurde. Torhüter Manuel Neuer, neben seinem Schalker Vereinskameraden Benedikt Höwedes einziger Deutscher in der Start-Aufstellung zum Turnierauftakt, empfindet diese Entwicklung als völlig normal. "Ich bin ein Ruhrgebiets-Kind und kenne das schon aus der Schule." Schließlich gebe es doch keine Kommunikationsprobleme. "Wir können uns verständigen, die können doch alle ausreichend deutsch".

Tim Schulze mit Agenturen

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