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Fußball-Presseschau: Wie Männer, die im Juni ein Unterhemd tragen

Bissige Kritik an den Italienern, die mit "zynischem" Fußball die Spanier in eine Falle locken wollten; doch Spanien ist gewappnet gewesen / Ist Deutschland gegen die Türkei hoher Favorit?/ Vorwurf an die Bayern wegen der Verhandlung mit Mario Gomez. stern.de und "indirekter freistoß" blicken in die Gazetten.

Birgit Schönau (Süddeutsche Zeitung) ist enttäuscht über ihre Italiener und verspottet Trainer Roberto Donadoni: "Was kann man auch von einem Trainer erwarten, der in einer solchen Sommernacht ein Unterhemd trägt? Und es hervorlugen lässt, das Untertrikot, in der Nacht der Nächte aufblitzen lässt unter der Klubjacke, dem Designerhemd, dem schweren Tuch des Made in Italy? Ja, ist denn November? Waren denn Stürme zu befürchten, Temperaturstürze, Hagelschauer, alles das, was eine italienische Mutter zu dem Spruch veranlasst hätte, den Generationen von Italienern verinnerlicht haben: Und zieh dein Wollhemd an. - Aber es ist Mitte Juni, Mamma. - Robertino, man weiß nie. Am Ende fühlst du kalt am Bauch. 'Unterhemd! Das hätte Lippi niemals getan', lästert die Gazzetta. Noch nicht mal im November! Was Lippi auch nicht getan hätte: Toni Torlos 120 geschlagene Minuten auf dem Platz lassen, Simone Perrotta viel zu lange beim Stolpern zusehen, Daniele De Rossi anstatt Alessandro Del Piero den dritten Elfmeter schießen lassen. Was Lippi sicher nicht geboten hätte: Gegen Spanien zwei Stunden mauern, mörteln, murksen. Vier EM-Spiele ohne ein einziges Stürmertor - ach was: Ohne ein einziges Tor aus einer Offensivattacke. Und später sagen: 'Wir gehen erhobenen Hauptes. Auf dem Platz wurden wir nicht besiegt. Es tut mir Leid für die Tränen der Jungs.' Die Azzurri hatten gespielt, wie Männer spielen, die im Juni ein Unterhemd tragen. (…) Italien demonstrierte einen Rückfall in alte Zeiten, die man seit 2006 überwunden glaubte."

Lippi macht sein Segelboot fest

Flurin Clalüna (Neue Zürcher Zeitung)

vermutet, dass Italien auf eine bewährte Lösung zurückgreifen wird: "Vielleicht zwanzig Mikrofone warten auf Geständnisse. Aber es wird nicht der Tag der Reue, nicht der Tag der Beichte. Nur ein Bekenntnis schwebt nach dem Ausscheiden unausgesprochen über dem schwülen Pressesaal: Der zynische Plan der Italiener, den Gegner wie gewohnt in Sicherheit zu wiegen, ihn mit Geduld zu überlisten und in die Falle zu locken, war zwar perfekt. Aber er ging nicht auf. Weil sich die Spanier nicht ködern ließen, weil sie den Hinterhalt erkannt hatten und sie um eine homöopathische Dosis besser spielten als die Azzurri in diesem kläglichen Viertelfinal. Donadoni weiß, dass hinter den Kulissen sein Vorgänger Marcello Lippi schon bereit steht, der Weltmeister-Trainer von 2006, der alle Angebote ausgeschlagen hat, die ihm andere Verbände oder Klubs zuletzt unterbreitet hatten. Nun scheint Lippi aber bereit, das geliebte Segelboot, mit dem er in der vielen Freizeit unterwegs war, irgendwo in einem Hafen festzumachen und zum italienischen Nationalteam zurückzukehren."

La Repubblica

schreibt: "Das Verdienst Italiens war es, die Gegner gezwungen zu haben, 120 Minuten lang unter ihrem Niveau zu spielen."

Respektvoll aber nicht schön

Sven Goldmanns (Tagesspiegel)

Liebe zu den Spaniern hat einen kleinen Kratzer bekommen: "Selten hat man die Spanier so berechnend, so taktierend, ja so leidenschaftslos gesehen. Oder, positiver formuliert: Dieses Mal spielen sie nicht nur mit dem Herz, sondern mit dem Kopf. Bei der WM waren sie nach brillanter Vorrunde als haushoher Favorit in das Achtelfinale gegen die kriselnden Franzosen gegangen und von diesen eiskalt ausgekontert worden. Die Parallele zum Viertelfinale gegen die gealterten Weltmeister ließ sich schwer aus den Köpfen der Spieler verdrängen. Dass sie sich dennoch nicht zu einem Sturmlauf verleiten ließen, verdient Respekt. Schön anzuschauen war es nicht."

Die Türken sind viel mehr als das Bielefeld Europas

Vor dem Halbfinale nimmt

Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Deutschland die Bürde des Favoriten: "Selten herausragend gespielt, aber oft genug ganz oben dabei: Das Ausland staunt wieder einmal über die Mannschaft, die sich durch die EM-Gruppenspiele gerumpelt und dann ein tolles Spiel gegen Portugal hingelegt hat. Leiten sich daraus Gewissheiten für das Halbfinale gegen die Türkei ab? Vorsicht ist geboten. Den verletzungsgeplagten Türken gehört das Momentum. Manche halten sie sogar für die Griechen von heute. Das Comeback der Underdogs haben sie auf ihren EM-Etappen schon dreimal gefeiert. Wie zukunftsträchtig der türkische Fußball ist, weiß niemand so recht. Einstweilen ist er auf hohem Niveau angekommen. Sich dort zu halten ist bei der paneuropäischen Fluktuation schwer. Von den Halbfinalisten vor vier Jahren, Griechenland, Portugal, Tschechien und die Niederlande, ist jedenfalls niemand mehr dabei."

Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung)

ergänzt: "Ach, wie schön war das nur gegen Portugal! Da haben die Deutschen genüsslich den Außenseiter-Status kultiviert, sie haben sich kleingemacht bis zur Unsichtbarkeit, und umso entgeisterter waren die zugspitzhohen Favoriten aus Portugal, als die Unsichtbaren sie von der ersten Sekunde an ziemlich sichtbar attackierten. Joachim Löw weiß genau, wie gefährlich dieses Halbfinale ist - zumal die Türken viel mehr als das Bielefeld Europas sind."

Im Nationalteam für Unruhe gesorgt

Andreas Lesch (Berliner Zeitung)

kritisiert Bayern München: "Die Spekulationen um die Zukunft der deutschen Stürmer reißen nicht ab. Es fällt auf, dass alle Gerüchte um den FC Bayern kreisen, jenen Klub, den künftig Jürgen Klinsmann trainiert. Man muss dem früheren Bundestrainer nicht unterstellen, seinen Nachfolger Löw stören zu wollen. Fest steht jedoch, dass die Münchner mit ihrem Werben um Mario Gomez im Nationalteam für Unruhe sorgen. Wer das Theater begonnen hat, dazu gibt es zwei Theorien. Die eine Theorie besagt, dass erst die Münchner Gomez umgarnt haben und darauf Podolski von seinem Weggang gesprochen hat, womöglich zu seinem Heimatklub, dem 1. FC Köln. Die andere Theorie besagt, dass die Münchner zuerst von Podolskis Abwanderungsgelüsten erfahren und sich danach um Gomez gekümmert haben."

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