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Frankreich - Italien: Beim Weltmeister geht die Angst um

Endet auch diese EM im Fiasko? Genau wie in Portugal droht Italien auch diesmal das Aus in der Vorrunde. "Noch so einen K.o. wie vor vier Jahren würde ich nur schwer verkraften", sagt Gianluigi Buffon vor dem Duell mit Frankreich (ab 20.30 Uhr im stern.de-Liveticker). Dabei ist der Torhüter der Einzige, auf den wirklich Verlass zu sein scheint.

Von Frank Hellmann, Bad Waltersdorf

Mamma mia! Was ist denn da los? Hohn und Spott wird der Squadra Azzurra schon zuteil, da ist die erneute Neuauflage des WM-Endspiels von 2006 zwischen Italien und Frankreich noch gar nicht angepfiffen. Viel hätte nicht gefehlt, dann wäre nämlich die italienische Nationalelf ohne ihren Mittelfeldakteur Simone Perrotta vom Flughafen Wien-Schwechat nach Zürich geflogen. Was war passiert? Trainer Roberto Donadoni hatte generös die Türen des Schlosshotels Weikersdorf in Baden bei Wien geöffnet, um seinen Stars den Besuch der Spielerfrauen zu erlauben. So ein bisschen Busseln und Schmusen mit den Lieben kann ja nicht schaden, um wieder auf fruchtbare Gedanken zu kommen. Doch Perrotta vergaß beim Liebesspiel offensichtlich Zeit und Raum - jedenfalls fehlte der 30-jährige Römer, als der Mannschaftsbus abends die Kicker wieder heimbringen sollte. Erst die zu Hilfe gerufene Polizei brachte den Spieler wieder ins Quartier zurück - eine Petitesse, gewiss, aber auch ein gefundenes Fressen für die Schlagzeilenmacher. Sex wichtiger als Fußball? So etwas lässt sich immer verkaufen.

Ist das gar ein gutes Omen für den heutigen Showdown in der Schweiz? In der traditionsreichen Leichtathletikstätte des Züricher Letzigrunds, dem Geburtsort diverser Weltrekorde, entscheidet sich, was aus dem Weltmeister wird. Genau wie 2004 in Portugal droht das vorzeitige Ausscheiden in der Vorrunde – und genau wie vor vier Jahren hat es Italien gar nicht mehr selbst in der Hand. Ein Sieg gegen Frankreich ist Pflicht, Rumänien darf gegen die Niederlande nicht gewinnen - sonst ist auch diese EM vorzeitig zuende.

"Holland, bleib ehrlich!", bettelte deshalb die Zeitung "Tuttosport". Sie sind nämlich wieder da, die Erinnerungen an die vorige EM in Portugal, als die Schweden und Dänen beim 2:2 nach Meinung der Tifosi einen Komplott geschmiedet und die ungeschlagenen Italiener vorzeitig nach Hause geschickt hatte. Ein ähnliches Szenario hält Donadoni jedoch für unwahrscheinlich: "Wir denken nicht an die Holländer. Selbst wenn sie ihre Stars schonen, wird sich die zweite Garde beweisen wollen. Keiner geht auf den Platz, um zu verlieren." Und auch Verbandschef Giancarlo Abete mochte kein weiteres Öl ins Feuer gießen: "Momentan will ich an das Gute im Sport glauben. Doch sollten bestimmte Dinge eintreten, muss man sich über den Modus Gedanken machen."

"Noch so einen K.o. würde ich nur schwer verkraften"

Am vergangenen Sonntag hatte man Gianluigi Buffon zum offiziellen Pressetermin ins Casa Azzurri geschleppt, dem Medienzentrum der Italiener in Bad Waltersdorf, was eine verdammt kluge Idee in einer verdammt gefährlichen Gemengelage war. Zum einen taugt der smarte Italiener mit dem pechschwarzen Haar, dem gepflegten Dreitagebart und dem hochgeschlagenen weißen Hemdkragen wie kaum ein anderer zum ansprechenden Fußballmodel, an dem sich Fans und Fotografen gleichermaßen erfreuen. Zum anderen dient derzeit allein der 30-jährige Welttorhüter den Medien dazu, vor dem "Endspiel" auf gute Stimmung und traute Zuversicht zu machen. Jedem anderen, erst recht nicht dem eigentlich schon entlassenen Trainer Donadoni, würde man die vielen Worthülsen gar nicht glauben. Aber wenn Buffon sagt: "Uns macht das noch stärker, wenn wir nach dieser bislang nicht so glücklichen Gruppenrunde weiterkommen", war das eine Botschaft und eine Nachricht.

Er hat sich nach dem Ausfall von Fabio Cannavora die grellgelbe Kapitänsbinde an den rechten Oberarm binden dürfen, er war der Ausnahmetorhüter, der mit einer außergewöhnlichen Elfmeterparade gegen Adrian Mutu, bei der rechte Hand und rechter Fuß im seltenen Gleichklang funktionierten, überhaupt das 1:1 gegen Rumänien sicherte. Für das rosafarbene Sportblatt "Gazzetta dello Sport" ist er jetzt "San Buffon", der Heilige Buffon. Und auch die anderen Gazetten singen das Hohelied auf "Supergigi". "Dank Buffon haben wir noch Zeit, bevor wir die Koffer packen müssen", urteilte "La Stampa".

"Wir müssen das Spiel unseres Lebens machen. Noch so einen K.o. wie vor vier Jahren in Portugal würde ich nur schwer verkraften", sagte der Tormann. So etwas hört die italienische Presse gerne – die derzeit allein die Nummer eins von den vernichtenden Kritiken ausspart. Ansonsten vergeuden die Berichterstatter erstaunlich viel Kraft damit, sich auf absurde Verschwörungstheorien einzuschießen, was Buffon gar nicht guthieß: "Wir müssen die Schiedsrichter und all diese Überlegungen vergessen. Es zählen nur das Spiel gegen Frankreich und das Ergebnis."

Donadonis Ablösung scheint beschlossene Sache

Frage nur, ob das Donadoni wirklich hilft. Seine Ablösung scheint hinter den Kulissen längst beschlossene Sache. Wahrscheinlich ist, dass dann WM-Architekt Marcello Lippi zurückkehrt. "Ob ich zurück zur Nationalmannschaft komme? Sag niemals nie", erklärte Lippi jüngst. Um den 44-jährigen Donadoni, der außer seinem Intermezzo in Livorno noch keinen Erstligisten trainiert und keinen Titel gewonnen hat, spielen sich dieser Tage absurde Szenen ab. Die offiziellen Pressekonferenzen entarten nicht selten zu minutenlangen Monologen vermeintlicher Experten, die dem Coach all seine Fehler in Sachen Taktik, Ein- und Aufstellung oder Personalauswahl ankreiden. Und der grau melierte Mann sitzt da und tut nichts. Immerhin hat er am Montagabend trotzig versprochen: "Wir geben alles, was in uns steckt. Wir haben unsere Koffer noch nicht gepackt."

Doch es sind schlicht zu viele Dinge, die in seinem Ensemble nicht passen wollen. Ohne Abwehrstar Alessandro Nesta, ohne den verletzten Cannavaro fehlt ein Stabilisator im defensiven Zentrum. Im zentralen Mittelfeld sind weder Andrea Pirlo oder Gennaro Gattuso die prägenden Figuren wie in seligen WM-Zeiten, sondern brave und ausrechenbare Mitläufer, denen die letzte Konsequenz fehlt. Und mittig im Sturm hat ein Luca Toni auch schon mal treffsicherere Zeiten erlebt; das ist gar nicht so lange her.

Also, was tun? "Wir sind die Weltmeister", sagt Daniele de Rossi trotzig. Das ist auffällig oft in der heilen Welt nahe Wien von den Italienern zu hören – beim Training im Stadion der Südstadt wird gelacht und geflachst, und Donadoni ist oft mittendrin. Es soll nicht grundsätzlich ein schlechtes Zeichen sein, wenn gute Laune herrscht, doch die Mixtur aus Sex, Spaß und die Erinnerung an die Meriten der Vergangenheit scheint nicht das richtige Rezept, um bei dieser EM noch auf den richtigen Weg zu finden. Frech grinsende und singende österreichische Kinder haben am Sonntag in Bad Oberwaltersdorf schon geprobt, wie das Motto nach dem heutigen Spiel lauten könnte: "Arrivederci, Azzurri!" Buffon hat sie einfach angelächelt und ihnen trotzdem ein Autogramm gegeben.

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