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Vuvu-Tela - Die WM im TV: Als die Tröten schwiegen

Auf dem Weg zum WM-Titel haben die Fernsehsender noch das letzte bisschen Schland-Euphorie aus den feiernden Massen herausgekitztelt. Nur ein müdes Moderatoren-Duo fiel aus dem Rahmen.

Von Björn Erichsen

Es hat sich ausgetrötet. Mit dem Schlusspfiff des Finales und dem Sieg der Spanier ist es nun vorbei mit den Vuvuzelas. Doch gerade als am späten Sonntagabend ein bisschen Ruhe einkehrte, machte Oliver Kahn ein unerwartetes Geständnis: "Ich glaube, ich werde sie vermissen", gestand der TV-Experte der verdutzten Moderatorin Kathrin Müller-Hohenstein. Da hatten aber auch beide schon ganz kleine Augen, sie waren erschöpft von dem TV-Marathon in den letzten Wochen, beide sichtlich froh, dass der WM-Wahnsinn nun vorbei ist. Wer weiß, vielleicht läuft es mit der WM-Berichterstattung ja ähnlich wie bei Kahn mit den Vuvuzelas: Man vermisst das ganze Gedröhne erst, wenn es nicht mehr da ist.

Beim wichtigsten Fernsehereignis des Jahres wollten vor allem ARD und ZDF zeigen, dass sie das Gebührengeld wert sind. Während RTL mit Jauch, Klopp und Klinsmann auf den Promi-Faktor setzte, haben die Öffentlich-Rechtlichen dick aufgefahren: Rund 150 Mitarbeiter sorgten für Berichterstattung rund um die Uhr, Hintergründe, Reportagen, Land und Leute, Aids und Kriminalität. Die erste Fußballweltmeisterschaft in Afrika "in allen Facetten" und in HD abbilden, so das Ziel. Tatsächlich fanden mehr als 70 Prozent die Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen "gut" bis "sehr gut" - so zumindest eine von ARD und ZDF selbst in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage.

Ständiges Drehen an der Euphorieschraube

Der Erfolg von Jogis wilden Jungs war für die Sender ein Glücksfall, nur zu gern wurde da noch mal an der Euphorieschraube gedreht: mit deutschen Toren in Superzeitlupe, Lampards Lattenschuss, dem weinendem Diego - niemand konnte sich daran satt sehen. Dazu immer wieder Schwenks über euphorisierte Massen auf den Fanfesten. Auf einmal waren auch für die Öffentlich-Rechtlichen Orakel-Kraken relevant. Und alles, was Opa und Oma Müller so von sich gaben ("Der Thomas is a brava bua"). Das Publikum wollte alles von seinen Helden wissen, und die Sender lieferten. Geradezu aberwitzig gerieten manche Direktschalten ins DFB-Quartier, wenn wahlweise Claus Lufen (ARD) oder Michael Steinbrecher (ZDF) allein und frierend im Halbdunkel standen und mal wieder nur berichteten konnten, dass seit der letzten Schalte nichts Wesentliches passiert sei.

Anders als der Bundestrainer setzten die Fernsehsender bei ihren WM-Teams vor allem auf ihre alte Garde: Neben Top-Reporter Béla Réthy durfte auch WM-Urgestein Wolf-Dieter Poschmann noch einmal für das ZDF ran. In der ARD drehten Netzer und Delling eine lange Abschiedsrunde, irgendwo zwischen business as usual und bemüht. Man konnte noch ein paar Mal Schmunzeln - und sich jetzt auf Mehmet Scholl freuen. Sollte jemand wissen wollen, warum Waldis brachialer WM-Club auch bei dieser WM wieder einen Sendeplatz bekommen hat: Auch am letzten Samstag schauten wieder vier Millionen Menschen zu.

KMH zwischen Reichsparteitag und PR-Panne

Das Tempo, mit dem sich ZDF-Vorzeigesportfrau Kathrin Müller-Hohenstein zum Störfaktor für die sorgsam gepflegte Mainzer Harmonie entwickelte, war ebenfalls atemberaubend. Der "innere Reichsparteitag" war ebenso peinlich wie ihre Frischmilch-PR-Panne. Schwerer wiegt da fast schon, dass das Zusammenspiel mit dem Fußball-Experten Oliver Kahn nicht funktioniert: Den beiden will partout kein Gespräch gelingen. Er redet zu lang, zu machohaft, aber nicht mehr wie Vul-Kahn, eher wie der Vorstandsassistent einer Unternehmensberatung. Sie kann mit seinen Satzstanzen wenig anfangen, sagt lieber nichts, hat aber meist eh gleich wieder eine Schalte. Hart, aber wahr: Zwischen den beiden müden Gestalten am Sonntagabend war der Schweizer Schiri-Experte Urs Meier ein kleiner Farbtupfer.

Das Gegenprogramm lief während der WM auf RTL. Jürgen Klopp und Günther Jauch haben sich gesucht und gefunden, als einzige probierten sie es mit der Spaßmoderation auf großer Bühne. Das funktionierte recht gut, auch wenn bei Partien wie Schweiz-Südkorea das Sommermärchen ein ferner Traum bleibt. Unwahrscheinlich dagegen, dass der Sender Jürgen Klinsmann als Co-Moderator behält, zu wenig hatte der "schweigende Schwabe" zu sagen. Dennoch: RTL kann die WM als Erfolg verbuchen. Nach der eher unglücklichen Berichterstattung 2006 hat RTL gezeigt, dass auch ein Privatsender WM kann.

Doch jetzt ist erst mal Ruhe, und das ist auch gut so. Jetzt heißt es wieder zur Besinnung kommen nach all der Bilderflut, sich endlich wieder auf die Krise konzentrieren oder faul ins Sommerloch fallen. Müller-Hohenstein und Oliver Kahn wünscht man von Herzen einen schönen Urlaub. Doch zuvor galt es, noch eine kleine Peinlichkeit zu ertragen: "Ich soll dir einen Antrag machen, hat man mir gerade aufs Ohr gegeben", sagte Müller-Hohenstein scherzhaft - und Kahn entglitten die Gesichtszüge. "Das heißt: Ja, Baby", meinte sie, während er nur stammelte. Da war es wirklich gut, dass die letzte WM-Sendung bald vorbei war. In dieser Form jedenfalls wird man das ungleiche Paar in etwa so vermissen wie das Dröhnen der Vuvuzelas.

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