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Slowakei siegt gegen Italien: Weiss gilt plötzlich als Wundermacher der WM

Fußball-Italien kann es auch am Tag danach nicht fassen: Hohn und Spott setzt es nach dem WM-Aus für das Team von Kapitän Fabio Cannavaro, der vor vier Jahren in Berlin noch den WM-Pokal in den Händen hielt. Die Slowakei feiert die Sensation ihrer Fußballer.

Tränen, Trauer und Wut im Land des entthronten Fußball-Weltmeisters, fassungsloser Jubel in der Slowakei: Nach der Blamage des Titelverteidigers bei der 2:3- Niederlage gegen den WM-Außenseiter und dem damit verbundenen Vorrunden-K.o. bei der WM in Südafrika setzte es für Fabio Cannavaro & Co. Schimpf und Schande. "Ich schäme mich meiner Tränen nicht. Wir haben uns blamiert. Nie hätte ich gedacht, dass ich meine Karriere in der Nationalmannschaft so beenden würde", sagte der auch am Tag danach noch tief deprimierte Kapitän Fabio Cannavaro.

"Das war das schlechteste Italien aller Zeiten", klagte "La Gazzetta dello Sport". "Schande!", titelte der "Corriere dello Sport" über das historische Vorrunden-Aus. Und für "La Repubblica" war es das "Waterloo der Azzurri". Nach dem "Sommermärchen" in Deutschland 2006 erlebte der viermalige Champion einen Winteralptraum. Weinend schlich Cannavaro vom Platz im Ellis Park von Johannesburg. Noch nie waren die "Azzurri" bei einer WM Gruppenletzte, noch nie sieglos.

"Tuttosport" verhöhnte die WM-Versager als "Mozzarelle". Minister Roberto Calderoli beschimpfte Trainer Marcello Lippi als "arrogant" und die Spieler als "verwöhnte Millionäre mit Gelatine-Beinen." In Berlin war Lippi auf dem Höhepunkt seiner Karriere zurückgetreten, nach seinem Comeback erlebte er in Südafrika einen demütigenden Abgang. Gennaro Gattuso wusste es schon nach dem Abpfiff: "Jetzt sind wir die Ritter der Schande!" Italiens Fußball-Verbandschef Giancarlo Abete sprach am Freitag im "Casa Azurri" von "großer Traurigkeit", ehe das Team die Koffer für den Heimflug packte.

Die Niederlage gegen die Slowakei war nach den 1:1 gegen Paraguay und Neuseeland der Schlussakt eines italienischen WM-Dramas: Die "Squadra Azzurra" spielte 70 Minuten lang wie gelähmt. "Die Spieler hatten die Angst in den Beinen", gab Lippi zu. So wurde die alte Garde um Cannavaro unsanft von der großen Fußball-Bühne gekickt. Mit ihrem 62 Jahre alten Trainer Lippi traten auch der Abwehrchef (36) und Gattuso (32) ab. Lippis Nachfolger Cesare Prandelli (52) soll den Generationswechsel einläuten, außer dem Deutsch-Italiener Riccardo Montolivo (25) hat sich bei der WM aber keiner der Jungen empfehlen können. "Ich sehe dunkle Zeiten kommen", meinte der derzeit verletzte Nationaltorhüter Gianluigi Buffon.

Während Lippi bei der Pressekonferenz die komplette Verantwortung für das frühe Scheitern auf sich lud, nahm Doppel-Torschütze Robert Vittek wie im Delirium die Trophäe als "Man of the Match" entgegen. "Dieser Sieg macht uns Mut. Wir haben gegen Holland nichts zu verlieren", sagte der frühere Bundesliga-Profi des 1. FC Nürnberg und fasste den nächsten Gegner ins Auge: "Wir sind hier als Außenseiter hingekommen. Vielleicht können wir noch so ein Spiel zeigen, aber Holland gehört zu den WM-Favoriten."

Auf den Plätzen Bratislavas und anderer slowakischer Städte jubelten Tausende so begeistert wie sonst nur nach Erfolgen der Eishockey-Stars, in deren Schatten die Fußballer bisher standen. Das Internetportal "aktualne.sk" schrieb: "Die Slowakei lebt ihren afrikanischen Traum. Herrlich, zauberhaft und unglaublich." Auch Erik Jendrisek sang und tanzte mit den Kollegen in der Kabine. "Wir haben den Weltmeister rausgeworfen. Für das ganze Land ist das überragend", meinte der künftig für den FC Schalke 04 spielende Stürmer stolz. "Wir haben ohne Angst gespielt und unsere Chancen rein gemacht.

Mit feuchten Augen stand Vladimir Weiss auf dem Platz. In diesem Moment war vergessen, dass der Nationaltrainer Journalisten übel beleidigt hatte. "Weiss - unser Wundermacher", titelte die Wirtschaftstageszeitung "Hospodarske noviny". Weiss gab im Nadelstreifen-Anzug und ohne wüste Worte eine gute Figur ab. "Die ganze Slowakei ist überglücklich. Das war ein fantastischer Tag", jubelte der 46-Jährige. "Meiner Frau will ich sagen: Ich liebe Dich! Sie war böse mit mir wegen meines Streits mit den Journalisten."

Ulrike John und Bernhard Krieger, DPA / DPA

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