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Knöchel-Verletzung von Michael Ballack: Das bange Warten auf die Diagnose

Mit einer brutalen Attacke gegen Michael Ballack im englischen FA-Cup-Finale hat Kevin-Prince Boateng, Halbbruder des Nationalspielers Jerome Boateng, für Aufregung im deutschen Trainingslager gesorgt. Die Verletzung ist wohl nicht so schwer wie zunächst angenommen.

Von Mathias Schneider, Sciacca

Kevin-Prince Boateng hat es dann doch noch geschafft in diese deutsche Nationalmannschaft. Er hat sich ja nie etwas anderes gewünscht, als einmal Deutschland seinen Stempel aufzudrücken. Weil Kevin-Prince Boateng, aufgewachsen in Berlin-Wedding, ein sehr selbstbewusster Mensch ist (vorsichtig ausgedrückt), hat es einen wie ihn insgeheim mit Empörung erfüllt, dass Fußball-Deutschland tatsächlich seit Jahren ohne ihn kann. Sicher, da waren ein paar Eskapaden. Im Mai 2009 wurde er wegen Undiszipliniertheiten aus dem Kader der U21 entfernt. Dann gab es noch eine Serie an Tritten auf dem Feld, die im bürgerlichen Leben jede Anklage wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu einem Triumphzug für Staatsanwälte machen.

Tugendhaftigkeit geprüft

Im klassischen Fußball lief es zuletzt, sagen wir mal, moderat. In Portsmouth spielt der Mittelfeldspieler Boateng derzeit noch. Das Team ist nicht nur Pleite, sondern gerade auch noch abgestiegen, als Tabellenletzter. In der deutschen Nationalelf, gespickt mit Talenten wie Müller, Kroos oder Özil, ist da für so einen kein Platz. Zumal die Tugendhaftigkeit eines Kandidaten unter dem Bundestrainer Joachim Löw seit Jahren ebenfalls eingehend geprüft wird. Boateng dürfte all dies nicht sehr beeindrucken. Man sagt ihm eine gewisse Beratungsresistenz nach.

Kurz vor der Weltmeisterschaft in Südafrika, die er nun, da sich die Dinge mit der Heimat Deutschland etwas beschwerlich darstellen, kurzerhand für Ghana, das Land seines Vaters, bestreiten will, ist dieser Boateng jetzt aber doch noch mit Wucht und Nachdruck über die erste Mannschaft seines Heimatlandes gekommen. Sie haben über ihn gesprochen im Teamhotel am Samstagabend auf Sizilien, wo sich die Nationalmannschaft gerade für die WM trimmt. Leider hatte es auch diesmal nichts Gutes zu bedeuten. Tatsächlich sind sie geradezu aufgeschreckt, als sie hörten, was dieser Boateng sich da im fernen London mal wieder geleistet hatte.

Wohl alles nicht so schlimm

Im englischen Pokalfinale war er mit Portsmouth nicht nur auf Michael Ballack, Deutschlands Kapitän in Diensten des FC Chelsea, getroffen. Er hatte Ballack dabei auch noch mit einem arglistigen Tritt auf den Knöchel dermaßen schwer verletzt, dass kurzzeitig gar ein WM-Verzicht befürchtet werden musste. Ballack war fortan beim einseitigen 1:0-Erfolg seines Teams zum Zuschauen verdammt, was ihn wohl weniger bedrückt haben dürfte, als die Sorge, am Ende den Saisonhöhepunkt am Kap zu verpassen.

Es ist dann wohl doch nicht alles ganz so schlimm. Zwar steht noch eine Kernspintomographie am morgigen Montag aus, doch erste Röntgenuntersuchungen ergaben schon einmal, dass Boateng bei seinem Anschlag auf Ballacks Gesundheit zumindest keine Knochenbrüche verursachte. Nun gilt es noch zu klären, ob und wie stark Kapsel und Bänder in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Im fernen Sizilien vernahm man die im Laufe des Abends besser werdenden Kunden mit Erleichterung. Das Pokalfinale zwischen Bayern und Bremen hatten sich die 15 Nationalspieler gemeinsam angesehen, wohl auch, um die wichtigsten Kollegen mal wieder aus der Nähe zu erleben. Um 22.30 erreichte der Bundestrainer Joachim Löw schließlich seinen Kapitän in London. "Die Befürchtung, dass Ballack für das Turnier ausfällt, habe ich jetzt nicht", berichtete Löw tags darauf in der Mittagssonne des Teamhotels Verdura aufgeräumt. Von Sorge keine Spur mehr.

Gefahr scheint gebannt

Noch steht nicht fest, ob Deutschlands Wunderheiler Dr. Müller-Wohlfahrt in München Hand an Ballack anlegen muss. Die Gefahr, dass Löw seinen wichtigsten Mann am Ende wird ersetzen müssen und damit die Statik des gesamten Teams ins Wanken gerät, scheint aber erst einmal gebannt. Ballack sei "enorm wichtig" für ihn als Trainer wie auch für all die jungen Spieler, verriet Löw.

Er hat ja auch schon den einen oder anderen Strauß mit ihm ausgefochten. Im Okotber 2008 hielt ihm Ballack in einem Interview vor, er stelle nicht nach Leistung auf, als Löw seinen Kumpel Torsten Frings nicht mehr recht wollte. Es drohte der Bruch. Zuletzt drängte sich der Eindruck auf, dass sich da zwei wieder zusammengerauft haben. Für beide könnte diese WM 2010 in Südafrika ja gut und gern die letzte fürs Vaterland gewesen sein; Löws Vertrag läuft aus, Ballacks beim FC Chelsea ebenfalls. Das verbindet schon einmal.

Jerome hat es geschafft

Ballack wird wohl erst einmal ausloten, mit wem es in Deutschland weitergeht, bevor er sich zu seiner weiteren Karriere erklärt. In Sizilien soll er bei gutem Befund schon morgen eintreffen. Er wird dann wieder auf Boateng treffen, so viel steht schon fest. Mit weiteren Auseinandersetzungen ist aber nicht zu rechnen. Die beiden werden sich freundlich begrüßen, und Jerome Boateng wird sich vielleicht sogar für seinen Bruder entschuldigen. Er ist der Halbbruder von Kevin-Prince, beide haben sie den gleichen Vater.

Jerome hat es mittlerweile geschafft in die Nationalmannschaft, mehr oder weniger leise. Er gilt als eher ruhiger Vertreter. Wie Ballack wird er seinen Bruder wohl bald wieder sehen. Am 19. Juni spielt Deutschland in Rustenburg gegen Ghana. Kevin-Prince Boateng wird seinem Heimatland dann wieder ganz nahe sein. Und könnte sich doch nicht weiter von ihm entfernt haben.

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