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WM 2006: Todesfalle Fußballstadion

Fehlende Fluchttore, zu kurze und zu steile Treppen sowie massive Bedenken beim Brandschutz: Fünf Monate vor Beginn der WM hat die Stiftung Warentest Gefahrenpotenzial in allen zwölf deutschen WM-Stadien angeprangert.

Vier Arenen weisen sogar "erhebliche Sicherheitsmängel" auf. Einige könnten im Fall einer Massenpanik zur tödlichen Falle für die Zuschauer werden, heißt es in der am Dienstag veröffentlichten Studie. "Ich denke, die WM kann stattfinden. Aber es muss noch einiges passieren, damit wir ein guter Gastgeber sind", sagte Hubertus Primus, Chefredakteur der Zeitschrift "Test" in Berlin.

Dort wurde die mit Spannung erwartete Studie vor rund 100 Journalisten und einem Dutzend Kamera-Teams vorgestellt.

Besonders stark herabgestuft wurden vier Arenen: Das Berliner Olympiastadion, in dem am 9. Juli das Finale stattfinden wird, die Veltins-Arena in Gelsenkirchen und das Zentralstadion in Leipzig haben laut Untersuchung "erhebliche" Bau-Mängel, weil die Zuschauer wegen fehlender Fluchttore im Notfall nicht auf das Spielfeld laufen können. Durch drängende Menschen könne "innerhalb kürzester Zeit ein so hoher Staudruck entstehen, dass sogar eisenarmierte Betonmauern nachgeben", hieß es. Das Fritz-Walter Stadion in Kaiserslautern habe "erhebliche Mängel" beim Brandschutz.

Beckenbauer übt heftige Kritik

Acht Arenen haben laut der Studie "erhebliche" oder "deutliche" Sicherheitsmängel. Damit entsprechen zwei Drittel der WM-Stadien aus Sicht der Stiftung nicht den Sicherheits-Richtlinien des Fußball-Weltverbandes Fifa - obwohl die Spielstätten für rund 1,4 Milliarden Euro neu- oder umgebaut wurden. "Wir haben uns schon gefragt, warum so eine technische Realisierung von baulicher Seite abgenommen worden ist", sagte Holger Brackemann von der Abteilung Produkttests.

WM-OK-Chef Franz Beckenbauer hatte schon vor der Veröffentlichung heftigste Kritik an der Studie geäußert. "Also ganz ehrlich, mir reicht’s jetzt mit diesem Heer der Besserwisser und Wichtigtuer, die sich über die WM profilieren wollen", sagte der Präsident des deutschen Organisationskomitees in einem Interview mit der Bild-Zeitung.

Unüberwindbare Betonmauer in Leipzig

Mit "solchen Nörgeleien" hätte Deutschland vor sechs Jahren die WM nie bekommen. "Manchmal fragt man sich: Wozu machen wir das eigentlich? Die Stiftung Warentest kennt sich vielleicht mit Gesichtscreme, Olivenöl und Staubsaugern aus. Dabei sollen sie bleiben", sagte Beckenbauer, der sich gegenwärtig zu Sponsorenterminen in Südafrika aufhält. Die Stiftung wolle doch nur Werbung für sich machen und zeigen: " 'Schaut her, wir sind wichtig.' Sind sie aber nicht!"

Auch nach dem Umbau des Berliner Olympiastadions klaffe um die Spielfläche ein fast drei Meter tiefer, unüberwindbarer Graben, hieß es in dem Testbericht. Auch im Zentralstadion in Leipzig könnten sich die Zuschauer im Notfall kaum auf das Spielfeld retten, da sie eine Betonmauer überwinden und dann mehr als drei Meter in die Tiefe springen müssten. In der Veltins-Arena gebe es eine Lücke zwischen herausfahrbarer Rasenschublade und unterer Rangabgrenzung, hieß es in der Studie.

"Überrascht über den Umfang der Mängelliste"

Bei den Stadien in Hamburg, Frankfurt/Main, Dortmund und Stuttgart stellten die Tester "deutliche Mängel" fest. Hier wurden fehlende Fluchtwege, Stolpergefahren, und unzureichender Brandschutz kritisiert. Die steilen, kurzen Treppen in Frankfurt bezeichnete Tester Brackemann als "Hühnerleiter". Die Stadien in Hannover, Nürnberg, Köln und München hätten nur "geringe Mängel" im Brandschutz wie zu steile Wege für die Feuerwehr.

Der Sportausschuss des Bundestages will sich bereits in der kommenden Woche mit den Ergebnissen beschäftigen. Der Ausschuss-Vorsitzende Peter Danckert forderte, es müsse alles unternommen werden, um die Stadien nachzubessern. "Ich bin überrascht über den Umfang der Mängelliste, das habe ich so nicht erwartet", sagte der SPD-Politiker.

Gefahr durch Massenpanik

Die Stiftung Warentest zeigte sich überrascht über die Kritik vom WM-OK, das am Dienstagnachmittag zu einer Pressekonferenz einlud. Dort wollte sich auch die Deutsche Fußball-Liga äußern. Ab Ende Januar stehen wieder Bundesliga-Spiele in den als bedenklich eingestuften Stadien an. Das WM-OK habe im Vorfeld der Studie ebenso wie die Stadienbetreiber konstruktiv mitgearbeitet. Sechs bis acht Stunden sei pro Stadion getestet worden. An der Prüfung waren neben Stiftungsmitarbeitern, ein Ingenieurbüro und auch die Stadionbetreiber beteiligt.

Die Wahrscheinlichkeit einer Massenpanik sei zwar gering, doch Fußball-Stadien gehören laut Stiftung zu den gefährlichsten Versammlungsstätten. Weltweit kam es dort seit dem 2. Weltkrieg zu mehr als 60 schweren Unfällen mit 1500 Toten.

DPA

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