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Italien - Niederlande: Die Wirren um den Weltmeister

Italien vertraut beim Auftakt gegen die Niederlande fast exakt der Elf, die 2006 den WM-Titel holte. Doch vieles ist anders - nicht erst seit dem Ausfall von Kapitän Cannavaro. Trainer Donadoni hat ein neues System kreiert, in dem del Piero keine Rolle spielt. Doch es gibt Nebenwirkungen.

Von Frank Hellmann, Oberwaltersdorf

Wolfgang Gauster darf kein Sterbenswörtchen sagen. Dazu ist er von der Uefa vertraglich verpflichtet. Dabei könnte der 36-Jährige eine Menge erzählen - der Österreicher könnte verraten, ob sich Luca Toni in den Sitz lümmelt, ob Gianluigi Buffon Mode- oder Pornozeitschriften liest oder Andrea Pirlo auch im Kreis seiner Kameraden schweigt. All das behält der Busfahrer für sich, er lächelt lediglich - das darf man deuten wie man will. Zumindest ist Chauffeur Gauster ein glücklicher Mensch - nicht jeder seiner Zunft kommt in den Genuss, einen Weltmeisters durchs Land zu fahren.

In seinem Setra-Gefährt mit der Aufschrift "Il cielo è sempre più blu" (Der Himmel ist immer blauer") hat er am vergangenen Montag die italienischen Stars vom Flughafen Wien-Schwechat abgeholt und sie am Sonntag auch wieder zum Flughafen und dann direkt zum Charterflieger gebracht, der sodann gen Bern abhob. Dort im Stadion de Suisse bestreitet Italien heute sein Auftaktspiel gegen die Niederlande (

ab 20.30 Uhr im stern.de-Liveticker

) - es ist das erste echte Highlight des Turniers. Und die Squadra Azzurra platzt vor Optimismus. "Hier ist es kein Vergleich zur WM vor zwei Jahren, als wir intern weit größere Probleme hatten", sagt der Römer Danielo de Rossi in Anspielung auf die Wirren des Wettskandals. "Jetzt haben wir uns in aller Gelassenheit vorbereiten können."

Ähnlich wie die Deutschen oder Schweden leisten sich auch die Italiener den Luxus, nicht in dem Land zu wohnen, in dem die Vorrunde gespielt wird. So ist die Anreise mit dem Flugzeug unvermeidlich - aber von Trainer Roberto Donadoni auch so gewollt. Man ist weit weg von den Fans und hat deshalb im feudalen Schlosshotel Weikersdorf in Baden bei Wien noch mehr Ruhe zur Vorbereitung gehabt, als in der hermetisch abgeriegelten Residenz ohnehin schon herrscht. Niemand soll einen Blick in die edlen Suiten mit Stuckdecken, antiken Möbeln und Hirschgeweihen erhaschen. Das beste daran: Da das Bundesland Niederösterreich sonst kein Teilnehmerland zu Gast gehabt hätte, wohnen die Weltmeister nicht nur umsonst, sondern der italienische Verband soll auch noch 600.000 Euro "Werbeprämie" für den Aufenthalt erhalten.

Verhängnisvoller Zweikampf

Quasi als Entgegenkommen hat Donadoni das Stadion der Südstadt in Maria Enzersdorf, einem eher schmucklosen Vorort von Wien, nicht zugesperrt. 7000 Fans haben deshalb am vergangenen Montag mitbekommen, wie sich Fabio Cannavaro, 34, der beste Spieler der WM 2006, bei einem Zweikampf mit Giorgio Chiellini einen doppelten Bänderriss zuzog, der in der Wiener Privatklinik von Christian Gräbler von Italiens Teamarzt Andrea Ferretti (und im Beisein von Madrids Vereinsdoktor Alfonos Del Coral!) operiert wurde. Es gab keine Komplikationen - und am Freitag weilte Cannavaro schon wieder beim Team. Wie das? Direkt hinter dem Stadion sind weiße Vip-Zelte aufgebaut, die den Spielern in der Südstadt als Kraftkammer dienen. Ausgestattet mit jenen Geräten, die auch österreichische Skifahrer fit machen.

Bis zum Freitag haben die heimischen Medien weiterhin beinahe jede Minute des Trainingsbetriebs beobachten können. Donadoni, 44, auf Italienisch "Commissario tecnico" genannt, macht gar keinen Hehl aus System und Formation. Ein 4-3-3 ist fix - und die Figuren auch. Vor Gianluigi Buffon, dem weltbesten Torhüter, der selbst bei schwülwarmer Witterung eine ulkige wärmende Mütze und lange Trainingsjacke trägt, werden der wohl rechtzeitig genesene Christian Panucci, Andrea Barzagli, Marco Materazzi und Gianluca Zambrotta die Verteidigung bilden. Eine Schwachstelle? Der Bald-Wolfsburger Barzagli und der weltberühmte Provokateur Materazzi sind nicht eingespielt, doch der 34-Jährige mit sein teils Furcht erregenden Tattoos auf allen Körperteilen schert sich darum naturgemäß nicht. Den Goldpokal der WM hat er sich natürlich noch auf die Haut tätowieren lassen. "Ich spüre, dass die Trophäe von Wien noch dazu kommen wird", sagt er. Das Überstehen der "Todesgruppe" mit Frankreich, Rumänien und den Niederlanden setzt er dabei voraus. Typisch italienisches Selbstbewusstsein.´

Das verkörpert auch Gennaro Gattuso bestens, jener unerschrockene Zweikämpfer, den der FC Bayern lange und schlussendlich vergeblich umgarnte. "Wir sind bereit für große Taten", tönte der 30-Jährige vom AC Mailand, der neben Pirlo und de Rossi das Mittelfeld beackert. Der entscheidende Unterschied zu seligen WM-Zeiten: Im Gegensatz zum Defensivstrategen Marcello Lippi verteidigt Gattuso nicht mit Pirlo als Doppel-Sechs auf einer Linie. Nachfolger Donadoni setzt eher auf Offensive und da wären zwei defensive Mittelfeldspieler hinderlich: "Wer hinten nicht sicher sein kann, muss vorne mehr Tore machen."

Immerhin wird das Mittelfeld bei Ballverlusten sofort von Mauro Camoranesi, 31, und Antonio di Natale, 30, unterstützt. Lauf- und willensstarke Außen mit mittlerweile akzeptabler Torquote. Gesetzt ist als Mittelstürmer Luca Toni, der 31-jährige Torschützenkönig der Bundesliga, der in den Trainingsspielen als einzige Offensivkraft nicht von Donadoni zu bedingungsloser Defensivarbeit angehalten wurde. Ansonsten war offensichtlich, dass der Teamchef vor allem bei Ballverlust oder Ballgewinn auf schnelles Umschalten setzt. Denn ein Spielgestalter wie Francesco Totti, der im Sommer vergangenen Jahres seinen Rücktritt erklärte und momentan an den Folgen eines Kreuzbandrisses leidet, fehlt den Italienern. Und für einen wie Alessandro del Piero, immerhin der Torschützenkönig der Serie A mit 21 Treffern, ist kein Platz in diesem Team.

Del Piero im Zuckeltrab

Dafür gibt es gute Gründe, die deutlich zu besichtigen waren. Der verehrte Weltstar lief im Trainingsspiel nur im Zuckeltrab, der Aktionsradius meist auf den Anstoßkreis begrenzt. Del Piero trug als einziger einen himmelblauen langärmeligen Pullover, den er sofort über seine Hände zog, als ein Schauer herabging. Die vermeintlich erste Elf lief sich die Lunge aus dem Leib, während del Piero herum spazierte. Kaum Akzente, keine Schüsse - sein einziger Freistoßversuch landete zehn Meter neben dem Tor von Buffon. Der Welttorwart wird übrigens auch von Cannavaro die Kapitänsbinde übernehmen - obwohl del Piero die meisten Länderspielen (86) bestritten hat.

Immerhin hat der 33-Jährige gelernt, daraus kein Politikum zu machen - in Italien ist es ja ohnehin längst eines. "Es ist nicht zu verleugnen, dass ich meine besten Leistungen als hängende Spitze gebracht habe. Ich kann neben oder hinter Luca Toni spielen. Aber ich warte die Entscheidung des Trainers ab." Das war seine Botschaft aus der Casa Azzurri in Oberwaltersdorf, einer ehemaligen Bettfedernfabrik, die die italienischen Medien zum chicen Domizil für ihre täglichen Presserunden umfunktioniert haben, auf denen viel geredet, aber wenig verraten wird.

Del Piero wollte zum Startspiel bloß keine Forderungen, erst recht keine Kritik äußern. Denn damit ist das Idol ja schon mal auf die Nase gefallen: Beim 0:0 im Qualifikationsspiel gegen Frankreich im September 2007 spielte del Piero 83 Minuten auf der linken Seite unterirdisch schlecht - und suchte danach die Schuld bei Donadoni. "Entweder setzt man mich in der Spitze, hinter der Spitze oder gar nicht mehr ein", moserte er - hernach fand er sich gar nicht mehr im Kader wieder. Deshalb drückt auch Antonio Cassano wohl erst einmal die Bank - er hatte im Training den Cannavaro-Foulspieler Chiellini beschimpft und sich danach mit Donadoni gefetzt.

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