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Rückblick: Von neuen Helden und großen Dramen

Das Endspiel der WM 2006 war ein würdiges Finale zwischen den beiden besten Mannschaften dieses Turniers. Und es hat gezeigt, dass der Fußball immer noch die schönsten Geschichten schreibt - und die grausamsten.

Von Klaus Bellstedt, Berlin

Als die 69.000 Zuschauer am späten Sonntagabend um kurz nach 23 Uhr das Olympiastadion verließen, zeigte sich der Berliner Nachthimmel zum letzten Mal bei dieser WM von seiner besten Seite. Der Vollmond schien und die Menschen realisierten sehr wohl, dass nun alles vorbei war. Wohl auch deshalb war die Stimmung nicht so ausgelassen wie noch wenige Stunden zuvor als sich die deutsche Nationalelf von ihren Anhängern auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor verabschiedet hatte. Den Fans merkte man die Wehmut an. Vielleicht aber standen sie einfach auch nur unter dem Eindruck eines faszinierenden Finales zwischen Frankreich und Italien, das wohl als eines der aufregendsten in die Geschichte des Fußballs eingehen wird.

Nicht so sehr wegen des dargebotenen Sports, obwohl auch der über weite Strecken Weltklasse-Format besaß. Es waren vielmehr die kleinen Geschichten mit ihren teilweise dramatischen Zügen, die die Anhänger von "Les Bleus" und der "Squadra Azzurra", aber auch den neutralen Betrachter, in ihren Bann zogen. Da wäre zunächst die Geschichte des beinharten italienischen Verteidigers Marco Materazzi zu erzählen. Dem Mann von Inter Mailand, eigentlich ja nur für den verletzten Alessandro Nesta in die WM-Elf der "Azzurri" gerückt, kam in diesem Finale eine von zwei Hauptrollen zu. Zunächst verursachte Materazzi einen Elfmeter, den Zidane per Lupfer zur frühen Führung für die Franzosen auch verwandelte.

Trezeguets folgenschwerer Fehlschuss

Nur knapp zehn Minuten später, in der 19. Minute, machte er seinen Fehler wieder gut, als er mit einem wuchtigen Kopfball aus zehn Metern den Ausgleich für Italien erzielte. In der Verlängerung dann wurde Materazzi von Zidane mit einem Kopfstoß niedergestreckt. Der Kapitän der Franzosen bekam dafür Rot. Und dann traf der neue Held der "Tifosi" auch noch beim nervenaufreibenden Elfmeterschießen. Apropos Held: Als solcher in Italien unsterblich gemacht, hat sich Materazzis Defensiv-Kollege Fabio Grosso. Erst schickte er 80 Millionen Deutsche mit seinem Last-Minute-Tor im Halbfinale ins Jammertal, im Endspiel nun bescherte er seiner Nation den vierten WM-Triumph, als er den alles entscheidenden Elfmeter sicher zum 5:3 im Entscheidungsschießen verwandelte. Wie lange wird Grosso wohl noch beim US Palermo spielen?

Aber wo es Helden gibt, gibt es meist auch tragische Figuren. David Trezeguet schoss die "Grande Nation" mit seinem Golden Goal im EM-Finale 2000 zum Titel. Gegner damals: Italien. In diesem Finale nun schmorte "Trezegol" bis zur 100. Minute auf der Ersatzbank, bis er endlich für Franck Ribery, eine der Entdeckungen der WM, eingewechselt wurde. Viel Positives konnte er nicht beschicken, das Entscheidende falsch machen dagegen schon. Trezeguets folgenschwerer Fehlschuss an die Latte kostete den Franzosen dieses Mal möglicherweise den Gewinn der Weltmeisterschaft. Und die Italiener werden sich gedacht haben: Es gleicht sich im Leben, aber vor allem im Fußball, alles immer irgendwie aus.

Wie bleibt "Zizou" in Erinnerung?

Alle drei Geschichten werden in Erinnerung bleiben von diesem Finale - und all das wird verblassen. Denn das Bild dieses Endspiels war der unwürdige Abschied eines der größten Fußballspieler aller Zeiten. Zinedine Zidane hat das Denkmal eingerissen, das viele Fans ihm in ihren Träumen errichtet haben. "Zizou" lieferte bis zur 110. Minute eines der besten Spiele seiner Karriere ab. Er glänzte als Torschütze, bereitete vor, rackerte. Ein letztes Mal legte er eindrucksvoll sein schier unerschöpfliches spielerisches Potenzial offen. Auch in der Verlängerung ließ Zidane, gehandicapt durch eine Handverletzung, nie nach.

Dann ging alles ganz schnell: Erst zwang er den italienischen Torhüter Buffon mit einem Kopfball zu einer grandiosen Parade, ein paar Minuten später ritt ihn dann der Teufel, als er Materazzi niederstreckte. Der einst beste Fußballspieler der Welt verließ die Bühne mit einem Eklat. Vielleicht auch deshalb war die Stimmung hinterher nicht so fröhlich, nicht so ausgelassen. Bis auf die feiernden italienischen "Tifosi" fragte sich jeder Einzelne im Stadion, wie man den großen Zinedine Zidane denn jetzt in Erinnerung behalten werde. Ein merkwürdiges Gefühl, das wohl noch lange anhalten wird.

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