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Bordell-Flaute: "Hoffentlich ist die WM bald vorbei"

Millionen Menschen werden traurig sein, wenn am 9. Juli die WM ein Ende findet. Doch ganz anders die Stimmung in den Bordellen Deutschlands: Hier herrschte während des Turniers tote Hose. Positiv ist allerdings: Auch die Zwangsprostitution stieg nicht an.

Wenn es nach dem schwedischen Ombudsmann für Gleichstellung gegangen wäre, hätte es das WM-Achtelfinalspiel Deutschland gegen Schweden gar nicht gegeben. Denn Claes Borgström hatte vor der WM gefordert, dass das schwedische Team aus Protest gegen den erwarteten Anstieg von Zwangsprostitution während des Turniers auf eine Teilnahme verzichten sollte. Im US-Repräsentantenhaus hatte sich ein ganzer Ausschuss des Themas angenommen, das Außenministerium hatte der Bundesregierung vorgeworfen, nicht genug gegen Prostitution und Menschenhandel während der WM zu unternehmen.

Nach bisherigen Erkenntnissen haben sich die Befürchtungen allerdings nicht bewahrheitet. "Fußball und Bier passen vielleicht gut zusammen - Fußball und Prostitution sind offenbar eine weniger gute Kombination gewesen", sagt ein Sprecher der Kölner Polizei. Das von einigen erhoffte Geschäft habe es nicht gegeben - vielmehr habe man den Eindruck gehabt, "dass die Damen sich gelangweilt haben".

"Gähnende Leere" in den Bordells

Eine ähnliche Bilanz zieht die Polizei in München: Verglichen mit dem Großereignis Oktoberfest sei die WM als Anziehungspunkt für Freier überschätzt worden, erklärt Peter Breitner, Leiter des Dezernats für Organisierte Kriminalität, Menschenhandel und Zuhälterei. "Viele Touristen aus aller Welt sind mit ihren Familien nach Deutschland gereist und kommen nicht hierher, um in München ein Bordell zu besuchen." Am Anfang habe sich das Rotlichtgewerbe große Hoffnungen gemacht, zahlreiche Prostituierte seien zum Spielort München gekommen. "Wir haben zu WM-Beginn einen Anstieg von 50 bis 60 Prozent registriert; statt normalerweise 500 bis 600 hatten wir rund 800 Prostituierte in München", sagt Breitner. "Alle Zimmer waren voll belegt."

Tatsächlich sei die WM in Münchens Bordellen aber kein gutes Geschäft gewesen: Überall habe er gehört: "Hoffentlich ist die WM bald vorbei", berichtet der Chefermittler. Vor allem während der Spiele habe in den Bordellen "gähnende Leere" geherrscht - die meisten Frauen seien deshalb wieder nach Hause gereist.

Kontrollen mit angeblichen Freiern

In der WM-Stadt Hannover machte man ähnliche Erfahrungen wie bei der Weltausstellung Expo 2000: Befürchtungen, die Prostitution könne rapide anwachsen, hätten sich als unbegründet erwiesen, sagt Polizeipräsident Hans-Dieter Klosa. Im Spielort Kaiserslautern beschäftigte sich eine spezielle Arbeitsgruppe mit dem Thema, die keinerlei Erkenntnisse hat, dass es mehr Prostitution gab. Auch in Leipzig weiß die Polizei aus Befragungen, dass Prostituierte und Bordelle weniger Ansturm als erwartet verzeichneten. Der Nachfragemangel sei offenbar darauf zurückzuführen, dass viele Fans in weiblicher Begleitung angereist seien. Selbst die Polizei in Berlin hat nach Angaben eines Sprechers "keine Erkenntnisse über signifikante Steigerungen der Prostititution". Die Vorhersagen in den Medien über große Steigerungsraten seien nicht eingetreten: "Das hat eben doch mehr in den Medien als im wirklichen Leben stattgefunden." Im Klub "Artemis" in der Nähe des Stadiums rechnete man mit 500 Kunden pro Tag - die tatsächliche Zahl lag bei etwa der Hälfte.

Während in Berlin und anderen Städten die Polizeikontrollen im üblichen Rahmen stattfanden, wurden in München die Maßnahmen ausgedehnt: Die Beamten verstärkten nicht nur während der WM erheblich die Zahl ihrer Kontrollen, sondern auch seit Monaten ihre Maßnahmen gegen Zwangsprostitution: "Wir waren im Vorfeld der WM in jedem Münchner Hotel und haben die Hoteliers angesprochen, auf was sie aufpassen müssen", berichtet Breitner. Manchmal lasse sich Zwangsprostitution erkennen, etwa wenn Frauen von anderen Männern zum Freier gebracht würden. "Die Reaktion in den Hotels war überraschend positiv, schließlich handelt es sich ja um Gäste", sagt Breitner. "Wir haben teilweise regelrechte Personalschulungen durchgeführt."

Höhere Aufmerksamkeit für Thema Zwangsprostitution

In anderen Fällen mieteten sich Beamte auf der Suche nach möglichen Zwangsprostituierten auch als Scheinfreier in den Hotels ein und werteten Zeitungsinserate und das Internet aus: "Wenn da jemand neu auftaucht, setzen wir beispielsweise unsere Scheinfreier ein." Während der WM seien insgesamt vier bis fünf Hinweise auf Menschenhandel oder mögliche Zwangsprostitution eingegangen - eine übliche Zahl auch ohne das Sportereignis. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) kam ebenfalls zum Ergebnis, dass das Thema Zwangsprostitution während der WM nicht das befürchtete große Problem geworden sei.

Ein ausdrückliches Lob gibt es deshalb für die präventive Arbeit der deutschen Polizei und der Aktivisten gegen Zwangsprostitution, die wahrscheinlich einen großen Anteil daran gehabt habe, dass die Befürchtungen nicht eingetreten seien. Der Deutsche Frauenrat, der die Kampagne "abpfiff - Schluss mit Zwangsprostitution" initiierte, zieht ebenfalls eine positive Bilanz. Auch wenn sie die vor der WM genannte Zahl von 40.000 zusätzlichen Prostituierten ohnehin für spekulativ gehalten hätten, scheine sich zu bestätigen, dass das befürchtete Ausmaß nicht eingetroffen sei, sagt Sprecherin Ulrike Helwerth. Allerdings handele es sich bei Zwangsprostitution um ein Kontrolldelikt, dass nur aufgedeckt werden könne, wenn man auch danach suche. "Ob die Kontrollen zur richtigen Zeit am richtigen Ort stattfanden, entzieht sich unserer Kenntnis." Auf jeden Fall gebe es inzwischen aber eine deutlich höhere politische und öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema Zwangsprostitution.

Mirjam Mohr/AP / AP

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