Was meinen Strunz? Hochexplosives Gemisch


Während Werder in der Königsklasse wieder auf Kurs ist, stürzt der Deutsche Meister immer tiefer in die Krise. Beim VfB Stuttgart braut sich was zusammen, meint stern.de-Experte Thomas Strunz. Und dann wäre da noch der Auftritt von Schalkes Torwart Manuel Neuer...

Stuttgart hat sich mit einer 0:2 Niederlage wohl endgültig aus der Champions League verabschiedet. Nach drei von sechs Spieltagen... mein Gott. Gegen den französischen Serien-Meister Olympique Lyon schafften es die Schwaben über die gesamten 90 Minuten nicht, eine richtige Torchance herauszuspielen.

Völlig verunsichert und nervös, ohne Torgefahr und Dynamik präsentierte sich der VfB als Schatten seiner selbst. Viele kleine und große Probleme führen zu einer bedenklichen Talfahrt meines Ex-Clubs und zu einer Situation, die ich mittlerweile als sehr kritisch einschätze. Der Meistertitel der vergangenen Saison scheint für viele Spieler eine riesige Belastung darzustellen. Junge Spieler wie Mario Gomez, der von den deutschen Sport-Journalisten zum Fußballer des Jahres 2007 gewählt wurde, Roberto Hilbert, der aus der 2. Liga aus Fürth zu den Schwaben kam, oder ein Serdar Tasci, der aus der eigenen Jugend zu den Profis kam, befinden sich in einem tiefen Leistungsloch.

Dazu kommt: Verletzte Größen aus der Vorsaison wie Hitzlsperger und Delpierre sind nicht zu ersetzen. Und von den teueren Neuzugängen Marica, Ewerthon, Bastürk oder Schäfer hat sich noch keiner als echte Verstärkung aufgedrängt. All das, zusammengemixt mit der durch den Meister-Titel gestiegenen öffentlichen Wahrnehmung und Erwartungshaltung ergibt ein hochexplosives Gemisch, das in dieser Form dauerhaft nicht mehr zu kontrollieren ist. Das Umfeld im Schwabenland ist sehr unruhig. Das weiß ich noch aus meiner eigenen Zeit in Stuttgart, als ich mit Daum, Röber und Sundermann drei Trainer in drei Jahren "genießen" durfte. Der mächtige Aufsichtsrats-Vorsitzende Dieter Hundt und auch Präsident Erwin Staudt werden nicht mehr lange zusehen, wie sich der VfB Stuttgart im freien Fall befindet. Das Team von Trainer Armin Veh muss am Wochenende eine Reaktion zeigen und drei Punkte holen, egal wie. Sollte das nicht gelingen, kommen schwere Herbststürme auf alle Beteiligten zu. Da bin ich sicher.

Befreiungsschlag von Werder Bremen?

Werder Bremen ist dagegen mit der Drucksituation sehr gut klargekommen. Sie mussten gewinnen und sie taten es auch. Das hatte ich am Montagabend im DSF gemeinsam mit Werder Co-Trainer Wolfgang Rolff genauso vorhergesagt. Gegen den italienischen Vertreter Lazio Rom siegte die Mannschaft von Thomas Schaaf absolut verdient. Einzig gegen Ende - nach dem Anschlusstreffer der Römer - merkte man Werder den Druck, der auf ihnen lastete, an. Doch anders als Meister Stuttgart zeigten die Jungs aus dem hohen Norden von Anfang an, dass sie dieses Spiel gewinnen wollten. Genauso muss man als Team auftreten. Werder Bremen ist für mich wieder voll im Rennen um den zweiten Platz in ihrer Gruppe, denn durch den Sieg von Gruppenfavorit Real Madrid gegen Piräus beträgt der Rückstand der Grün-Weißen auf die Griechen nur einen Punkt.

Was ebenfalls Hoffnung macht, ist die ansteigende Formkurve des gesamten Kaders, insbesondere aber der ehemals Verletzten wie Torsten Frings, Tim Borowski oder Clemens Fritz. Auch der anfängliche Klose-Schatten im Sturm ist verflogen. Neuzugang Sanogo trifft beständig, und mit Hugo Almeida hat sich ein Sturmpartner etabliert, der ebenfalls sehr torgefährlich und erfolgreich ist. So ist das Erreichen des Achtelfinales für Werder jetzt wieder möglich. Und auch in der Liga kann Bremen den Bayern durchaus noch gefährlich werden.

Was ist mit Neuer los?

Unser dritter Vertreter der Bundesliga, Vize-Meister FC Schalke 04, hatte die schwierige Aufgabe beim Team des russischen Milliardärs Roman Abramovich, dem FC Chelsea, anzutreten. Wegen der Auftaktniederlage gegen Valencia musste man eigentlich an der Stamford Bridge etwas holen. Und was passierte? Wie schon gegen Rostock, so patzte der sonst so souveräne Schalke Torwart Manuel Neuer erneut. Neuer ließ einen harmlosen Schuss zu Beginn des Spiels durch die Hosenträger rutschen. Das war der Anfang vom Ende. Ich kenn die Situation von Manuel Neuer noch aus eigener Erfahrung, auch wenn es schon länger her ist. Zunächst kann man nur gewinnen, man spielt unbeschwert auf und wächst teilweise über sich hinaus. Diese Leistung im zweiten Jahr zu bestätigen ist viel schwieriger als man denkt, denn plötzlich hat man als Spieler etwas zu verlieren. Zuschauer und Fans sehen einen anders, die Menschen achten mehr auf dich, gute Spiele werden als Normalität hingenommen und Fehler sehr viel kritischer betrachtet. Durch diese harte Schule des Misserfolgs muss jeder Spieler gehen, der weiterkommen will.

Manuel Neuer hat natürlich alle Qualitäten, die ein hervorragender Torwart für sein Spiel braucht. Jetzt aber ist die Psyche gefordert. Ist seine mentale Kraft schon stark genug? Wenn er dem Druck der kommenden Wochen standhält - die Medien werden ihn jetzt immer präziser in die Schusslinie rücken - wird er gestärkt aus dieser nicht einfachen Situation herauskommen. Mein Tipp: Er muss sich jetzt auf sein einfaches Spiel besinnen. Den Ball lieber einmal mehr fausten als fangen, ihn einmal länger festhalten, als das Spiel schnell machen zu wollen. So bekommt man wieder die Sicherheit zurück. Eine einmalige Super-Aktion reicht da nicht aus. Der Fokus der Öffentlichkeit wird durch eine einmalige Aktion oder ein einmalig gutes Spiel nicht verschwinden. Dauerhaft gutes Spiel ist jetzt für ihn wichtig, ruhige Ausstrahlung und solide Verlässlichkeit für das Team. Die nächsten Spiele werden zeigen, wie er mit der Situation umgeht.

Die Schalker Mannschaft hat es in ihrer Gruppe trotz der Niederlage immer noch selbst in der Hand weiterzukommen, denn das Überraschungs-Team aus Norwegen, Rosenborg Trondheim hat mit dem Sieg gegen Valencia den FC Schalke noch im Rennen gehalten. Dennoch glaube ich, dass im nächsten Heimspiel gegen Chelsea gepunktet werden muss, um die Gruppenphase zu überstehen. Und das wird schwer genug.

Als Gesamtfazit nach der Hälfte der Gruppenspiele muss man leider sagen, dass unsere deutschen Teams mit sieben Niederlagen in neun Spielen deutlich hinter den Erwartungen geblieben sind. Doch noch sind weitere neun Spiele zu absolvieren, in denen diese Bilanz aufgewertet werden kann - und muss. Es bleibt also spannend.


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