Fußball-Nationalmannschaft Schweinsteiger - der bessere Ballack?


Nach dem Ausfall von Michael Ballack bei der Fußball-WM in Südafrika fällt Bastian Schweinsteiger die Chefrolle im deutschen Mittelfeld zu. Der Bayern-Spieler ist bereit für diese Aufgabe. Mehr noch: Er kann Ballack als Leitfigur im DFB-Team sogar ersetzen.
Von Klaus Bellstedt

Als Bastian Schweinsteiger über das WM-Aus von Kapitän Michael Ballack informiert wurde, klang seine Reaktion fast schon ein wenig distanziert. In jedem Fall aber nüchterner als die Reaktionen der anderen Mitspieler und des Trainerstabs: "Es ist natürlich ein Verlust, von der Persönlichkeit und von der Verantwortung, die er trägt. Aber ich bin trotzdem zuversichtlich. Wir haben viele Spieler mit großen Fähigkeiten. Deutschland ist nicht die Mannschaft mit den besten Einzelspielern, aber wir waren immer als Mannschaft sehr stark, das hat uns immer ausgezeichnet", sagte Schweinsteiger. Und ergänzte noch schnell: "Für mich verändert sich nicht viel, ich weiß, wie man ein solches Turnier angeht. Natürlich muss man vorne weggehen, aber das hätte ich auch so gemacht. Ich glaube es ist kein Problem, sich mit jemand anderem einzuspielen."

Es sind bemerkenswerte Worte eines 25-jährigen Mannes. Worte aus denen das pure Selbstvertrauen in die eigene Stärke spricht. Es scheint so als habe Schweinsteiger auf Anhieb realisiert, was nach dem Ausfall von Michael Ballack auf ihn zukommen wird. Aber was noch viel wichtiger ist: An diesem für Bundestrainer Joachim Löw so schwarzen Montag auf Sizilien hat Schweinsteiger seine neue Rolle, seine Chefrolle, im Mittelfeld des DFB-Teams auch direkt angenommen. Es klingt verrückt, aber so ist es im Fußball: Im Ausfall Ballacks liegt Schweinsteigers große Chance, eine für ihn ohnehin schon überragende Saison beim FC Bayern München mit einem ebenso überragenden Auftritt im Dress der Nationalmannschaft bei der WM 2010 in Südafrika zu krönen. Die Chancen stehen gut - auch weil Schweinsteiger einen Prozess der charakterlichen Festigung durchgemacht hat - von seiner sportlichen Weiterentwicklung auf dem Platz einmal ganz zu schweigen.

Zweikampfkultur für sich entdeckt

Lange Zeit war die Frisur von Schweinsteiger wesentlicher Bestandteil der Berichterstattung. Nach dem Sommermärchen 2006 gesellten sich beim Bayern-Profi auch immer wieder halbseidende Schlagzeilen zu denen auf dem Fußballplatz. Talent: klar, aber große Karriere? Uli Hoeneß wusch ihm mehr als einmal den Kopf, aber seine Leistungen im Dress der Roten stagnierten. Selbst als ihm sein alter Kumpel Poldi im Verein an die Seite gestellt wurde, trat keine Besserung ein. Immerhin: Ein Ankerpunkt gab es doch. Das Model Sarah Bradner, mit dem Schweinsteiger seit über drei Jahren eine Beziehung führt, brachte Stabilität in sein Leben. Auf roten Partyteppichen sah man "Schweini" seitdem weit seltener. Der 25-Jährige hat sich spätestens seit Beginn der gerade zu Ende gegangenen Saison voll und ganz dem Fußball verschrieben.

Beim FC Bayern spielt Double-Gewinner Schweinsteiger, der das Champions-League-Finale gegen Inter Mailand an diesem Sonnabend mit seinem Club ja noch vor sich hat, seit letztem August fast ausnahmslos auf Topniveau. Mit Louis van Gaals Königsrochade - Schweinsteiger neben Mark van Bommel auf die Doppelsechs - scheint auch der Spieler selbst seine Mitte gefunden zu haben. Unübersehbar wurde seine gewachsene Präsenz auch dann, als Kapitän van Bommel wegen Gelbsperren fehlte und Schweinsteiger wie selbstverständlich die Kontrolle über das Spiel an sich riss - so wie Michael Ballack in seinen besten Tagen. Vorbei die Zeiten an der rechten oder linken Seitenlinie, wo sein Können sich nur selten entfaltete. Schweinsteiger, der bereits 73 (!) Länderspiele auf seinem Konto hat, hat in der Mitte des Platzes die Zweikampfkultur für sich entdeckt - ohne dabei den wichtigen Aspekt der Spieleröffnung von hinten heraus zu vernachlässigen. Moderner als Schweinsteiger kann man diese so wichtige Position im Weltfußball nicht interpretieren.

"Der Nationalmannschaft einen Stempel aufdrücken"

Aber nicht nur bei den Bayern, auch im Trikot mit dem Adler auf der Brust hat Schweinsteiger längst bewiesen, dass er ein Spieler von internationalem Spitzenformat ist. Beim wichtigen WM-Qualifikationsspiel auf dem Moskauer Kunstrasen gegen Russland, einem Alles-oder-Nichts-Spiel, im letzten Oktober kämpfte und dribbelte er sich aus dem Schatten Ballacks - auch wenn der gegen die Russen ein ähnlich famoses Spiel ablieferte.

Nun fällt Ballack für die WM aus, aber mit Bastian Schweinsteiger steht ein Spieler bereit, der den "Capitano" schon jetzt als Leitfigur im DFB-Team ersetzen kann. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer sagte vor drei Wochen über Schweinsteiger: "Er ist in der Lage, der Nationalmannschaft in Zukunft einen Stempel aufzudrücken." Auch Sammer ist Schweinsteigers Entwicklungsprozess nicht verborgen geblieben. Jetzt muss Bastian Schweinsteiger während der WM in Südafrika im Zentrum den neuen Ballack geben. Vielleicht ist er sogar der bessere Ballack. Die Zukunft hat schon begonnen.

P.S.: Wie schwer trifft der Ausfall von Michael Ballack die deutsche Mannschaft? Kann Schweinsteiger Ballack wirklich ersetzen? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.


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