HOME

Stern Logo WM 2006

Kommentar: Zidane - letzter Held oder unsportlicher Vogel?

Zinedine Zidanes Kopfstoß gegen seinen italienischen Mitspieler Marco Materazzi hat die (WM-)Welt bewegt. Hat es ein Spieler nach solch einem Blackout verdient, in Frankreich als Nationalheld gefeiert zu werden - oder nicht? Auf stern.de streiten sich Klaus Bellstedt und Lutz Kinkel.

"Zizou" - der letzte echte Held


Von Klaus Bellstedt

Zinedine Zidane hat sich selbst und die WM ruiniert? So ein Schwachsinn! Bei echten Fußballfans genießt das Genie weiter Heldenstatus - trotz seines Blackouts.

Schnell vorweg: Zinedine Zidanes Kopfstoß gegen den italienischen Abwehrspieler Marco Materazzi im WM-Finale war eine böse Geste. Für die, und das darf man bei aller Aufregung nicht vergessen, der Franzose mit der Roten Karte ja auch angemessen bestraft wurde. Eine aktuelle Umfrage eines französischen Meinungsforschungsinstituts ergab jetzt, dass über 60 Prozent seiner Landsleute "Zizou" seinen Ausraster bereits wieder verziehen haben. Auch ich habe ihm längst vergeben. Warum? Weil er ein Held ist. Vielleicht sogar der letzte einer ganzen Generation, auf einer Stufe stehend mit Maradona, Pele und Franz Beckenbauer.

"Sie sind ein Virtuose, ein Fußballgenie und auch ein Mann mit Herz, Engagement und Überzeugung. Dafür bewundert und liebt sie Frankreich." Das waren die Worte von Staatspräsident Jacques Chirac beim Empfang des Vize-Weltmeisters gerichtet an Zidane. Und sie sprachen mir so aus der Seele. Nicht nur Frankreich liebt Zidane, sondern alle Fußballästheten auf der ganzen Welt. Er gehört zu der Gattung Spieler, die arg vom Aussterben bedroht ist - zumal jetzt, nach seinem Karriere-Ende. Es sind die Künstler, die uns ins Stadion treiben. Sie sind dafür verantwortlich, dass wir diesen Sport so lieben. Nicht die Marco Materazzis dieser Fußballwelt. Von denen gibt es leider immer noch viel zu viele.

Materazzis fiese Methoden

Damit wir uns hier richtig verstehen. Ich generalisiere nicht. Es geht auch nicht um Künstler und Zerstörer. Nein, gerade die Abwehrspieler der "Squadra Azzurra" haben es bei dieser WM doch gezeigt. Fabio Cannavaro oder auch Fabio Grosso bewiesen eindrucksvoll, wie moderner Defensivfußball aussieht. Der schreckensfreie Grätschenfreund Marco Materazzi verfügt nicht über die Fähigkeiten seines Kapitäns Cannavaro. Weit über die Serie A hinaus sind seine Fouls und Pöbeleien gefürchtet. Auch deutsche Mannschaften können von Materazzis fiesen Methoden ein Lied singen. Fragen sie mal nach bei Werder Bremen. In einem Champions-League-Spiel gegen Inter Mailand schickte der italienische Hüne Angelos Charisteas per Ellbogencheck ins Krankenhaus. Aber Materazzi kann es eben auch mit Worten, wie im WM-Finale, als er Zidane mit Äußerungen wohl über dessen kranke Mutter bis aufs Blut provoziert hat.

Nein, nein, nein: Das alles entschuldigt nicht Zidanes Tat. Der 34-Jährige hätte sich nicht dazu hinreißen lassen dürfen, er hätte auf dem Platz die Antwort geben müssen. Ja, ja, ja: Das wissen wir längst alles. Aber es ist nun mal anders gekommen. Trotzdem wird Zidanes Ruhm zu glanzvoll bleiben, um von diesem trüben Schlußkapitel seiner Laufbahn überschattet werden zu können. Jeder, der sich im Weltfußball auskennt, weiß, dass Brutalität in Zidane ebenso wohnt wie das Genie. Diese Mischung ist hochexplosiv und kommt darüber hinaus äußerst selten vor. Ohne das eine gäbe es bei "Zizou" wohl nicht das andere. So ist das nun mal bei echten Helden, und genau das macht die Faszination "Zinedine Zidane" auch aus. Warum wohl sonst wurde er und eben nicht Fabio Cannavaro von den Journalisten zum besten Spieler der WM gewählt?

Zidane hat die WM ruiniert
Von Lutz Kinkel

Mit einem derben Kopfstoß erledigte Zinedine Zidane seinen italienischen Gegenspieler - und sich selbst. Trotzdem wird er in Frankreich als Nationalheld gefeiert. Wahnsinn.

Zidane dreht sich um, nimmt Anlauf und rammt seinem Gegenspieler Materazzi den Kopf in die Brust. Hätte er den Solar Plexus getroffen, wäre Materazzi vielleicht nicht mehr aufgestanden. Das war die Szene, das sind die Schlüsselbilder aus dem Finale. Sie sind wie ein schwarzes Loch, in dem alles verschwand - die Euphorie, das Mitfiebern, die Fanfeste, das kühle Bier, einfach alles. Zidane hat die WM ruiniert.

Und sich dann in der Kabine verkrochen. Kein Wort, keine Geste, ein Mann im Dunkeln. Wäre er noch mal aufs Feld gelaufen und hätte Materazzi die Hand gegeben - jeder hätte ihm verziehen. Aber dazu konnte er sich nicht durchringen. Lieber blieb er in kranker Einsamkeit, ein komischer, unsportlicher Vogel.

Zidane ist keine historische Größe

Als Zidane nun nach Hause kam, feierten ihn die Franzosen. Staatspräsident Chirac sprach von einem "Genie", einem "Künstler" und erwähnte den Kopfstoß mit keiner Silbe. Im Umkehrschluss heißt das: Kopfstöße sind nicht der Rede wert, sie gehören zum Reportoire des Fußballs, und Zidanes Verhalten ist nicht zu tadeln. Besser kann man den Jugendlichen in den Banlieues nicht beibringen, dass sie Fairness und Gesetze getrost vergessen können.

Der Kulturhistoriker Jakob Burckhardt hat in seinem Essay über historische Größe davon gesprochen, dass ein wahrhaft Großer die Fesseln von Moral, Konvention und geschichtlicher Bedingtheit abwirft. Aber Zidane ist, mit Verlaub, keine historische Größe. Er ist Fußballspieler, ein außerordentlich talentierter sogar, aber sein Genie kann sich nur im Rahmen des fußballerischen Regelwerks entfalten. Außerhalb des Platzes existiert er nicht.

In diese Nichtexistenz ist Zidane nun geworfen. Das letzte Spiel ist gespielt. Er könnte - und sollte - sein Vermächtnis regeln. Einige Worte an Materazzi, einige Worte an die Deutschen, noch ist Zeit dafür. Wenn nicht, mag er, wie so viele "Größen" vor ihm, bockig in der Bedeutungslosigkeit versacken.

Wissenscommunity